Werdende Mütter in Gefahr gebracht?

Hebamme aus Großhadern wegen Mordversuchen angeklagt

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Im Münchner Klinikum Großhadern soll eine Hebamme werdenden Müttern vor dem Kaiserschnitt ein blutverdünnendes Medikament verabreicht zu haben.

München - Die Hebamme Regina K. muss sich bald vor Gericht verantworten. Die Anklage: versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung in neun Fällen. Vier entbindende Frauen in Großhadern soll sie mit falschen Medikamenten in Lebensgefahr gebracht haben.

Es klingt wie das Drehbuch zu einem Horrorfilm: Eine Hebamme mischt entbindenden Frauen ein Mittel in die Infusion, so dass diese fast verbluten. Mehrfach. Willkürlich. Es ist aber kein Film, sondern trug sich womöglich real zu – laut Anklageschrift. Wie gestern bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft München I am 10. Juli gegen die frühere Hebamme Regina K. Anklage erhoben: wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in neun Fällen.

Damit ist die Anklage maximal hoch. Vier der neun Fälle passierten am Klinikum Großhadern, fünf am Krankenhaus im hessischen Bad Soden. Die Ermittlungen sind laut Staatsanwaltschaft abgeschlossen. Die Neugeborenen blieben unversehrt. Nun entscheidet das Landgericht München I über die Verfahrenseröffnung.

Vor einem Jahr, am 10. Juli 2014, hatte die Klinikleitung in Großhadern Strafanzeige gegen ihre Hebamme erstattet. Zuvor war den Ärzten aufgefallen, dass sich Komplikationen bei Geburten gehäuft hatten – und dass Regina K. als einzige Angestellte bei allen vier Geburten dabei gewesen war. „So ist man überhaupt auf sie gestoßen“, sagt Klinikums-Sprecher Philipp Kreßirer.

Die heute 34-Jährige hatte vor Kaiserschnittgeburten die Infusionslösungen zubereitet. Laut Anklage mischte sie diesen in Großhadern in vier Fällen von April bis Juni 2014 ein Medikament bei, das die Blutgerinnung hemmt und bei Kaiserschnitten zu lebensbedrohlichem Blutverlust führen kann.

"Die Wirkungsweise und die Gefährlichkeit der verabreichten Medikamente waren der Angeschuldigten aufgrund ihres medizinischen Wissens bekannt. Dass die Verabreichung der Medikamente zum Tod der Patientinnen hätte führen können, nahm sie zumindest billigend in Kauf", so die Anklage.

Tatsächlich verloren alle Mütter so viel Blut, dass Notoperationen ihre Leben retten mussten. Nach einer solchen Geburt mit extremen Komplikationen am 20. Juni stellten die Mediziner seltsame Blutwerte bei der Mutter fest, die auf Heparin hindeuteten – obwohl das Mittel bei Entbindungen nicht eingesetzt wird. Die Ärzte fanden drei ähnliche Fälle, bis der Verdacht auf Regina K. fiel. Am 18. Juli wurde sie festgenommen. Erst stritt sie die Vorwürfe ab, verweigerte dann aber die Aussage.

Doch das war lange nicht alles. Zuvor hatte die Hebamme in Bad Soden gearbeitet – wo sie laut Anklage von September 2011 bis Januar 2012 ebenfalls viermal den Blutverdünner in Infusionen mischte, was auch Not-OPs nötig machte. Einer fünften Patientin gab sie ein anderes Medikament, das bei Schwangeren verboten ist, „wie die Angeklagte wusste“: Es sorgte für starke vorzeitige Wehen – und Lebensgefahr.

Seit einem Jahr sitzt Regina K. in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen waren wegen der medizinischen Fragen aufwändig, sagt Peter Preuß, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Anklageschrift ist 247 Seiten dick, 94 Zeugen sind benannt. Laut Regina K.s Anwalt Hermann Christoph Kühn verlebt sie in der U-Haft „eine ganz schwere Zeit“, habe sogar Morddrohungen erhalten. Bis das Verfahren beginnt, müssen noch Gutachten fertig werden – auch zu einer möglichen psychischen Erkrankung.

Denn die Frage bleibt: Was sollte Regina K. zu den Taten getrieben haben? Hat sie eine psychische Störung, schmerzt sie die eigene Kinderlosigkeit, wollte sie der Klinik schaden? „Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeschuldigte aus Unzufriedenheit mit ihrer beruflichen Situation handelte“, wobei sie die Opfer zufällig ausgewählt habe. Preuß sagt, es gebe „einige Anhaltspunkte“, etwa Diskussionen um ihre Arbeitszeit.

Seit ihrer Festnahme gab es laut Kreßirer „keine derartigen Fälle mehr in der Geburtshilfe“. Die Klinikleitung begrüße die Anklage ebenso wie die Mitarbeiter: Diese hatte der Vorfall damals schockiert. Zudem seien mehr Sicherungen eingebaut worden: Jeder Arbeitsschritt beim Kaiserschnitt werde nun im Narkoseprotokoll festgehalten. Zudem werde Heparin zentral im Medikamentenlager aufbewahrt, nicht mehr in den Kreißsälen. Dennoch gebe es nie völlige Sicherheit, „wenn jemand genug kriminelle Energie mitbringt“.

Ein Chefarzt aus Bad Soden hatte damals seinen Kollegen in Großhadern vor Regina K. gewarnt. Im Personalgespräch habe sie die Vorwürfe jedoch entkräften können, hieß es damals. Dass die Hebamme in Zeiten des Fachkräftemangels übereilt eingestellt worden sei, streitet Kreßirer ab: Zwar würden laufend Hebammen gesucht. Doch bei den Qualitätskriterien des Personals gebe es „keine Kompromisse“.

Christine Ulrich

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