Gültiger Fahrschein – aber Strafe muss sein

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Weil er sie nicht bemerkte, verdonnerten S-Bahn-Wachen Andreas Neckritz zu 40 Euro – trotz gültiger Fahrkarte.

München - Obwohl er einen gültigen Fahrausweis dabei hatte, ist der Berliner Andreas Neckritz 40 Minuten lang vom S-Bahn-Sicherheitsdienst an der Station Westkreuz festgehalten worden. Als er auf die Toilette musste, sagte man ihm, er solle ins Gleisbett pinkeln.

In München ist der Berliner Schauspieler Andreas Neckritz, weil er in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY Ungelöst“ eine kleine Rolle spielt: einen Bankangestellten, der von Räubern bedroht wird. Neckritz kann nicht ahnen, dass er sich bald wirklich ohnmächtig fühlen wird – nur sind diesmal keine Räuber im Spiel, sondern Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn.

Mittwoch vor einer Woche, 21 Uhr. Neckritz ist ziemlich müde, als er die S 6 an der Station Westkreuz verlässt. Eben noch hat er am Marienplatz zwei Bier getrunken, jetzt freut er sich auf sein Hotelbett – da versperren ihm gleich hinter der Zugtür eine Frau und ein Mann den Weg. Dunkle Uniform, schwarze Handschuhe, Schlagstock an der Hüfte. „Die waren von ,DB Sicherheit‘ und wollten meine Fahrkarte sehen“, erzählt der 32-Jährige. „Ich habe sie gezeigt, und sie sagten: ,Die ist gültig – aber Sie haben sich der Kontrolle entzogen. Das kostet 40 Euro.‘“

Eine Woche später sitzt Neckritz im „Stadtcafé“ und erinnert sich – noch immer fassungslos – an die demütigenden 40 Minuten, die dann folgten. Sein Tagesticket vom 7. September hat der ruhige junge Mann mit den blauen Augen und den blonden Haaren auch jetzt mit dabei und zeigt es her – aber darum ging es damals ja gar nicht mehr: „Die Wortführerin hat gesagt, sie habe mich in der Bahn fünf Mal angesprochen, sogar angetippt. Ich habe erklärt, dass ich das nicht bemerkt habe – da standen sieben, acht Leute beim Aussteigen in der Tür.“ Neckritz verstand nicht, warum er zahlen soll, schließlich hatten sie ihn ja jetzt kontrolliert. Die Sicherheitsbedienstete alarmierte daraufhin die Bundespolizei.

Nach gut 20 Minuten Warterei musste der 32-Jährige aufs Klo. Mehrmals habe er das seinen Bewachern mitgeteilt. Die knappe Antwort: „Wir sind mitten in einer Maßnahme, das heißt vor Ort bleiben.“ Irgendwann beschied sie ihm, er solle ins Gleisbett pinkeln. „Keine Angst, ich schau schon nicht hin.“ Neckritz sagt, er habe abgelehnt, worauf sie erwiderte, das sei nur ein Angebot. Sie würde in diesem Fall auch nichts dafür verlangen. Normalerweise koste das nämlich noch einmal 40 Euro Strafe.

„Als die Bundespolizisten eingetroffen sind, herrschte ein anderer Ton“, erinnert sich Neckritz. „Da kommen keine polizeilichen Folgen auf Sie zu“, hätten die Beamten gesagt und ihm geraten, er solle die Zahlungs-Aufforderung mit der Bahn abklären. Möglicherweise würde er statt der 40 dann nur sieben Euro Bearbeitungsgebühr zahlen müssen.

Das freilich sieht Neckritz nicht ein – er fühlt sich schikaniert: „Ich hatte keine Chance“, sagt er, „ich stand da, festgehalten von zwei Uniformierten. Das war demütigend – jeder, der vorbei ging, muss gedacht haben: ,Der hat Dreck am Stecken‘.“ Irgendwann habe er einen etwa 55-jährigen Passanten angesprochen. „Er meinte, sie sollten mich gehen lassen, das sei doch Unsinn.“

Auf seine Beschwerde hin hört Neckritz fünf Tage nichts von der Bahn. Erst als er sich an den Münchner Merkur wendet und unsere Zeitung bei der Bahn nachfragt, klingelt zwei Stunden später sein Telefon. „Man sagte mir, man bedauere die Sache und lösche den Vorgang aus dem System“, berichtet er erleichtert. Ein Bahnsprecher teilt jedoch mit, die Wachen hätten zu Protokoll gegeben, Neckritz habe sich dauerhaft „geweigert, einen gültigen Fahrschein vorzuweisen oder seine Personalien anzugeben“. Der erwidert: „Warum hätte ich das tun sollen, wenn ich doch einen hatte?“ Seine Personalien habe er allerdings verweigert, weil er sich im Recht fühlte.

Der Bahnsprecher betont, alle Mitarbeiter im Prüfdienst der S-Bahn München erhielten „durch einen langjährig erfahrenen Teamleiter von DB Sicherheit“ eine Unterweisung mit anschließender Abschlussprüfung. „Zu den Inhalten zählen unter anderem Tarifkunde, korrekte und höfliche Ansprache, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit. Zu der Qualifizierung gehören auch Methoden und Mechanismen von deeskalierendem Verhalten.“

Neckritz sagt, davon habe er nichts mitbekommen. „Ich habe mich 40 Minuten nicht wie ein Fahrgast behandelt gefühlt, sondern wie ein Täter."

Johannes Löhr

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