100 Jahre: Happy Birthday, Grünwalder

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Einst ein Schmuckkästchen: Das Grünwalder Stadion.

München - Die Liebe zum Sechzgerstadion – sie lebt von den vielen Legenden. Am Samstag jährt sich der erste Kick an der Grünwalder Straße das 100. Mal. Ein Jahrhundert voller Geschichten.

Dass heute kaum 10 000 Zuschauer ins ehrwürdige Sechger dürfen, das hätte sich in den 60er-Jahren niemand vorstellen können. 45 000 Besucher drängten sich beim ersten Bundesliga-Derby zwischen dem TSV 1860 und den Bayern im August 1965 im Grünwalder Stadion. Unter den Besuchern, so berichtete damals der Merkur, seien „etwa 5000 Rabauken“ und „40 000 andere durchwegs ehrenhafte Bürger“ gewesen. „Auf den Rängen wird munter gerauft, Bierflaschen fliegen herum, mit einem Satz: Es herrscht eine Prachtstimmung.“

Die Liebe zum Stadion ist bei vielen Löwen-Fans ungebrochen – auch und gerade bei den jungen, die die 80er-Jahre nicht mehr erlebt haben, geschweige denn die Meisterschaft von 1966. Für Roman Beer ist das nicht überraschend. Der 31-Jährige ist Chronist des Stadions, hat soeben die zweite Auflage seines Buches über die Stadiongeschichte vorgelegt, und sagt: „Wer die Meisterschaft 1966 noch miterlebt hat, ist gewohnt, dass Sechzig die Nummer Eins ist. Bei den Leuten, die zu einer Zeit dazugekommen sind, als Sechzig die Nummer Zwei in der Stadt war, ist das anders.“ Sie seien oft bei den Löwen gelandet, weil sie nicht zur Masse gehören wollten. Da wird das Stadion wichtiger: „Man lebt von der Tradition, wenn man keinen sportlichen Erfolg hat.“ Eine Tradition, die sich auch aus den vielen Legenden speist, die Beer zusammengetragen hat.

Stadionnachbarn

Zum Beispiel die von den Bewohnern der gegenüberliegenden Häuser an der Grünwalder Straße. Aus Hans Blendingers Wohnung im dritten Stock hatte man stets einen formidablen Blick aufs Spielgeschehen. Als die Haupttribüne nach dem Krieg noch zerstört war, wurde sein Wohnzimmer einmal sogar zur Umkleidekabine. Als Gegenleistung gab es von den Spielern des DSC München eine Stange amerikanischer Zigaretten. Den Löwen blieben die Blendingers stets verbunden – aber nicht um jeden Preis. Als Löwen-Präsident Wildmoser ihnen 1995 zwei Dauerkarten fürs Olympiastadion anbot, lehnten sie dankend ab.

Ein gefürchteter Ort

Aber nicht nur die Fensterplätze waren beliebt, in der Nachkriegszeit drängelten sich die Anhänger auch auf den Dächern der umliegenden Häuser. Franz Beckenbauer, in Giesing aufgewachsen, erinnert sich: „Vor allem bei Westwind spitzten wir die Ohren, denn Beifallsorkane wie auch Missfallensgetöse schwängerten die Luft über Obergiesing hinaus. Von einer Atmosphäre wie in England schwärmten die Zuschauer.“ 58 200 Zuschauer kamen 1948 zum Oberliga-Spitzenspiel der Löwen gegen den 1. FC Nürnberg – bis heute Rekord. Solche Zustände herrschten in den 80er- und 90er-Jahren natürlich nicht mehr, und doch blieb das Sechzger gerade als Gegenentwurf zu den großen Stadien ein heißgeliebter Ort. Thomas Miller, für die Fans der „Fußballgott“, schnürte von 1989 bis 1997 seine Kickstiefel für die Löwen. Er erinnert sich: „Gegnerische Mannschaften haben sich immer wieder gefragt, wie man hier denn spielen könne. Das war vor allem zu unseren Anfangszeiten in der ersten Liga ein entscheidender Vorteil.“

Stadionbewohner

Die ganz alten Zeiten waren da freilich schon vorbei. Wer weiß heute schon noch, dass es einst Wohnungen in der kleinen Haupttribüne gab? Am westlichen Ende der Sitztribüne stand von 1925 bis 1929 eine Zwei-Zimmer-Wohnung für die Wirtsleute zur Verfügung. Der Platzwart hatte zur Ostkurve hin sogar drei Zimmer zur Verfügung – und das bis 1963.

Der Uhrmann

Die manuelle Anzeigentafel in der Westkurve lieben die Löwen-Fans bis heute. In den Nachkriegsjahren befand sich dort noch eine manuelle „Spielzeituhr“. Die Uhr wurde von einem Bediensteten, dem sogenannten „Uhrmann“, per Hand bedient. Im Oktober 1954 verbot der Süddeutsche Fußballverband jedoch den Betrieb von Spielzeituhren, da die Zeiger gegen Spielende des Öfteren schneller gestellt wurden, wenn die Heimmannschaft in Führung lag.

Film-Scheinwerfer

Kritisch stand der Fußballverband auch den sogenannten „Nachtspielen“ gegenüber. In den 50er-Jahren wurden Scheinwerfer von den Filmstudios am Geiselgasteig geliehen – es gab noch kein Flutlicht. Die Scheinwerfer wurden auf den Stadiondächern befestigt. „Das hat man bei Freundschaftsspielen gemacht“, erklärt Roman Beer, „bei Pflichtspielen war das verboten, weil es kein fairer Wettkampf wäre.“ So trat man abends gegen internationale Gegner an. Das erste Nachtspiel bestritten die Löwen 1955 gegen Hajduk Split (1:2).

Das Buch

Roman Beers „Kultstätte an der Grünwalder Straße“ (Werktstatt-Verlag, 28 Euro) wimmelt von solchen Geschichten und will doch auch in die Zukunft weisen. Als die Erstauflage 2004 auf den Markt kam, schien der Abriss kaum noch zu vermeiden. Dieser Kelch ging am Stadion vorbei. Inzwischen blickt Beer auch in die Zukunft. Ein umgebautes Profi-Stadion ist wieder das Ziel – nicht nur der Erhalt. Dann, glaubt er, könnte auch wieder Frieden einkehren bei den Löwenfans: „Um die Lager zu vereinigen, will ich Europacup im Sechzger sehen, dann sind alle zufrieden“, sagt er schmunzelnd. Und fügt hinzu: „Die Frage ist nur, welcher Teil des Satzes die größere Träumerei ist.“

Von Felix Müller

Roman Beers Stadion-Buch wird am Freitag, 22. April, ab 19 Uhr in der Stadiongaststätte vorgestellt. Anschließend soll in den 100. Geburtstag der Spielstätte hineingefeiert werden.

 

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