Zeitzeugen erinnern sich

Hagelsturm in München am 12. Juli 1984: "Es sah aus wie nach einem Bombenanschlag"

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Die Hagelkatastrophe am 12. Juli 1984 hinterließ in München eine Spur der Verwüstung.

Am 12. Juli 1984 wurde München von einem massiven Hagelsturm heimgesucht. Augenzeugen erinnern sich an das Inferno. Hier sehen sie Bilder der Hagelkatastrophe.

München - Ein knallgelber Himmel kündigte die Hagelkatastrophe am 12. Juli 1984 um kurz vor 20 Uhr an. Eine gespenstische Kulisse. Minuten später brach über München ein Inferno los: Riesige Eiskörner von bis zu Tennisball-Größe prasselten auf Menschen, Tiere, Häuser, Autos, Felder und Gärten. Drei Tote, mehr als 300 Verletzte und Sachschäden von mehr als drei Milliarden Mark - innerhalb von 20 Minuten. Laut Allianz ist es das bis dahin größte Schadenereignis in der Geschichte der deutschen Versicherungswirtschaft.

Über 3.800 Einsätze zählte die Feuerwehr an diesem Donnerstagabend: Innerhalb kürzester Zeit hatten Sturm und Eisgeschosse Schaufensterscheiben zerschlagen, Dächer abgedeckt und Fassadenverkleidungen zerstört.

Hier lesen Sie, wie Zeitzeugen die Hagelkatastrophe am 12. Juli 1984 erlebten:

Thomas Nowak aus Planegg: Meine Erinnerungen an die Hagelwalze 1984 

"Ich war damals 16 Jahre alt und wir hatten einen Austauschschüler aus Paris zu Besuch. Wir wollten mit dem Rad von Planegg zum Biergarten Forst Kasten. Etwa auf Höhe des Gutshofs Planegg sahen wir am Horizont Richtung Starnberg eine grün-gelbliche Wolkenfront. Kein Vogelgezwitscher - nichts. Eine unheimliche Ruhe. Wir kehrten um und hatten eine Vorahnung, dass etwas nicht stimmt. Kaum zu Hause ging es los. Ich dachte ein Nachbarsjunge wirft Steine auf unser Haus. 

Meine Mutter schrie nur: 'Oh Gott schaut mal raus.' Binnen kurzer Zeit war der Hagelschauer so stark dass man das Haus gegenüber nicht mehr sah. Nach 10 Minuten war alles vorbei. Überall lagen tote Vögel. Wieder Stille. Dann heulten Sirenen. Ich werde diese Stimmung nie vergessen. Wir hatten zumindest Glück. Das Auto stand in der Garage und das Dach blieb heil." 

Petra Ziemer aus München: So erlebte ich den Hagelsturm 1984

Unsere Leserin Petra Ziemer erlebte am Abend des 12. Juli 1984 während der Hagelkatastrophe in München dramatische Szenen: "Vom vierten Stock des Hochhauses in Neuperlach, in dem unsere Wohnung liegt, hatten wir einen nahezu 180-Grad-Rundumblick. Es war noch immer angenehm warm, so dass wir die Beobachtung von unserem Balkon machen konnten. Wir konnten diese gelbe Hagelwolke des 12.Juli 1984 direkt auf uns zurollen sehen - zunächst. Anfangs war es noch ruhig und fast windstill. Es war sprichwörtlich die Ruhe vor dem Sturm. Dann ging es los. Ein Tosen und Grollen begann. Unverzüglich flüchteten wir in die Wohnung. Doch die bot nur da Schutz, wo man sich mindestens zwei Meter von den Fenstern entfernt aufhielt. Ohrenbetäubender Lärm begleitete herumfliegende Glassplitter. Ein Albtraum.

Nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei. Die Couch, das Bett, alles war aufgeschlitzt worden von den herumfliegenden Glassplittern. In den Fensterrahmen befanden sich nur noch klägliche Reste der einstigen Doppelverglasung unserer Fensterscheiben. Kein Auto, keine Fensterscheibe und kein Hausdach war verschont geblieben. Draußen lag knöchelhoch ein Gemisch aus Scherben, Blätter, Ästen und allerlei Unrat. Sämtliche Kanäle waren verstopft, so dass zunächst kein Wasser ablaufen konnte. Mein 12. Juli 1984, ein unvergesslicher Tag für alle die ihn live miterleben 'durften'."

