Tochter schlief 5 Jahre neben toter Mutter

Mumien-Fund: "Das grenzt eindeutig an Wahnsinn"

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In diesem Hochhaus in der Terofalstraße lebten die Frauen.

München - Eine 55-Jährige schlief fünf Jahre neben ihrer toter Mutter. Wie kann man so was nur ertragen? Der renommierte bayerische Psychiater Dr. Oliver Seemann erklärt den Fall.

Der grausige Fund in der Blumenau lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Fünf Jahre lang hatte eine 55-jährige Münchnerin mit ihrer toten Mutter in der gemeinsamen Wohnung gelebt – erst jetzt war die Polizei durch Hinweise eines Sozialarbeiters darauf aufmerksam geworden (wir berichteten). Der renommierte bayerische Psychiater Dr. Oliver Seemann erklärt den Fall in der tz:

Herr Dr. Seemann, ist Ihnen so ein Fall schon einmal untergekommen?

Dr. Oliver Seemann: Nein. Ich arbeite seit über 20 Jahren in diesem Beruf — so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der Tochter?

Dr. Oliver Seemann: Die Frau leidet an Halluzinationen, das grenzt eindeutig an Wahnsinn. Sie hat offenbar über all die Jahre nicht verstanden, dass die Mutter tot ist. Wir haben es hier mit einer Art von Wahngebilde zu tun, mit einer Paranoia. In diesem umfassenden Wahnsystem war die Mutter immer noch am Leben — die Tochter hat die Realität schlicht und einfach verdrängt.

Die Tochter ist also wahnsinnig?

Dr. Oliver Seemann: Um den Tod der Mutter über so eine lange Zeit zu verdrängen und gleichzeitig mit der Leiche zusammenzuleben, dafür ist eine enorme geistige Kraft nötig. Und so viel Energie bringen eigentlich in der Tat nur Wahnsinnige auf.

Wie kann man sich den Alltag vorstellen?

Dr. Oliver Seemann: Ich glaube, dass sie an gemeinsamen Ritualen einfach festgehalten hat. Nach dem Tod der Mutter wird sich deshalb nicht viel verändert haben. Die Tochter hat ihrer Mutter auch weiterhin nach dem Aufwachen einen Guten Morgen gewünscht.

Welche Beziehung hatten Mutter und Tochter?

Dr. Oliver Seemann: Wahrscheinlich hatten die beiden eine sehr enge Bindung, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Vielleicht war schon die Mutter hoch traumatisiert — etwa aufgrund von Kriegserfahrungen oder Misshandlungen in der Kindheit — und hat diese Traumata dann auf die Tochter übertragen.

Die Leiche der Mutter wurde nun gefunden — was bedeutet das jetzt Ihrer Meinung nach für die Psyche ihrer Tochter?

Dr. Oliver Seemann: Zwei Varianten sind denkbar. Erstens: Die Tochter lässt sich mit der Realtität konfrontieren, nimmt den Tod der Mutter an und trauert. Das halte ich aber für unwahrscheinlich. Vielmehr denke ich, dass sie ihr Wahngebäude weiter aufrechthält und eine Verschwörung gegen sie wittert: Die Mutter lebt noch — und Fremde haben sie ihr jetzt genommen.

Interview: T. Scharnagl

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