"Wir sind tief betroffen"

Mordversuche im Kreißsaal? Klinik erschüttert

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Das Uniklinikum Großhadern.

München - Nach dem mutmaßlichen vierfachen Mordversuch steht das Uniklinikum Großhadern unter Schock. "Wir sind tief betroffen und bestürzt", sagte der Ärztliche Direktor Karl-Walter Jauch.

Es deute einiges darauf hin, dass die Frauen mit Risikoschwangerschaften gezielt ausgesucht worden seien. „Umso schlimmer finde ich das auch menschlich“, meinte der Direktor der Frauenklinik, Klaus Friese. Wie die Ermittlungen ergaben, soll die Hebamme das erste Mal am 24. April und dann am 20. Mai Heparin in die Infusionsflaschen gemischt haben – in der Folge wären die werdenden Mütter beinahe verblutet. Am 20. Juni das nächste Geburtsdrama im Kreißsaal, wieder war die gleiche Hebamme im Einsatz. Jetzt wurde das Ärzteteam hellhörig. Nach der vierten Risikogeburt am 25. Juni (hier kamen Zwillinge zur Welt) erhärtete sich der Verdacht. Infusionsschläuche wurden aufgehoben, weitere Beweise gesammelt. Ein wissenschaftliches Gutachten bestätigte die Manipulation. Mittlerweile können die Ärzte aufatmen: „In allen vier Fällen sind sowohl die Kinder wie auch die Mütter wohlauf“, heißt es. Für besorgte Patientinnen hat die Klinik eine Hotline eingerichtet unter Telefon 089 / 44 00 73 890. 

tz-Stichwort Heparin

Heparin soll die Blutgerinnung hemmen, also das Blut flüssig halten. Man setzt den Wirkstoff zur Vorbeugung und Therapie von Thrombosen ein, aber auch zur Behandlung von Blutergüssen. Je nach Behandlungsziel wird er entweder in Form von Salben und Gels aufgetragen oder als Lösung gespritzt. Die Hauptnebenwirkung sind Blutungen. Das Risiko ist dosisabhängig und steigt mit gleichzeitiger Anwendung anderer die Blutgerinnung hemmender Medikamente. Als Gegenmittel kann man Protamin intravenös verabreichen.

Viele halten den Stress nicht aus

Die tz sprach mit Astrid Giesen, Erste Vorsitzende im Landesverband der Bayerischen Hebammen.

Wie sieht der Berufsalltag einer Hebamme aus?

Astrid Giesen: Die Belastungen in großen Krankenhäusern mit Tausenden Geburten im Jahr sind mittlerweile sehr hoch. Die Hebammen haben viel mehr Stress als früher.

Das heißt konkret?

Giesen: Es sollte eigentlich eine 1:1-Betreuung geben, eine Hebamme pro werdende Mutter. Die Realität sieht anders aus: Eine Hebamme muss oft zwischen drei Kreißsälen hin- und herlaufen. Manche trinken im Dienst nichts mehr, weil sie keine Zeit mehr haben, auf die Toilette zu gehen.Für die Frauen ist es schlimm, weil sie ihren eigenen Ansprüchen, zu helfen, nicht mehr gerecht werden können.

Stichwort Burnout?

Giesen: Viele Kolleginnen können so nicht mehr weitermachen. Die Situation ist brisant. In den vergangenen drei Jahren haben sich etwa zehn Prozent aus der Geburtsthilfe verabschiedet. Schon jetzt gibt es einen Hebammenmangel.

Ein Blick in die Zukunft?

Giesen: Wenn immer mehr gespart wird in den Kliniken, um den Gewinn zu steigern, dann bleibt der Mensch auf der Strecke.

tz

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