Katharina W. aus München: Schwefelgelber Himmel vor Hagelsturm 1984

"Ich war damals knapp zwölf Jahre alt, und wir lebten in Waldtrudering. An jenem Abend wunderten wir uns schon über den schwefelgelben Himmel, den man vor unserem Haus sehr gut sehen konnte. Natürlich dachten wir uns nichts dabei, außer dass ein Unwetter, wie man es bis dahin kannte, kommen würde. Ich ging auf den Balkon auf der Rückseite unseres Hauses und schaute in den Garten. Es war immer noch recht warm und das obwohl es schon gegen 20 Uhr gewesen sein dürfte.

Mit einem Mal gab es einen lauten Knall. Ich dachte zuerst, dass etwas mit einem Flugzeug passiert sei, da es den Flughafen in Riem damals ja noch gab und der nicht weit von uns entfernt war. Ich sah Äste und sonstige Dinge von der Seite kommend durch die Luft fliegen. Erschrocken und immer noch ahnungslos rannte ich ins Haus. Wieder schauten wir auf der Wetterseite aus dem Fenster und sahen noch die Katze unserer Nachbarn wie einen geölten Blitz über die Straße flitzen.

Und mit einem Mal ging es dann los: vor dem Fenster schossen riesige 'Dinger' vorbei - es kam uns vor, als wenn jemand mit einem Maschinengewehr auf dem Dach steht und seine Salven abfeuert. Erst nach einigen Augenblicken erkannten wir, dass riesige Eiskugeln vom Himmel donnerten, die binnen Sekunden Blätter und Äste von den Bäumen rissen, in die Autos vor unserem Haus riesige Dellen schlugen und deren Scheiben wie nichts zerstörten. Wir rannten wieder zur anderen Seite unseres Hauses, auf der damals das Gewächshaus unseres Nachbarn stand, welches aber schon in Scherben lag.

Da meine jüngere Schwester und ich mit unserer Babysitterin alleine zu Hause waren und wir alle drei wahnsinnige Angst hatten wollten wir zu unseren Nachbarn rüber laufen, was natürlich nicht ging, weil zwischen unseren Häusern der Hagel tobte. Unsere Nachbarin stand bei sich an der Haustür und versuchte uns über den zwischen uns liegenden Vorgarten zu trösten.

Wie lange der Hagel dauerte, weiß ich nicht mehr. Als er vorbei war konnte man aber das Ausmaß der Verwüstung sehen. Auf der Straße vor unserem Haus lag ein kniehoher Teppich aus Blättern, Ästen, Ziegeln, Scherben und Eis und wir konnten endlich zu unseren Nachbarn rüber. Nachdem sich unsere Nachbarin vergewissert hatte, dass es den anderen unmittelbaren Nachbarn so weit auch gut geht, gab es eine Flasche Nymphenburg Sekt, da zum Glück keinem vom uns etwas passiert war. Danach ging's mit Gummistiefeln und Schneeschaufeln auf die Straße..."

Birgit Schellhase aus Ottenhofen (Kreis Erding) - damals in München lebend

"An den Tag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich kam von der Arbeit und wollte gerade duschen gehen. Wir wohnten damals in der Pestalozzistraße. Es wurde in der Wohnung plötzlich so dunkel, dass ich am hellen Sommernachmittag Licht einschalten musste. Ich ging zum Fenster und habe gedacht es ist Krieg. Gegenüber gingen alle Fensterscheiben zu Bruch. Ich hatte Panik, es war laut, und es krachten weiße Bälle vom Himmel.

Dass es Hagelkörner waren, so groß wie Tennisbälle, konnte ich nicht glauben. Angst und Panik stieg in mir auf. Die Straße war dick in Weiß eingehüllt. Mein damaliger Freund war mit dem Fahrrad am Flaucher im Biergarten unterwegs, er wollte längst zurück sein. Als das Gröbste vorbei war, sah ich nur noch in kaputte Fensterscheiben, auf zerbeulte und kaputte Autos die auf der Straße parkten. Es war grausam. Überall waren Sirenen von Polizei und Feuerwehr zu hören. Im Radio hörte ich von Menschen die von Hagelkörnern erschlagen wurden, vielen Verletzten umgestürzte Bäume usw.

