Damaliger Innenminister im tz-Interview

Beckstein spricht über Treffen mit Mehmet

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Muhlis Ari (kl Foto) traf erstmals den Mann, der ihn 1998 in die Türkei abschieben ließ: Bayerns Ex-Innenminister Günther Beckstein

München - Die tz sprach mit Günther Beckstein, dem damaligen bayerischen Innenminister über das denkwürdige Treffen mit dem einstigen Gewalttäter Muhlis Ari, besser bekannt als Mehmet.

Schon als Zehnjähriger brach er einem Buben das Nasenbein, er raubte und erpresste: Unter dem Tarnnamen „Mehmet“ war Muhlis Ari einst der berüchtigste jugendliche Serienstraftäter Deutschlands. 15 Jahre nach seiner Abschiebung hat sich der heute 29-Jährige in Istanbul erstmals zu einem Gespräch mit dem Mann getroffen, der damals seine Ausweisung maßgeblich vorangetrieben hat: Günther Beckstein. Die tz sprach mit dem damaligen bayerischen Innenminister über das denkwürdige Treffen mit dem einstigen Gewalttäter, das die Bildzeitung organisiert hatte.

Was ist Ihr Eindruck nach dem Treffen mit Muhlis Ari: Hat er sich zum Positiven verändert?

Günther Beckstein: Eindeutig Ja! Zu der Zeit, als ich mich dienstlich mit ihm beschäftigen musste, war er ein Mensch, der trotz aller nur erdenklichen Maßnahmen der Jugendhilfe massive Straftaten beging. Das ist Vergangenheit. Er macht den Eindruck, dass er ein ganz normales Leben führen will: Er hat sein Geschäft, er träumt von einer Familie. Weniger positiv ist aber, dass er das, was er in seiner Jugend angestellt hat, als Dumme-Jungen-Streiche bagatellisiert. Er tut so, als habe die Politik nur ein Opfer gesucht. Dass er sich seinen Taten nicht stellt, das finde ich sehr bedauerlich.

Er wirft Ihnen ja sogar vor: „Herr Beckstein, Sie haben mein Leben zerstört …“

Beckstein: Die Wahrscheinlichkeit, dass er in Deutschland zum Kriminellen geworden wäre, war hoch. Ich bin überzeugt, dass die harten Maßnahmen, die wir getroffen haben, mit dazu beigetragen haben, dass er sich von diesem verhängnisvollen Weg entfernt hat. Alle Maßnahmen in Deutschland, die ihm helfen sollten, hatten nichts genutzt. Er erzählt ja selbst, dass die Psychologen ihn überhaupt nicht erreichen konnten, dass sie überhaupt nicht in der Lage waren, ihm Grenzen zu setzen.

Ein Mehmet-Opfer hat Kontakt zu Ihnen aufgenommen. Was hat dieser Mann Ihnen für das Treffen mit seinem einstigen Peiniger mit auf den Weg gegeben?

Beckstein: Er hat mich beschworen, nicht altersmilde zu werden und dafür zu sorgen, dass Ari auf keinen Fall nach Deutschland zurückkehren dürfe. Obwohl die Straftat viele Jahre zurückliegt, hat er heute noch Angst, wenn er einer Gruppe von Jugendlichen begegnet. Damit konfrontiert, sagte Ari, dass er sich bei diesem Mann sofort entschuldigen würde, weil er Gewalt heute für blödsinnig hält. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass er nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden hat, wie vielen Menschen er schweres Unrecht zugefügt hat. Das waren eben nicht nur Dumme-Jungen-Streiche, das war massive Kriminalität! Das war ja der Grund, weshalb auch die Stadt München bis hin zum Oberbürgermeister diesen radikalen Weg der Ausweisung mitgetragen hat.

Mehmet redet sich ja damit heraus, dass die Taten aus der Gruppe heraus begangen wurden. Wie gewichtig ist dieser Gruppendruck bei einem minderjährigen Täter?

Beckstein: Der Gruppendruck war ja auch der Hintergrund, warum wir entschieden hatten, dass er aus diesem Milieu rausgerissen werden muss. Aber es ist keine Entschuldigung, wenn es eine ganze Gruppe von jungen Menschen ist, die auf einem am Boden Liegenden herumtrampelt.

