Wir besuchen die wichtigsten Stationen

Kinderzentrum in Großhadern plant großen Erweiterungsbau

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Lucia (4) ist oft mit sich selbst beschäftigt. Doktor Aynur Damli-Huber (hinten rechts) gibt der Mama des Mädchens (hinten links) Tipps, wie es stärker mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann.

München - Das kbo-Kinderzentrum in Großhadern ist die Anlaufstelle für Familien mit Kindern mit Behinderungen und Entwicklungsstörungen. Nun sammelt das Zentrum Spenden für einen Erweiterungsbau.

Seit fast 50 Jahren ist es die Anlaufstelle für Familien mit Kindern mit Behinderungen und Entwicklungs- verzögerungen in der Stadt: das kbo-Kinderzentrum in Großhadern. Das Zentrum hat sich nicht (wie so viele andere Kliniken) aus Kostengründen auf wenige Behandlungen spezialisiert, sondern verfolgt einen interdisziplinären Ansatz. Und so ist das Kinderzentrum Deutschlands größte spezialisierte Diagnostik- und Therapieambulanz. Nun plant das Tochterunternehmen der Kliniken des Bezirks Oberbayern eine Sanierung und einen großen Erweiterungsbau. Doch das Geld ist knapp: Im Oktober startet eine große Spendenkampagne, wie unsere Zeitung erfahren hat. 

Menschen mit Behinderungen müssen sichtbar bleiben in der Gesellschaft, warnen Experten. Sonst sinke auch die Akzeptanz für Vielfalt. Doch die Anzahl der Spätabtreibungen steigt. Kinder mit Behinderungen dürfen bis zur Geburt abgetrieben werden, sofern die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Waren es 2010 nach Statistischem Bundesamt noch 462 Schwangerschaften bundesweit, die nach der 22. Woche und später abgetrieben wurden, waren es 2016 schon 630. Nach einer Down-Syndrom-Diagnose brechen 90 Prozent der Mütter die Schwangerschaften ab, schätzen Experten. Das Kinderzentrum will Eltern mit behinderten Kindern einen Anlaufpunkt bieten. Wir haben uns die wichtigsten Stationen angeschaut:    

Hier kann Malin gehen 

Häufige Gäste im Kinderzentrum: Malin mit Mama Claudia Wegener.

Ihre Beine stecken in Schienen, doch trotzdem ist Malin (7) frei. Sie kann gehen - mit Hilfe eines Roboters, dem Lokomat. Malin hat bei ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. „Sie kann ihre Bewegungen deswegen nicht steuern“, sagt Mama Claudia Wegener (52). Im Geh-Roboter lernt das Mädchen die Bewegungsabläufe fürs Gehen, richtet sich auf. Normalerweise sitzt Malin im Rollstuhl, benutzt einen Sprachcomputer, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. 

Ihre Mama kommt zweimal im Jahr mit ihr extra aus Fulda zu stationären Aufenthalten in die Klinik. Neben dem Training am Lokomat bekommt das Mädchen etwa auch Ergotherapie. „Malin macht nach jedem Aufenthalt hier einen enormen Entwicklungsschub“, sagt ihre Mama.

Gerade der interdisziplinäre Ansatz der Klinik sei toll, den Kindern werde viel zugetraut. „Leider wird bei Kliniken viel gekürzt - die Gefahr ist, dass sich immer mehr spezialisieren und betroffene Familien keinen Anlaufpunkt mehr haben.“ Aktuell versucht das Kinderzentrum einen zweiten Lokomaten zu finanzieren. Die Geräte kosten mehrere Hunderttausend Euro. 

Tierischer Eisbrecher

Auch wenn er ganz entspannt auf der grünen Couch sitzt: Der Havaneser Leo (2) ist ein echter Eisbrecher und als Therapiehund im Einsatz. Immer im Doppelpack mit Frauchen Dr. Maria Licata-Dandel (32).

Havaneser Leo mit Frauchen Doktor Maria Licata-Dandel.

Leo hilft ihr, Zugang zu den jungen Patienten zu finden. Im Oktober schließen die beiden ihre Ausbildung zur tiergestützten Therapie ab. „Ein dafür geeigneter Hund darf zum Beispiel nie aggressiv werden, auch wenn er bedrängt wird“, sagt die Psychologin. 

Mit Leo hat sie schon viele Erfolge verbucht. „Für besonders ängstliche Kinder ist es etwa ganz toll, wenn Leo auf ihren Hinweis hin  Sitz macht.“ Ein anderes, hyperaktives Kind fiel vor Zappeln vom Stuhl. Leo erschreckte sich. Ein guter Ansatzpunkt für die Psychologin, mit dem Buben über sein Verhalten zu sprechen.

Schreibaby-Ambulanz

Sie sind mit den Nerven komplett am Ende. Haben Angst, etwas falsch gemacht zu haben. So treten viele Eltern Dr. Christiane Nützel (45) entgegen. „Doch die Eltern haben keine Schuld, wenn das Baby schreit und schreit“, sagt sie. Nützel ist Ärztin in der Schreibaby-Ambulanz der Kinderzentrums. Die Gründe, warum ein Baby nicht zu weinen aufhört, sind sehr unterschiedlich, sagt sie. 

Doktor Christiane Nützel.

Erst einmal müssten medizinische Ursachen ausgeschlossen werden. Dann ist jedes Kind anders. Gemeinsam haben viele der Babys, dass sie oft Probleme haben, sich selbst zu beruhigen. „Die Kinder sind häufig sehr reizoffen, nehmen viel von ihrer Umwelt auf“, sagt Nützel. Dadurch könne es bei den Kleinen zu einer Überreizung kommen. Oft helfe es schon, wenn die Eltern darauf achteten, dass das Kind viel schlafe, ein Schlafprotokoll führten. 

„Außerdem ist es wichtig, jemanden miteinzubeziehen, der hilft.“ Das könne ein Familienangehöriger oder auch eine Haushaltshilfe sein. Das Team des kbo bietet ein Schreibaby-Krisentelefon an: Mi., Fr., Sa., So. von 19 bis 22 Uhr (Tel. 0800 / 710 09 00). 

Lucia (4) lernt Offenheit

Konzentriert spielt Lucia (4) mit den bunten Holzklötzen. Sie taucht in ihre ganz eigene Welt ab. Im Sprechzimmer von Dr. Aynur Damli-Huber (49, Foto) fühlt sie sich wohl. Ihre Mama Zdenka Jansen (46) holt sich von der Kinderärztin in der Trisomie-Sprechstunde Tipps, wie Lucia mit ihrer Umwelt stärker in Kontakt treten kann. Denn das Mädchen mit Down-Syndrom ist oft mit sich selbst beschäftigt. 

Seit zwei Jahren ist Lucia Patientin des Zentrums. „Lucia hat zum Beispiel Schwierigkeiten, deutlich zu sprechen“, sagt Dr. Damli-Huber. Mit Tipps der Ärzte und Pädagogen hat ihre Mama Lucia nun ein System gelernt, mit dem das Mädchen mit den Händen zeigen kann, wenn es etwa müde ist. Mit Hilfe einer Ergotherapeutin lernte Lucia vor einem Monat das Gehen. Jetzt übt sie fleißig Treppensteigen. Ein neues Pilot-Projekt des Zentrums: Ab Oktober bietet es an, dass Experten zu Familien mit einem Kind mit Trisomie 21 nach Hause kommen - und vor Ort helfen. 

Ramona Weise

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