Mein Freund kam und kam nicht. Meine Angst wurde immer grüßer. Nach zwei Stunden rief ich in den umliegenden Krankenhäusern an, doch auch dort, kein Hinweis auf meinen Freund. Handys hatten wir noch nicht. Es war eine Ungewissheit, die kaum zu ertragen war. Irgendwann nach vier Stunden kam er nach Hause und erzählte mir, das er sich bei dem Unwetter in Sicherheit gebracht hätte und sich ins Lokal gesetzt hatte, bis alles vorbei war.

In der Pestalozzistraße gab es einen kleinen unscheinbaren Glaser, der machte anschließend die Geschäfte seines Lebens, monatelang war er ausgebucht. In unserer Straße sah es aus wie nach einem Bombenanschlag. Es war furchtbar!"

Rudolf Schmidt aus Siegertsbrunn (arbeitete damals in München)

Dieses Foto von Rudolf Schmdit dokumentiert einen Hagel-Schaden bei der Firma Süd -Chemie am Lenbachplatz.

"Ich war zu diesem Zeitpunkt bei der Firma Süd -Chemie am Lenbachplatz als Hausmeister beschäftigt. Wir hatten an diesem Tag Betriebsausflug und sahen erst am nächsten Tag die Schäden. Ein Teil einer Fensterscheibe habe ich mir aufgehoben (noch im Besitz), und ich habe es jetzt fotografiert."

Dely Tessa: Hatte ihre 10 Monate alte Tochter in Trudering

"Meine Tochter war damals gerade 10 Monate und vom 11. auf den 12. Juli 1984 bei meinen Eltern da ich einen Arzttermin hatte. Ich wohnte damals in Erding und bekamen von dem ganzen Unwetter nichts mit.

Nach meinem Arzttermin bin ich dann nach Trudering zu meinen Eltern gefahren und traute meinen Augen nicht. Je näher wir München kamen umso schlimmer sah es dort aus, Dächer, Autos, Bäume, Häuser - alles kaputt, umgekippt oder zersplittert, wie im Krieg.

Meine Angst um meine Tochter wurde immer stärker und die Gegend um Trudering war wohl besonders schlimm betroffen. Gottseidank war meinen Eltern und meiner Tochter nichts passiert. Sie hat zwar nicht geschlafen durch den Krach aber alle waren wohlauf. Allerdings gab es viele Schäden am und um das Haus und im Garten."

User "raindown" erlebrte den hagelsturm 1984 in Berg am Laim

"Ich hatte damals gerade eine Ausbildung bei einer Firma in Berg am Laim gemacht. Als ich am nächsten Tag in die Firma kam, waren Dächer durchschlagen und natürlich die Fenster und Scheiben kaputt. Wir Lehrlinge wurden dann zur Reparatur herangezogen und sind 3 Tage auf Dächern und Gebäuden herumgeklettert, um Fenster zu tauschen und Dächer zu flicken. Die Berufsgenossenschaft und Arbeitssicherheit würde heute tot umfallen, bei dem was und vor allem wie wir es gemacht haben. Das eine oder andere Fenster, das noch ganz war, hat von uns noch nachträglich einen Hagel Schaden verpasst bekommen... Das war eine schöne Zeit."

Userin "Quelle-Oma" aus Haar: So war der Hagelsturm 1984 in Haar

"Habe damals in Haar gewohnt. Das Gartencenter war ein einziger Glasscherbenhaufen. Verletzte liefen durch die Straße, kaputte Autos, ein Autobesitzer der weinte, weil er extra seinen nagelneuen BMW für eine 'Autowäsche' aus der Tiefgarage auf die Straße gefahren hatte. Bei mir waren die Plastikblumenkästen am Balkon durchlöchert, ebenso wie die Auflagen der Sonnenliegen. Zum Glück waren die Fenster aufgrund des ganzseitigen Balkons etwas nach innen versetzt, aber an der Wetterseite waren die Scheiben kaputt. Noch heute werde ich nervös, wenn sich der Himmel schwarzbraun färbt und es sehr windig wird. So einen Hagel möchte ich nicht noch einmal erleben."