Das macht Mehmet heute

Intensivtäter "Mehmet": Heute macht er sein Geld mit Waffen

Ari erhebt den Vorwurf, dass seine Abschiebung Wahlkampf auf dem Rücken eines Minderjährigen gewesen sei …

Beckstein: Damals ging es nicht um Wahlkampf, sondern darum, jugendlichen Serientätern insbesondere aus dem Migranten-Milieu aufzuzeigen, dass sie auch mit ausländerrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie schwere Straftaten begehen. Das hat das Verwaltungsgericht dann dahingehend korrigiert, dass Straftaten, die vor dem 18. Lebensjahr begangen werden, nicht berücksichtigt werden dürfen. Doch im Fall Mehmet war es ja so, dass er durch Gerichtsentscheide nach München zurückkommen durfte und dann wieder straffällig wurde! Damals hatten ihn dann die eigenen Eltern angezeigt, weil er sie bedroht und verprügelt hatte. Mehmet hatte eine echte zweite Chance, die er nicht genutzt hat.

Hatte die Abschiebung Mehmets 1998 eine abschreckende Wirkung auf andere?

Beckstein: Ja! Die Kriminalität von jugendlichen Straftätern aus diesem Milieu ist damals drastisch gesunken. Ari sagt ja heute selber, dass er über vorherige Strafen wie Erlebnispädagogik in Italien nur gelacht hat.

Ari erzählt bei dem Treffen mit Ihnen, dass er nach seiner Abschiebung in einem türkischen Gefängnis gefoltert worden sei. Glauben Sie ihm das?

Beckstein: Wenn das stimmt, wäre es auch nach türkischem Recht eine ganz schlimme Sache! Es gab zwar Berichte, dass in der Türkei im Zusammenhang mit der kurdischen PKK gefoltert wurde. Bei Kleinkriminalität – bei Ari ging es ja um den Vorwurf eines gestohlenen Laptops – gab es solche Berichte bislang nicht. Eine Münchner oder eine bayerische Behörde konnte damals jedenfalls nicht damit rechnen, dass ein Bub wegen Nichtigkeiten gefoltert würde. Die türkischen Behörden sollten diesen Vorwürfen in jedem Fall nachgehen.

Ari will nach Deutschland zur Frankfurter Buchmesse kommen. Soll er einreisen dürfen?

Beckstein: Ich bin nicht mehr in einem Amt, deswegen ist die Frage, ob ich seine Einreise unterstütze, nicht von rechtlicher Bedeutung. Ich selber hätte nichts dagegen, wenn man ihm die Einreise gestattet. Aber er hat ja noch eine Strafe offen, 18 Monate ohne Bewährung. Wenn er sich seiner Vergangenheit stellt, gehört es auch dazu, dass er das abbüßt – zumal er sicher nicht die ganze Strafe absitzen müsste, da er sich in der Türkei offenbar viele Jahre straffrei verhalten hat.

Was sind Ihre Lehren aus dem Fall Mehmet?

Beckstein: Dass Erziehungsstörungen so früh wie möglich konsequent angegangen werden müssen. Schule und Jugendamt hätten im Fall Mehmet früher konsequent vorgehen müssen, und die Eltern, die überfordert waren und wegen der Situation wahnsinnig gelitten haben, hätten mehr Beratung und Hilfe gebraucht.

Interview: Klaus Rimpel

 

Die kriminelle Karriere des Muhlis A.

1994: Brutale Prügeleien, Erpressungen, Nötigungen, Raubüberfälle: Schon als Zehnjähriger macht der in München geborene Muhlis Ari unter dem Schutz-Pseudonym „Mehmet“ wegen schwerer Straftaten Schlagzeilen. Bis er mit 14 strafmündig wird, hat er schon mehr als 60 Straftaten auf dem Kerbholz.

1998: Weil er einen Schüler krankenhausreif schlägt, wird Ari zu zwölf Monaten Haft verurteilt. Bayerns Innenminister Günther Beckstein und die Stadt München veranlassen die Abschiebung des 14-Jährigen – ohne seine Eltern, ein bis heute einmaliges Vorgehen in Deutschland.

2001: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entscheidet, dass Ari nach Deutschland zurückkommen darf.

2002: Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt das Urteil. Ari kehrt nach München zurück, holt seinen Hauptschulabschluss mit der Note 1,5 nach, wirkt zunächst geläutert.

2005: Ari wird zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil er seine Eltern um Geld erpresst, verprügelt und bedroht hatte. Er flieht in die Türkei, eine Ausweisungsverfügung macht seine Rückkehr unmöglich.

2010: Ari betreibt erst ein Transportunternehmen, dann eine Paintball-Anlage.

2013: Er schreibt ein Buch (ab 8. Oktober erhältlich): Sie nannten mich Mehmet. Die Geschichte eines Ghettokindes. Ari, der nun in der Türkei mit Autos handelt, kämpft weiter um seine Rückkehr nach Deutschland.

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