Erwin Bohlig zieht sich als Vorsitzender des Kulturkreises Ramersdorf-Perlach zurück

Mit seinem Rückzug endet eine Ära

Der Kabarettist Gerhard Polt und Erwin Bohlig vom Kulturkreis Ramersdorf-Perlach
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Der Kabarettist Gerhard Polt (links) hielt dem Kulturkreis Ramersdorf-Perlach mit seinem Vorsitzenden Erwin Bohlig seit 1993 die Treue.

Bereits vergangenes Jahr im Frühjahr hat Erwin Bohlig dem Verein Kulturkreis Ramersdorf-Perlach mitgeteilt, sich als Vorsitzender zurückziehen zu wollen. Lange Zeit war kein Nachfolger in Sicht. Doch das Bangen um die Zukunft des Vereins hat ein Ende. Zwei Ehepaare lenken künftig die Geschicke des Kulturvereins. Coronabedingt muss das Publikum sich dennoch noch gedulden, bis es einen Neustart geben kann.

Es gibt so einige Eigenschaften, die ein Kultur-Veranstalter haben sollte. Eine davon ist Hartnäckigkeit. Denn wäre Erwin Bohlig nicht so manches Mal fest entschlossen gewesen, etwas durchzuziehen, hätte er nicht mit so großem Erfolg gut 30 Jahre lang den Kulturkreis Ramersdorf-Perlach geleitet. Und auch seine beharrliches Auftreten bei der Kontaktaufnahme mit so manchem Künstler sorgte dafür, dass Bohlig seinem Publikum überaus bekannte Gesichter auf der Bühne präsentierte. Nun, nach langer pandemiebedingter Pause, gibt der 70-jährige den Vereinsvorsitz ab. „Dieter Hildebrandt hat für einen Buchtitel den Begriff ,Restlaufzeit‘ geprägt“, so der gebürtige Franke. „In Anbetracht meiner Restlaufzeit habe ich mich entschlossen, die ehrenamtliche Veranstaltertätigkeit für den Kulturkreis Ramersdorf-Perlach aufzugeben.“

Das vergangene Jahr hätte viel Kraft gekostet. „Den Künstlern bedingt durch die Pandemie-Verordnungen die Auftritte abzusagen, war das eine. Das andere war, wochenlang im Büro zu sitzen und bereits gekaufte Karten zurückzuerstatten“, so Bohlig. Doch all die Jahre zuvor, ohne Corona, habe ihm sein Ehrenamt stets großen Spaß gemacht. Und dieser Funke der Begeisterung sprang auch immer über — auf Vereinskollegen, Künstler und Publikum.

Als einer, der nur hinter den Kulissen agiert, mit dieser Beschreibung wird man Bohlig nicht gerecht. Er sperrt die Tür am Veranstaltungsabend auf, er empfängt die auftretenden Künstlern und begrüßt ebenso fast alle Gäste, die eintrudeln, und hilft ihnen beim Platzfinden.

1993 ging es los. Und zwar gleich so richtig: Größen wie Gerhard Polt, Fredl Fesl und Bruno Jonas standen von Beginn an in der Konzerthalle an der Quiddestraße auf der Bühne. „Das Schöne ist, dass mir die Künstler, ob Django Asül oder Günter Grünwald, all die Jahre die Treue gehalten haben“, freut sich Bohlig. Klar, sein Veranstaltungsort gehört zu einer Schule und mag zunächst vielleicht nicht ganz so attraktiv klingen. Aber: Die Saal mit großer Bühne bietet rund 500 Zuschauern Platz. „Somit traten Künstler bei uns an einem Abend vor einem größerem Publikum auf als im Münchner Schlachthof oder Lustspielhaus auf“, preist Bohlig seine Spielstätte in Neuperlach an.