Userin "Miss Marpel" aus München: Bei Hagelsturm 1984 in U-Bahn gerannt

"Das war so, selbst in München, mitten in der Stadt, genauer gesagt in der Mailingerstr., da war der Hagel tennisballgroß, die Leute sind in die U-Bahn runter gerannt, haben in Geschäften Unterschlupf gesucht und haben sich so lange sie dem Hagel ausgesetzt waren, die Hände schützend über den Kopf gehalten....die Schäden waren immens, da mussten die Versicherungen mal so richtig 'bluten'. Hatte damals eine super Chefin, hat mich, nachdem alles vorbei war, heimgefahren, denn MVV-technisch herrschte natürlich absolutes Chaos, ja vor 30 Jahren war die Welt noch total in Ordnung, obwohl es einiges nicht gab...."

User "Giasinger1967" aus München

"Kann mich noch gut erinnern - musste meine Mutter abhalten, unseren Pkw zu 'retten' - Auto war zwar dann ziemlich zerstört, aber im Hof lagen auch erschlagene Tauben."

User "OnkelTom" aus München

"Kann mich noch gut erinnern. Ich war damals bei der Bundeswehr Lkw-Fahrer. Wir haben fast eine ganze Woche lang Häuser neu eingedeckt (und natürlich auch aufgeräumt)"

12. Juli 1984: Bilder der Münchner Hagelkatastrophe

12. Juli 1984: Fotos der Hagelkatastrophe von München

Userin "Susi" aus München: So war der Hagelsturm 1984

"Unser Nachbar fragte gegen 18 Uhr, ob wir mit ihm in den Biergarten Leiberheim in Neubiberg fahren würden. Ich wollte meine reifen Johannisbeeren noch abernten, aber er meinte, das könne ich ja auch noch hinterher tun.

Gegen 19.45 wurde es sehr dunkel und wir machten uns auf den Heimweg, holten das Auto vom Parkplatz und gerade auf die Straße gefahren, hörten wir ein Geräusch, wie wenn ein Kieslaster seine Ladung abladen würde. Unser Nachbar reagierte sehr schnell: "Das hagelt!", schrie er und fuhr an eine geschützte Stelle. Wir saßen im Auto, beim ersten Hagelschlag fiel die Lichtabdeckung im Auto herab, dann wie im Domino, wurde erst die Heckscheibe, dann die Frontscheibe eingeschlagen.

Nach ca. einer Viertelstunde war alles vorbei, wir fuhren mit unserem "Freiluftauto" nach Ottobrunn. unsere Einfahrt war ca. 50cm bedeckt mit Blättern, Ästen und Eis. Inzwischen war es auch recht kalt geworden, wir zogen uns Gummistiefel an und holten die Schneeschaufeln aus der Garage.

Es war auch noch eine große Gaudi, alle halfen zusammen. Fast jedes Haus in unserer Straße hatte etwas abbekommen. In Ottobrunn waren damals auch die Schneeräumfahrzeuge im Einsatz.

Übrigens: meine Johannisbeeren brauchte ich nicht mehr zu ernten, es waren keine mehr da und noch drei Tage später waren in den Blumenkästen, in denen bis dahin Geranien geblüht haben, die Hagelkörner zu finden. Bei unserem Nachbarn, die in Urlaub waren, hatte der Mieter vor dem Gewitter die Jalousien heruntergelassen, diese waren total durchlöchert (war Pech, denn die Besitzer hatten eine Glasversicherung, die aber die Jalousien nicht bezahlte)."

User "Hgjaen" aus München über den Hagelsturm 1984

"Ein ehemaliger Kollege, der in seinem vorherigen Beruf Fluglotse auf dem Flughafen im Riem war, hatte zu diesem Tag auch etwas beizutragen. Er hatte zu dieser Zeit Dienst, und die bereits im Luftraum westlich um München herum stehende Hagelwolke sorgte bereits bei den Fluglotsen für erhöhte Aufmerksamkeit. So wurden anfliegende Flugzeuge um das Unwetter herumgeleitet, was natürlich einen gewissen Zeitverlust mit sich brachte.

So wurde es auch einer Maschine einer englischen Fluggesellschaft zuteil. Einige Zeit nach der Landung stand der Kapitän dieses Flugzeugs in der Flugsicherung auf der Matte, und erkundigte sich, warum er einen Umweg fliegen musste, es kostet Zeit und Geld. Man erklärte ihm, dass er einem großen Hagelunwetter ausweichen musste. Der Kapitän erklärte kopfschüttelnd dazu: 'Für einen Engländer gibt es kein Unwetter'."

