Die häufigsten Handwerker-Streitfälle

41,65 Euro für Anfahrt! Tipps gegen Wucher

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Für die Überquerung der Straße verlangt ein Münchner Elektriker 41,65 Euro Anfahrtkostenpauschale. Ob er das darf, muss jetzt das Amtsgericht entscheiden

München - 41,65 Euro musste Elke Frenzel einem Handwerker für 40 Meter Anfahrt berappen. Was sollten Sie beachten, um Wucher-Rechnungen zu vermeiden? Die tz gibt Tipps.

Elke Frenzel

"Das darf doch nicht wahr sein“, dachte sich die Münchnerin Elke Frenzel (34), als ihr der Elektriker von gegenüber die Rechnung präsentierte: Eine halbe Stunde hatte er gebraucht, um in ihrem Bad eine Steckdose und einen Lichtschalter zu montieren. Dafür verlangte er 29,63 Euro. Aber als sie feststellte, dass er ihr für die 40 Meter, die zwischen ihrer Wohnung und seinem Betrieb liegen, 41,65 Euro Anfahrtskostenpauschale berechnete, fiel sie aus allen Wolken. Und weigerte sich, diesen Betrag zu zahlen.

„Über Kosten haben wir nicht gesprochen“, sagte sie dem Münchner Merkur. Der Elektriker behauptet das Gegenteil. Jetzt hängt der Nachbarschaftssegen in Haidhausen schief, und das Amtsgericht muss über die horrende Pauschale für einen Fußweg von vier Minuten entscheiden.

Heftig diskutiert wird der Fall auch unter Fachleuten: „Solche Pauschalen einfach aus der Hüfte zu schießen – das geht nicht. Damit muss der Kunde auch nicht rechnen“, sagt Holger Scheidinger, Justiziar der Handwerkskammer München. „41,65 Euro in vier Minuten, das verdient höchstens ein Bundesligaspieler. Unter redlichen Handwerkern ist eine so hohe Vergütung keinesfalls üblich!“ Tatjana Halm, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, sieht gute Chancen für die Kundin, da sie die Kosten in dem Fall als sittenwidrig empfindet. „Schlecht ist aber, dass die Kundin die Auftragsbestätigung ohne Einschränkungen unterschrieben hat.“ Dagegen meint Christopher Dittert, Justiziar der Elektrikerinnung, Anfahrtkostenpauschalen seien bei Elektrikern üblich. Eine Erhebung der Innung von 2010 habe ergeben, dass sie für kurze Distanzen bis zu 35 Euro verlangen.

AKG, SVS

Die Rechtslage

Oft erscheinen die Anfahrtskosten der Handwerker den Kunden als überzogen. Eine gesetzliche Regelung, wie viel die Handwerker verlangen dürfen, gibt es nicht. Es ist also ratsam, den Handwerker gleich nach Anfahrtskosten zu fragen. Stehen sie als pauschaler Betrag auf der Rechnung, darf der Handwerker keine weiteren in Rechnung stellen. Fahrtkostenpauschalen muss der Kunde außerdem nur akzeptieren, wenn sie vernünftig zur Entfernung gestaffelt sind. Der Handwerker darf seine Anfahrtszeit als Arbeitszeit berechnen, aber nur mit zehn Prozent Abschlag.

Bei Lieferungen sollten die Kunden unbedingt das Kleingedruckte lesen! Denn nach dem Gesetz sind Spediteure nur dazu verpflichtet, die Ware an der Lieferadresse „zum Abladen bereitzustellen“, sagt Ingo Holda vom Deutschen Spediteursverband. Schwierig bei einer Waschmaschine. Für den Transport ins Haus fallen zusätzliche Kosten an, die im Vertrag stehen müssen. Steht dort Lieferung an Bordsteinkante, darf die Ware vor dem Haus abgestellt werden.

svs

Die häufigsten Streitfälle

- Die Rechnung ist viel höher als der Kostenvoranschlag: „Ab 15 bis 20 Prozent Überschreitung muss der Handwerker den Kunden informieren“, sagt Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale. Tut er das nicht, steht dem Kunden Schadenersatz in Höhe des Mehrbetrags zu.

- Der Anbieter treibt den Preis durch Tricks in die Höhe, es kommen etwa drei Meister, obwohl ein Geselle den Auftrag erledigen könnte: Halm rät, den Rechnungsbetrag zu kürzen, „da es nicht üblich ist, nicht vereinbart und überraschend“.

- Die Arbeitszeit wird großzügig aufgerundet, etwa die Mittagspause mitberechnet oder bei wenigen Minuten die volle Stunde in Rechnung gestellt. „Neben der Anfahrtszeit muss nur die tatsächliche Arbeitszeit bezahlt werden, hier darf nur leicht aufgerundet werden“, sagt Halm. Angemessen ist dies auf maximal eine volle Viertelstunde.

- Streifall verpasster Termin: Häufig heißt es, der Handwerker komme „zwischen 8 und 16 Uhr“. Kommt er nicht, kann der Kunde Schadenersatz für den Urlaubstag verlangen — allerdings gilt bei einer geringfügigen Verspätung des Handwerkers bis 15 Minuten Kulanz. Ist der Kunde nicht da, kann der Handwerker Ersatz seiner Aufwendungen fordern

- Abzocke durch Schlüsseldienste: Bei Wucherpreisen kann der Kunde Geld zurück verlangen, entschied das Amtsgericht München (Az.: 141 C 27160/03). Wucher ist gegeben, wenn 200 Prozent mehr verlangt werden, als ortsüblich ist. Für eine Türöffnung an Werktagen seien 50 Euro üblich.

svs

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