Und so rechneten sich die Veranstaltungen auch, nachdem der Kulturkreis im Jahr 2007 die Nachricht vom Kulturreferat der Stadt München verdauen musste, dass die Förderung eingestellt wird. „Das Programm, das der Kulturkreis Ramersdorf-Perlach in der Aula des Schulzentrums Perlach-Nord organisiert, besteht fast ausschließlich aus Kabarett- und Musikveranstaltungen überregional bekannter Künstlerinnen und Künstler, die an mehreren anderen Orten in München ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand, das heißt bei rein kommerziellen Veranstaltern, auftreten“, hieß es damals in dem Schreiben des Kulturreferats. Ein harter Einschnitt für den Kulturverein, der heute 572 Mitglieder hat.

Der Brief mit der schlechten Nachricht ist längst abgeheftet, der Verein hatte ja mit Bohlig einen hartnäckigen Vorsitzenden, der es schaffte, trotzdem weiterzumachen. Doch nun sei es für den 70-Jährigen einfach an der Zeit gewesen, den Vorsitz abzugeben und „fast einen Kubikmeter Akten“ an seine Nachfolger zu übergeben. „Vergangenes Jahr im Frühjahr habe ich unsere Vereinsmitglieder gefragt, ob jemand Interesse an meinem Posten hätte“, erzählt Bohlig. Als sich niemand meldete, schrieb er erneut in die Runde, dass er unter diesen Umständen den Verein dann auflösen werde. Daraufhin meldeten sich zwei Ehepaare: Bern und Maren Große-Plankermann sowie Peter und Claudia Schablitzky, die ab sofort die Geschicke des Vereins leiten. Bei ihnen weiß Bohlig den Kulturkreis in guten Händen. Seine Nachfolger würden bereits ein Laien­theater betreiben, sie wüssten, wie man einen Kulturverein managt und hätten zudem viele neue Ideen.

Allerdings werde es wohl noch einige Zeit dauern, bis tatsächlich wieder Kabarettisten und Musiker auf der Bühne stehen können. Derzeit werde der große Saal in der Corona-Krise für den Schulbetrieb genutzt, berichtet Bohlig. Auch Veranstaltungen im Herbst seien daher vorsorglich noch alle abgesagt.

Doch die Kultur wird wieder ihren Platz an der Quiddestraße finden. Künstler werden wieder auftreten. Und — nach der Vorstellung wird wieder zusammen eingekehrt werden. „Die Besuche im Gasthaus zur Post nach Veranstaltungsende waren immer etwas ganz Besonderes“, schwärmt Bohlig und zahlreiche Erinnerungen kommen hoch: Zum Beispiel an den Auftritt des mittlerweile verstorbenen CDU-Politikers Norbert Blüm gemeinsam mit „Tatort-Kommissar“ Peter Sodan. „Ihr Kabarett hat schon großen Spaß gemacht, da beide so grundverschieden sind, aber unvergessen ist für mich auch, wie sie hernach im Gasthaus aus dem Nähkästchen plauderten und von ihren Familien erzählten.“

Bei anderen Künstlern erinnert sich der Kultur-Veranstalter eher daran, wie er versuchte, sie nach Neuperlach zu holen. Ottfried Fischers Telefonnummer habe er zum Beispiel im Telefonbuch gefunden. „Ein halbes Jahr lang habe ich jeden Tag bei ihm angerufen, immer war nur der Anrufbeantworter an. Dann hatte ich Glück, Fischers Ehefrau ans Telefon und dann musste er...“, schmunzelt Bohlig. Dieter Hildebrand wiederum begegnete Bohlig in Keferloh in der Tennishalle. Er sprach ihn an, sie plauderten und so stand Hildebrandts Name schon bald auf dem Programm des Kulturkreises.

Über die Jahre hat Bohlig durch sein Ehrenamt nicht nur zahlreiche Freunde gewonnen, auch seine Lebenspartnerin Gertrud Schermer hat er durch die Arbeit für den Kulturkreis kennengelernt. Mit ihr erkundet er derzeit in Franken, wo er das Haus seiner Mutter geerbt hat, die Gegend. Und die erwähnte „Restlaufzeit“ möchten sie zusammen auch viel zum Reisen nutzen. Und Bohlig wird Veranstaltungen des Kulturkreises besuchen – natürlich mit anschließendem Beisammensein im Wirtshaus.

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