Schon die Spanische Grippe mitgemacht

Einsam wegen Corona: Münchnerin Lotte (104) hat Herzenswunsch zum Geburtstag - bisher klappte es nicht

Sehnt sich nach Besuch: Charlotte Voigt mit einem Foto von ihrem 100. Geburtstag.
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Sehnt sich nach Besuch: Charlotte Voigt mit einem Foto von ihrem 100. Geburtstag.

Am Sonntag wird „Oma Lotte“ - wie sie von ihrer Familie liebevoll genannt wird - 105 Jahre alt. Gefeiert wird wegen Corona im kleinen Kreis aber sicher mit Eierlikör.

  • Wegen Corona* kann Oma Lotte ihren 105. Geburtstag nicht mit ihrer Familie verbringen.
  • Die Feier wird im Vergleich zu ihrem 100. Geburtstag eher klein ausfallen.
  • Sie hofft aber, im Sommer auf die Hochzeit ihrer Urenkelin gehen zu können.

München - Einen großen Bahnhof wie zum Hundersten wird es diesmal nicht geben. Im Lockdown ist nur eine Person außerhalb des Hausstandes erlaubt. So wird Charlotte Voigt in dem Mehrfamilienhaus in Hadern in die Wohnung ein Stockwerk höher zu ihrer Tochter Kristina und Schwiegersohn Hubert gehen. Dort ist sie zu einem Geburtstagsfrühstück eingeladen.

Vor fünf Jahren hat sie noch mit der ganzen Familie, Freunden und Gästen im Restaurant nebenan feiern dürfen. Es kam unter anderem die Münchner First-Lady Petra Reiter und erfüllte Oma Lotte einen Herzenswunsch: Sie vermittelte einen Besuch von TV-München-Original Christopher Griebel. „Eigentlich hatte ich mir eine Stadtrundfahrt mit ihm gewünscht, aber das hat leider nicht geklappt,“ erzählt Oma Lotte im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sei aber immerhin zum Kaffee zu ihr gekommen. „Das war richtig nett.“

Oma Lotte wünscht sich, dass die Corona-Pandemie endlich ein Ende hat

Für dieses Jahr hat die liebenswerte Seniorin, die inzwischen recht einsam in ihrer kleinen Wohnung wohnt, keine Wünsche mehr offen. „Außer vielleicht endlich einen Impftermin und dass die Corona-Pandemie* bald überstanden ist“, sagt sie. Ihre Tochter habe schon mehrfach versucht, sie anzumelden – bislang erfolglos. Sie seien ein bisschen resigniert. „Meine Augen werden immer schlechter“, bedauert die Jubilarin und bemerkt trocken: „Älter darf ich nicht mehr werden, sonst kann ich euch bald gar nicht mehr sehen.“ Wenigstens ein bisschen fernsehen könne sie noch. Und an einem Vergrößerungsapparat lesen.

Manchmal ist Charlotte Voigt mit ihrem Lebensmut am Ende: „Eigentlich wünsche ich mir, dass ich bald sterben darf, auch wenn ich davor große Angst habe.“ Die Besuchsbeschränkungen in der Pandemie machen ihr zu schaffen. „Früher hatte ich laufend Besuch. Aber jetzt kommt nur noch der Pfleger“, sagt Voigt. Seit einiger Zeit warte sie auf ein Einzelzimmer in einem Seniorenheim, um ein bisschen Ansprache zu haben und um ihre Tochter, die sich täglich um sie kümmert, ein bisschen zu entlasten. „Ohne Kristina wäre ich vermutlich längst nicht mehr da“, verrät sie.

Oma Lotte bekommt in Corona-Zeiten nur noch Besuch vom Pflegedienst und der Tochter

Trotz allem sei die Seniorin gut beschäftigt, verrät Tochter Kristina: „Morgens kommt der Pflegedienst und dreimal die Woche nachmittags eine Betreuungsdame, die bei den täglichen Dingen zur Hand geht.“ Das Essen bekomme die Oma vom Roten Kreuz. Sie müsse es mittags nur noch warm machen. „Es war schon für alle ein großes Glück, dass Oma Lotte vor einigen Jahren im gleichen Haus wie wir eine freie Wohnung bekommen hat“, sagt die Tochter.

Zuvor hatte die 1916 in Plauen geborene Jubilarin in einer schönen, großen Wohnung am Hasenbergl gewohnt. Dort lebte sie seit dem frühen Tod ihres Mannes Erich – er starb 1973 mit nur 59 Jahren an Lungenkrebs – allerdings ganz alleine.

Eine Zusammenstellung von Fotos aus Charlotte Voigts Leben.

Zuvor bewirtschaftete das junge Paar, das kurz vor dem Mauerbau aus dem Erzgebirge nach München* geflüchtet war, einige Jahre einen privaten Sportplatz nebst Gastwirtschaft an der Feldbergstraße in Trudering. Die Voigts wohnten direkt auf dem Gelände in einem kleinen Haus. „Da war ich die Mutter für alle und habe den Jungen vom FC Stern die Trikots gewaschen, Duschmarken verkauft und auf dem Platz die Netze aufgehängt und mit dem Schlitten die Linien gezogen“, erinnert sich Oma Lotte mit leuchtenden Augen. Als der Sportplatz dann städtisch werden sollte, habe man ihnen zum Ausgleich die neue Wohnung am Hasenbergl angeboten.

