Der Hep-Putsch

Die Grünen entmachten ihren Bürgermeister

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Getroffen von der Niederlage: Monatzeder am Dienstag bei der Ausschusssitzung im Rathaus.

München - Paukenschlag im Rennen um die OB-Wahl im Jahr 2014: Die Münchner Grünen haben ihren Kandidaten nominiert - und es ist nicht Hep Monatzeder.

Die Stunde schlägt Bürgermeister Hep Monatzeder (60) gegen 9.20 Uhr – als Läuten seines Handys. Der Grünen-Stadtchef Sebastian Weisenburger (29) schreibt aus der Zentrale, wo sie seit einer Stunde die OB-Kandidaten-Stimmzettel zählen. Und die SMS gleicht einem Putsch: Nallinger 61%, Monatzeder 31%, Hoenning 8%. Die Stadträtin Sabine Nallinger holt schon im ersten Wahlgang eine Mega-Mehrheit der Mitglieder und wird OB-Kandidatin. Die Grünen wählen ihren eigenen Bürgermeister ab!

„Das war nicht mein bestes Jahr“, sagt Monatzeder und versucht, gelassen zu bleiben. „Erst hatte ich einen Verkehrsunfall, jetzt diesen Betriebsunfall.“ Den Motorrad-Crash im April auf den Philippinen hat er überlebt, dieser Putsch bedeutet sein politisches Ende – spätestens in 21 Monaten.

Seit 22 Jahren sitzt Monatzeder für die Partei im Stadtrat, seit dem Anbeginn von Rot-Grün in München. Seit 16 Jahren ist er Bürgermeister, nur drei Jahre weniger als die OB-Amtszeit Christian Udes (64). Den will seine Partei zum Ministerpräsidenten machen und die Grünen schieben ihren bekanntesten und beliebtesten Mann aufs Abstellgleis.

Der Bürgermeister steckt sein Handy ein und geht in den Großen Sitzungssaal, wo es im Kreisverwaltungsausschuss um die Sperrung der Blutenburgstraße für Reisebusse geht und um ein Kultur-Mitternachts-Shopping in den Stadtteilen. Monatzeder führt die Sitzung wie immer. „Ich bin ja jetzt nicht auf der Flucht“, sagt er am Rand der Sitzung. Leider muss er vorzeitig gehen – eine Krisensitzung bei Ude.

Monatzeders Rücktritt hat nie im Raum gestanden. Schon vor Wochen kam es im OB-Amtszimmer bei einem der häufigen Vieraugengespräche zum Schwur. „Wir wollen unsere gemeinsame Amtszeit bis 2013 und 2014 voller Engagement und Würde zu Ende bringen, egal in welche Turbulenzen wir geraten“, sagt Ude der tz. Monatzeder könne sich auf die Mehrheit des Stadtrats verlassen – und auf seine Freundschaft.

„Ich mache jetzt meine Jahre zu Ende“, betont Monatzeder. „Dann ist irgendwann die Zeit um und dann kommt der 30. April 2014. Und dann ist Schluss.“ Für die Grünen will er nicht mehr kandidieren. Wahlkampf will er auch nicht machen – nicht für seine Partei, schon gar nicht für Nallinger.

Ein paar Projekte will er aber noch durchziehen: das Islam-Zentrum samt Moschee namens ZIEM, die Sanierung der Städtischen Kliniken, die Vollendung des Deutschen Theaters. Das klingt nach einem vollen Programm für höchstens 21 Monate – und für einen Politiker, der seinen Rückhalt in der Partei verloren hat, auch wenn das alle bestreiten. Persönlich angesprochen hat ihn aber niemand vom Vorstand.

Die Angriffe werden zunehmen, gerade bei den Kliniken. Rot-Grün wird ihnen heute einen Scheck über 200 Millionen Euro ausstellen, um sie vor der Pleite zu retten. Bislang ging die Opposition recht zurückhaltend mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden um. In Zukunft wird es leichter, ihn persönlich anzugehen. Und auch bei Rot-Grün wird die Versuchung wachsen, Verantwortung bei dem Aufsichtsratschef abzuladen, bei Monatzeder, dem Bürgermeister auf Abruf. „Mit Angriffen bin ich immer gut zurechtgekommen“, sagt er und lächelt. „Ich kann mir selber helfen.“

Auch für Rot-Grün wird es schwerer. Nallinger muss nun den Ton angeben, um sich zu profilieren. Schon in ihren ersten Reden hat sie einen Oppositionswahlkampf gemacht, Zehntausende Wohnungen versprochen. „Das ist dann nicht mehr mein Problem“, sagt Monatz­eder. „Ich habe immer nur versprochen, was ich halten konnte.“

David Costanzo

Ude: Wahl wenig weise

„Hep hat getan, was er konnte“, so Ude über seinen Bürgermeister.

„Ich halte die Entscheidung nicht für weise, aber für verständlich“, sagt OB Christian Ude (SPD) über die Wahl Nallingers zur grünen OB-Kandidatin. Es sei nicht weise, nicht den bekanntesten und beliebtesten Repräsentanten der Grünen an die Spitze zu stellen und zusätzliche Prozent auch für die Partei zu gewinnen. Verständlich sei dagegen, dass die frauenbewegten Grünen auch einmal eine Frau auf den Schild heben wollen. „Hep Monatzeder hat getan, was er konnte“, sagt Ude über seinen Freund.

Für die SPD sei die Kür ein „Himmelsgeschenk“. Wenn die grüne Kandidatin Sabine Nallinger darauf verzichte, gemeinsame Erfolge zu benennen, und sich lieber in die Oppositionsreihen mogle, könne die SPD die Erfolge für sich verbuchen. Ihr spektakuläres Versprechen Zehntausender Wohnungen, werde ihr noch „wie Steinplatten auf den Kopf fallen“. Er schätze sie als kompetente Politikerin in ihren Fachbereichen Verkehr und Solarenergie. „Was ihr fehlt, ist das politische Gespür und das Rollenverständnis, dass sie nicht als Wutbürgerin antritt, sondern als Vertreterin einer regierenden Koalition.“

David Costanzo

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