Berg am Laimer mit Live-Musik für die Nachbarschaft

Mit Musik die Herzen der Nachbarn erfüllen

Fredy Mai spielt auf seiner Gitarre.
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Manfred „Fredy“ Mai ist 82 Jahre alt und voller Leben. Früher tourte er als Leader der Band „ABANDA“, heute ist er gerne in seinem Tonstudiokeller oder veranstaltet Hof-Konzerte.

In einem Keller kann so einiges verstaut werden. Doch kommt wohl kein Keller an den von Fredy Mai aus Berg am Laim heran: Er hat in seinem Abteil das wohl kleinste Tonstudio Münchens verbaut. Der Rentner und Musiker aus Leidenschaft will mit seiner Musik Freude in die Herzen bringen.

Berg am Laim - Fredy Mai drückt Knöpfe, dreht an Reglern und ist konzentriert, als er die letzten technischen Einstellungen tätigt, bevor sein Hof-Konzert startet. Die ersten Nachbarn strecken schon neugierig ihre Köpfe aus den Fenstern. Das Stromkabel für die Beschallung der Nachbarschaft verläuft einmal quer durch den Vorhof der Berg am Laimer Siedlung, am Sandkasten vorbei, die Hauswand hoch in die Wohnung einer hilfsbereiten Anwohnerin. Damit keiner über das Kabel stolpert, ist es mit rot-weißem Klebeband auf dem Asphalt abgedeckt. Gleich geht es los.

Mai ruft nach seiner Frau, er braucht den Schlüssel, muss sich noch schnell umziehen. Dann verschwindet er und kommt kurz darauf in geblümtem Hemd zurück zum Mischpult. Er greift nach seinem knallorangenen Mikrofon, rückt sich die florale Basecap, die passend auf das Hemd abgestimmt ist, zurecht. Die Fenster sind geöffnet, die Köpfe herausgestreckt, die Freude groß.

Mai ist am vergangenen Wochenende 82 Jahre alt geworden und weiß noch immer, seine Fans zu unterhalten. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Nachbarn für zwei Stunden von der Schwere des Corona-Alltags zu befreien. Und so viel sei schon verraten: Er wird es schaffen.

„Ich wünsche euch viel Spaß und schenke euch einen Augenblick Musik“, sagt er. Fröhliche Gesichter, klatschende Hände, keiner steht mehr still. Mit purer Lebensfreude durchströmt die fetzige Musik von Mai die Nachbarschaft. Der 82-Jährige singt und spielt Gitarre, aber ist nicht der Einzige, der musikalisch etwas zu bieten hat. Klavier, Mundharmonika, internationaler Gesang und ein Flötenspiel stehen mit auf dem Programm. So vielfältig die musikalische Darbietung ist, so abwechslungsreich ist auch Mais Kopfbedeckung. Von Glitzergold bis hin zu Rasterzöpfen hat er alles im Repertoire.

Musik entsteht zwischen den Marmeladengläsern

Wenn Mai nicht seine Nachbarn beschallt, ist er in seinem Keller, den er selbst zu einem Tonstudio umgebaut hat. Links steht ein Regal mit Marmeladengläschen, rechts ein Heimtrainer. Das ist aber auch das Einzige, was an einen typischen Keller erinnert. Mai hat die Wände mit Holz verkleidet, im hinteren Bereich eine kleine Tür eingebaut und somit einen winzigen Raum kreiert, in dem auf dem Schreibtischstuhl eine Person Platz nehmen kann.

Schwarzer Schaumstoff klebt an den Wänden, der den Schall schluckt. Auf dem Tisch steht sein Mischpult; und vor dem Monitor sein Keyboard. Darauf spielt er Melodien ein und kann verschiedene Instrumente imitieren. „Und, wenn ich mal keinen Schluss spielen will“, Mai drückt einen Knopf und lacht: „Dann macht er den.“ Mit „er“ meint er sein Keyboard. „Da habe ich drei verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl.“

Der Musiker schnappt sich das Mikrofon und dreht die Anlage auf. Die Melodie setzt ein, der 82-Jährige steht nicht mehr still. Wenn Mai von der Musik spricht, wirkt er gelöst. Sie ist immer mit dabei. Sogar, wenn er den Wind hört. Er hört ihn, nimmt ihn auf, macht mit dem Mund die Geräusche nach, die der Wind macht und packt sie in verschiedene Tonlagen. Schon entsteht die Idee für eine Melodie. Er könnte direkt loslegen. Mai sagt, er habe rund 200 Lieder produziert, dabei könne er gar keine Noten lesen. Wer Mai gegenübersteht, der will ihm gar nicht glauben, dass er gerade seinen 82. Geburtstag gefeiert hat. Samt Tunnel und Steckern in beiden Ohren ist er alles andere als vom alten Eisen, ein Mann, der um keinen Witz verlegen ist – ein ewiger Lausbub. Und so bunt wie seine Bühnenoutfits, so schillernd ist auch sein Wesen.

Früher, so sagt Mai, habe seine Band „ABANDA“ zu den fünf Besten in Bayern gehört. Mehrere hundert Auftritte im Jahr waren Alltag. Und das nebenberuflich. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie groß wir waren und was da eigentlich alles passiert ist.“ Jetzt sieht Mai vieles anders. Er ist glücklich, dieses Alter erreicht haben zu dürfen und lebt mit großer Freude. „Es ist eine Gnade für mich, weil meine Brüder schon gestorben sind. Da denke ich mir: ‚Mensch, jetzt muss ich die Stellung halten. Ich muss für euch weiterspielen.“ Diese Freude will er weitergeben. Nicht, weil er davon profitieren möchte, sondern weil es ihn erfüllt. „Es ist eine reine Spaßgeschichte für mich“, sagt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Die Rente stimmt.“

Wenn Mai ins Erzählen kommt, lauscht man gerne, denn wenn der Hobby-Musiker redet, spricht er nicht monoton, sondern mit Power und schmückt seine Erzählungen mit vielen Gesten aus. Einmal zum Beispiel, da sei er mit seinem Bruder und seiner Frau in einem Restaurant gewesen. Am Nachbartisch hätten ein paar mehr Kerzen als üblich gestanden, also habe er gefragt, ob eine Party steige. Er sei richtig gelegen: ein Geburtstagsfest. Allerdings ohne Musik. Für Mai undenkbar. Er habe die Gäste daher gefragt, ob sie noch musikalische Untermalung benötigen würden.

Er hätte alles in seinem Auto und könnte direkt loslegen. Und eine CD gäbe es auch noch oben drauf. Bis heute bekomme er regelmäßig Postkarten der Jubilarin. In einer stand: „Schön, dass Sie so ein Hobby haben. Herr Mai, bleiben Sie dabei. Es war die schönste Feier unseres Lebens. Mit einer Menge Gefühl.“

Das ist es, worum es Mai geht: Anderen eine Freude zu bereiten, vielleicht auch in Zeiten, in denen manchen zunächst gar nicht nach Lachen zumute ist. Darum veranstaltet er auch seine musikalischen Konzerte im Hof. Sein sonniges Gemüt scheint nach außen zu strahlen, denn Mai ist groß, geht aufrecht, nicht gebeugt, sieht bei Weitem nicht aus wie ein 82-Jähriger und hat auch keine Probleme damit, die Texte auswendig zu können. Sein Hof-Konzert während der Corona-Pandemie: ein voller Erfolg. Eine Frau mit weißem Haar sitzt auf der Spielplatzbank. „Zugabe!“, ruft sie ihm zu. Es soll nicht die letzte Party gewesen sein, so viel ist sicher.

Melanie Schröpfer

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