Oma Lotte erinnert sich gerne an die Zeit mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann zurück

Im wärmsten Sächsisch plaudert Oma Lotte weiter: „Na, wir kamen aus der DDR. Da war diese Wohnung für uns wie eine Villa.“ Auch in München* habe ihr Mann Sachen ausgeliefert. Allerdings nicht Kohlen wie im heimischen Erzgebirge mit der Pferdekutsche, sondern als Subunternehmer für eine Spedition mit einem eigenen Lieferwagen. Sie habe sich viele Jahre als Hausdame um die Baronin Freytag von Loringhoven gekümmert, bevor sie nach Hadern zog.

Charlotte Voigt denkt gerne an die früheren Jahre zurück. Und wenn sie von ihrem so früh verstorbenen Mann erzählt, huscht noch immer ein wehmütiges Lächeln über ihr Gesicht. Mit ihm habe sie eine schöne Zeit gehabt. Wenn auch eine schwere. Er war im Krieg anfangs in Südfrankreich stationiert. „Dann kam er auf Urlaub nach Plauen“, erinnert sie sich und erzählt weiter: „Aber nur für eine Nacht.“ Gleich am nächsten Morgen sei ein Bote gekommen und habe ihn zurückbeordert, „weil seine Truppe ans Eismeer geschickt wurde.“ Die Nacht blieb nicht ohne Folgen. Wenige Wochen nach dem Fronturlaub konnte sie ihm schreiben, dass sie ein weiteres Kind erwarte. Nach Tochter Edith (1933) und Ursula (1939) erblickte Tochter Hannelore 1941 das Licht der Welt.

Oma Lotte hatte die Grauen des Zweiten Weltkriegs hautnah miterlebt

Drei Kinder durch den Krieg zu bringen – „das war eine schlimme Zeit“, erinnert sich Charlotte Voigt und beschreibt schreckliche Nächte im Luftschutzkeller. Allein mit drei Kindern. „Bei Fliegeralarm waren wir in einem Bierkeller zwischen unserer Wohnung und der Wohnung meiner Eltern untergebracht.“ Sie sei mit den drei kleinen Mädchen immer ganz weit nach hinten gegangen: „Das Wasser lief nur so die Wände herunter.“ Am nächsten Morgen seien sie auf dem Weg nach Hause an den Toten vorbeigekommen, die den Keller nicht rechtzeitig erreicht hätten.

Eines Nachts war der Bombenhagel besonders schlimm. „Auf dem Weg nach Hause wollte ich ums Eck zu unserem Haus. Aber da war nichts mehr. Alles weg. Plauen ausgebombt.“ Auf dem Schutthaufen habe sie dann nur noch ihre Nähmaschine gefunden. Damit rettete sich die gelernte Hutmacherin über die nächsten Jahre.

Die Familie von Oma Lotte besaß nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie nichts mehr

„Das Haus meiner Eltern blieb verschont. Da hat mein Vater uns erst mal im Dach in einer Bodenkammer untergebracht“, erzählt die Seniorin weiter. „Dann hat er mich mit den Kindern und einem Handwagen zu meinen Cousinen aufs Land geschickt bis zum Kriegsende.“ Dort habe sie für sich und die Verwandtschaft aus den Stoffen der BDM-Uniformen Kleider genäht: „Wir hatten ja nichts mehr. Kein Hemd und keinen Schlüpfer.“

Na, dann müsst ihr mir genug Eierlikör schenken, dann werde ich noch ein bisschen weiterleben.

Oma Lotte über ihr Vorhaben so alt zu werden wie Jopi Heesters.

Kurz nach Kriegsende kam Erich als Fahnenflüchtiger von der Eismeerfront zu Fuß nach Plauen. 1947 kam Tochter Kristina auf die Welt. Ein Sohn wurde 1954 tot geboren. 2004 musste Charlotte Voigt ihre Tochter Ursula beerdigen. Oma Lotte weiß: „Das ist das Schlimmste, wenn eine Mutter ein Kind beerdigen muss.“ Das Leben gehe trotzdem weiter.

Inzwischen hat die patente Jubilarin acht Enkel, zehn Urenkel und sogar schon zwei Ururenkelinnen. Ein weiter Bogen spannt sich. Ihre Erinnerungen umfassen die Zeit von der spanischen Grippe über zwei Weltkriege, Flucht, Wirtschaftswunder und viele Arbeitsjahre bis heute. Zu Zeiten der spanischen Grippe war sie noch ein kleines Kind und erinnert sich: „Ich weiß noch genau, wie mein Vater erkrankt ist und überraschend überlebt hat.“ Nur ein Auge habe er verloren, weshalb er nicht in den Krieg musste. Deshalb konnte ihre Familie ihr in den Kriegsjahren beistehen. Jetzt wünscht sie sich das Ende der Corona-Pandemie* herbei und dass sie im September noch mit ihrer Urenkelin Sarah Hochzeit feiern darf. Und dann möchte sie in Ruhe sterben, sagt sie. Da wirft Tochter Kristina lachend ein: „Eigentlich hast du immer gesagt, dass du so alt werden möchtest wie der Jopi Heesters!“ Oma Lotte kontert geistesgegenwärtig: „Na, dann müsst ihr mir genug Eierlikör schenken, dann werde ich noch ein bisschen weiterleben.“ Sie sei schließlich kein Kostverächter, betont sie mit einem Augenzwinkern. „Den Eierlikör möchte ich dann schon gerne selber trinken.“ *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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