User "Ueberbein" aus Ebersberg

Noch 'ne Erinnerung dazu aus Ebersberg. Dort fanden gerade "Kulturtage" statt. Auf dem Volksfestplatz war ein Art Zirkuszelt aufgestellt worden. Irgendeine Folkloregruppe sollte spielen, der Andrang war überschaubar. Als sich der Himmel gegen 20 Uhr graugrün verfärbte, strebten doch noch viele ins Zelt, vor allem um dem drohenden Regen zu entgehen. Die Musiker hatten gerade ihre Instrumente gestimmt, als es losging.

Eine gewaltige Böe zerriss ein paar Sicherungstaue, alles rannte aus dem Zelt raus, ein paar mutige Männer klammerten sich an die Gerüststreben, um das Schlimmste zu verhindern. Ein zweite, noch stärkere Böe riss schließlich das Zelt komplett in Fetzen, die Letzten flüchteten in die nahe Volksfesthalle, deren großes Tor sich danach nur mit Mühe zuhalten ließ.

Hagel gab's keinen, jedenfalls nicht in diesem Teil der Stadt, dafür sintflutartigen Regen, der die Bahnunterführung an der Straße nach Grafing fast hüfthoch überflutete. Auch die beiden Straßen durch den Forst nach Schwaberwegen und Hohenlinden waren durch umgestürzte Bäume blockiert. Ich sehe mich noch mit anderen von der Halle aus fassungslos auf das völlig zerstörte Zelt schauen, mitten drin standen noch die verlassenen Verstärker und sonstige Elektronik. Trotzdem - Glück gehabt!"

Hagelunwetter in München und Umgebung 1984

Fotograf Thomas Gaulke berichtet vom Hagelsturm 1984 in München

"Ich war 1984 bei der Feuerwehr Perlach aktiv und beobachtete aus meiner Wohnung im 1. OG (Ottobrunner Straße nahe Pfanzeltplatz) die Wettersituation, die sich zunächst durch seltsam gelbes Licht auszeichnete. Als dann das Gewitter mit starkem Regen und Sturmböen einsetzte, stand ich direkt am Fenster mit Blick auf die Ottobrunner Straße, als ich den Hagel bemerkte. Plötzlich wurde exakt diese Fensterscheibe von den Körnern zerschossen; die Splitter fand ich später bis in der letzten Ecke des Zimmers verstreut.

Ich zog mich sofort weit von den Fenstern zurück, als der Funkwecker-Alarm ausgelöst wurde. Zusammen mit zwei Kameraden, die im selben Haus wohnten, fuhren wir zum Gerätehaus, wo in einer freien Gasse bereits andere Kameraden ihre teils schwer beschädigten Fahrzeuge in Sicherheit gebracht hatten. Der Hagel dauerte von 20.10 bis 20.20 Uhr; es folgten wolkenbruchartige Regenfälle, die bis Mitternacht anhielten.

Die ersten Einsätze waren überschwemmte Straßenzüge, u. a. der komplette Pfanzeltplatz, da abgeschlagene Äste und Blätter die Gullys verstopften. Später folgten Sicherungen eingeschlagener Dachfenster. Unsere eigenen Schäden konnten erst zuletzt provisorisch "behandelt" werden. In den Folgetagen hielten wir uns zu 90 % auf den Dächern von Perlach, Ramersdorf, Trudering und Waldtrudering auf."

So reagierte die Allianz auf den Hagelsturm 1984

Bei vielen Allianz-Vetretern in München und den im Osten angrenzenden Landkreisen stand in den darauf folgenden Tagen das Telefon nicht mehr still. Vertreter, Bürokräfte und Schadenregulierer schoben Überstunden. Sechs-Tage-Woche, körbeweise kamen die Schadenmeldungen herein. Und alle Kunden stellten die Frage: "Zahlt die Versicherung?"

