Tochter schlief 5 Jahre neben toter Mutter

Gruselfund: Hinter diesem Fenster lag die Mumie (77)

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Hinter dem Fenster ohne Vorhänge im ersten Stock befindet sich das Schlafzimmer, in dem fünf Jahre lang eine tote Frau (77) lag.

München - Bereits 2009 starb Hildegard K. Doch ihre psychisch kranke Tochter meldete den Tod nicht. Stattdessen legte sie ihre Mutter fünf Jahre lang in ihr Bett - und schlief sogar neben ihr.

Das Türsiegel der Polizei.

Ein Bezirkssozialarbeiter der Stadt hatte seit Monaten das sichere Gefühl, dass im Haushalt der Witwe Hildegard S. und ihrer einzigen Tochter Brigitte (55) in der Terofal­straße (Blumenau) irgendetwas nicht stimmte. Die Mutter bekam er trotz konkreter Anfragen nie ans Telefon. Die Tochter hatte immer neue Ausreden. Bei mehreren Besuchen im ersten Stock des gepflegten Hochhauses machte niemand auf. Am letzten Donnerstag rief der Mann die Polizei. Gegen 12 Uhr brach die Feuerwehr die Tür auf. Im ehemaligen Elternschlafzimmer der Drei-Zimmer-Wohnung erwartete die Männer ein Schock. Im Doppel-Bett lag eine Mumie, fürsorglich zugedeckt – Hildegard K.!
Die Rentnerin war schon im März 2009 im Alter von 77 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Trotz dieser grauenerregenden Zustände hatte die psychisch kranke Tochter zu keinem Zeitpunkt den Tod ihrer Mutter gemeldet und sogar neben der Toten im Bett geschlafen. Zustände wie im Hitchcock-Schocker „Psycho“ – nur viel schlimmer noch, weil dieser Fall traurige Großstadt-Realität ist.
Die verwahrloste und krebskranke Frührentnerin Brigitte K. wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Polizisten schilderte sie ihr trostloses Leben mit der toten Mutter. Die doppelte Rente spielte keine Rolle. Vielmehr war es wohl die Angst vor dem Alleinleben. Allein schon den Gedanke, fremde Menschen könnten kommen und die Mutter abholen, ertrug sie nicht. Und so begann die vereinsamte Frau, die noch eine zweite Eigentums-Wohnung in der Schildensteinstraße in Laim besitzt, die Wahrheit vor sich selbst und anderen zu verbergen.

Geschockte Nachbarn machen sich Vorwürfe

Die Familie S. lebte bereits seit etwa 50 Jahren in der Dreizimmer-Eigentumswohnung im ersten Stock. Vater Johann arbeitete bei der Bahn, Mutter Hildegard verdiente als Packerin dazu, Tochter Brigitte wuchs hier auf und machte Karriere bei der Post. „Ein gscheites Mädel war sie“, sagte eine Nachbarin am Sonntag mit Tränen in den Augen.

In diesem Hochhaus in der Terofalstraße lebten die Frauen.

Mutter und Tochter litten unter dem despotisch veranlagten Vater und hielten fest zusammen. Als er vor über zehn Jahren starb und auch Brigittes Ehe scheiterte, zog sie wieder zu ihrer Mutter. Anfangs gab es noch Kontakte zu den Nachbarn, doch die brachen 2009 ab. Brigitte huschte scheu durch die Gänge, beantwortete Fragen nach dem Wohlergehen der Mutter ausweichend. Besuche lehnte sie ab. Mama ist krank. Mama schläft. Mama will keine Besuche mehr. Den Heizungsableser ließ sie nicht mehr hinein. Die Kosten wurden fortan geschätzt. Die Wohnung verwahrloste. Niemand putzte die Fenster und die Gardinen wurden grau. Auch Brigitte S. schien immer weniger auf ihr Äußeres zu achten. Ihre Haare wurden grau, zwei Jahren lang trug sie die selbe Jacke und die selbe Hose. Auch ihre Nachbarn gegenüber – der Kfz-Mechaniker Max M. (34) und seine Frau Sajra (37)– bemerkten ihren Verfall: „Als wir vor zwei Jahren hier einzogen, haben wir gemerkt, dass es in der Wohnung gegenüber nach Verwesung roch. Wir dachten, dass ist die Frau selbst, die offensichtlich ein Hygieneproblem hatte. Wir wussten aber auch, dass sie Krebs hat. Im letzten Jahr verlor sie alle ihre Haare. Sie tat uns leid und wir wollten ihr nicht zu nahe treten.“ Zumal Brigitte S. ganz offensichtlich keine Kontakte zur Nachbarschaft wünschte. Wohl jedoch sorgte sie dafür, täglich gesehen zu werden. So verhinderte sie, dass jemand aus Sorge um sie die Wohnung öffnen lassen könnte.

Mit Entsetzen erfuhr das junge Ehepaar aus Bosnien erst jetzt, dass es auch die alte Dame gab: „Von ihrer Existenz haben wir nichts gewusst. Wir machen uns jetzt selbst große Vorwürfe und meinen, das man über das Thema Einsamkeit in der Großstadt öffentlich viel mehr und offen sprechen muss.“ 

Dorita Plange, Jacob Mell

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