Für die Versicherer war dies eine schwierige Entscheidung. Im Bereich der Autokasko-Versicherung stellte sich die Frage nicht, denn da waren solche Schäden ohnehin gedeckt. Nicht selbstverständlich war dies aber in der Gebäude- und in der Hausratversicherung. Hier waren damals nur Schäden durch Sturm, also mindestens Windstärke acht versichert, nicht aber durch Hagel allein. Außerdem war der Umfang der Schäden wenige Stunden nach der Katastrophe noch gar nicht abzusehen.

Die Allianz entschied bereits am Vormittag nach dem Hagel: "Ja, wir zahlen!" Ohne im Einzelfall zu prüfen, ob Sturm herrschte oder nicht.

Ein Bild der Hagelwalze am Abend des 12. Juli 1984 in München, geschossen von Thomas Gaulke aus dem Fenster seiner Perlacher Wohnung.

Schaden-Schnelldienst mit Kaffee und Kuchen

Schon am nächsten Tag richtete die Allianz zusätzlich zu ihren zwei Schadenschnelldienst-Stationen eine dritte ein. Wochenlang dort täglich das gleiche Bild: bereits ab sechs Uhr morgens Autoschlangen vor den Stationen. Die Kunden konnten ihre zerbeulten Fahrzeuge begutachten lassen und erhielten sofort einen Scheck oder eine Reparaturkosten-Übernahmeerklärung. Mitarbeiter des Versicherers versorgten die Wartenden mit Erfrischungen.

Für die Begutachtung der Gebäude- und Hausratschäden setzte die Allianz mehr als 50 Sachverständige aus dem ganzen Bundesgebiet ein. Mit Zeitungsanzeigen informierte sie zusätzlich über die unbürokratische Schadenregulierung: Bei kleineren Kfz- oder Gebäudeschäden Rechnungen einreichen oder Handwerker direkt beauftragen!

Allianz zahlte 315 Millionen Mark aus

Erst nach einigen Monaten stand das ganze Ausmaß der Schäden fest: Der Gesamtschaden betrug rund drei Milliarden Mark, davon waren rund 1,5 Milliarden Mark versichert. Mehr als 200.000 Autos, 70.000 Gebäude sowie zahlreiche Flugzeuge auf den Flughäfen München-Riem und Oberpfaffenhofen waren vom Hagel demoliert worden. Allein die Allianz zahlte insgesamt 315 Millionen Mark an ihre Kunden aus.

"Die Kulanz der Versicherungen hatte jedoch auch ihre negativen Seiten", erzählt ein ehemaliger Allianz-Vertreter aus München: "Einer meiner Kunden hatte sein Dach selbst abgedeckt - und dachte, er bekäme von uns ein neues. Die Sache ist natürlich aufgeflogen."

Das Geschäft ihres Lebens machten jedenfalls Kfz-Werkstätten, Dachdecker und Glasereien. Dachziegel waren bereits am Tag nach dem Hagel Mangelware. Wenig später ließen sich für einige Autotypen in ganz Süddeutschland keine Scheiben mehr auftreiben.

Heute: Hagel in Hausrat- und Wohngebäudeversicherung inklusive

1984 war die Kulanz der Versicherungen gefragt - wenige Jahre später hat die Allianz das Risiko Hagel in die Wohngebäude- und in die Hausratversicherung mit aufgenommen. "Seit 1987 ist Hagel fester Bestandteil", sagt Sachversicherungs-Experte Rolf-Peter Lupold. "Das heißt, dass Hagelschäden gedeckt sind, ohne dass gleichzeitig ein Sturm mit Windstärke acht herrschen muss. Die vielen regionalen Hagelereignisse in jedem Sommer zeigen, wie sinnvoll das ist."

Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen und Bilder

Schicken auch Sie uns Ihre Erinnerungen, Ihre Fotos, Ihre Geschichte zu dem verhängnisvollen Donnerstag im Juli 1984. Auf unserer Leserreporter-Seite können Sie Ihre Bilder hochladen und kurz ihre Geschichte vom 12. Juli 1984 erzählen.

Digitale Fotos gibt es freilich kaum von 1984. Das ist aber kein Problem. Einfach mit dem Smartphone oder der Digitalkamera das alte Bild abfotografieren - am besten bei guter Beleuchtung und ohne Blitz, sonst spiegelt es - dann ist Ihr altes Foto digital. Alternativ können die Bilder natürlich auch gescannt werden.

Halten Sie die Erinnerung wach! Wir freuen uns auf Ihre Geschichte!

fro/kmm 

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