1. tz
  2. München
  3. Stadt
  4. Hallo München

60 Jahre Anwerbeabkommen: Wie München zur zweiten Heimat wurde

Erstellt:

Von: Marie-Julie Hlawica, Sebastian Obermeir

Kommentare

Vater Saffet und Tochter Günay Sarialioglu mit Erinnerungen an die Türkei.
Vater Saffet und Tochter Günay Sarialioglu mit Erinnerungen an die Türkei. © mjh

Von 1961 bis 1973 warb Deutschland um Gastarbeiter aus der Türkei. Tausende kamen in München an, viele sind geblieben. Hallo hat mit Zugezogenen mehrerer Generationen gesprochen

München - Am 30. Oktober 1961 trat ein Anwerbeabkommen mit der Türkei in Kraft, das Arbeitnehmer nach Deutschland bringen sollte. Eine Vereinbarung, die München und die Familien damaliger Gastarbeiter – wie zum Beispiel Familie Sarialioglu – bis heute verbindet und prägt.

In fünfter Generation zwischen München und der Türkei

Mit den Urenkeln lebt Familie Sarialioglu heute in der fünften Generation in München. „Zuerst kam meine Großmutter Fatma aus Samsun mit dem Anwerbeabkommen, arbeitete in einem Hotel in der Arnulfstraße“, erinnert sich Tochter Günay.

Ihr folgte der Opa, 1972 dann ihr Vater Saffet. Der erzählt: „Ich war 17, da wurde mir Arbeit in einer Krautfabrik angeboten.“ Mit dem Zug kam er an, wohnte in einer türkischen Wohngemeinschaft an der Schwanthalerhöhe. „Es gab eine Küche für alle, die Toilette auf dem Gang, ein Gemeinschaftsbad.“ Seine junge Frau Gülcük zog nach.

Großvater Sarialioglu mit seiner Familie.
Großvater Sarialioglu mit seiner Familie. © privat

Günay Sarialioglu: „Ich war die erste von drei Töchtern, kam in der Maistraße 1974 zur Welt.“ Stolz kaufte Papa Saffet das erste Familien-Auto: „Einen BMW 2002. Ich war so stolz – dabei hatte ich noch gar keinen Führerschein!“

Eigene Klassen für Gastarbeiter in der Klenzeschule in München

Weil es für die Gastarbeiterkinder keine Kindergartenplätze gab, wurde die Erstgeborene zur Großmutter in die Türkei geschickt, kam erst zur Einschulung zurück. „Ich war in der Klenzeschule, in einer reinen Türkisch-Klasse. Man dachte, alle Gastarbeiter gehen wieder zurück. Wir hatten einen anderen Lehrplan als die deutschen Kinder, blieben unter uns, lernten wenig und kaum Deutsch.“

Doch die Sarialioglus blieben, der Vater wechselte in ein Fast-Food-Unternehmen, die eigene Wohnung wurde bezogen: „Wir waren modern, meine Frau trug kein Kopftuch, arbeitete wie ich und wir feierten Nikolaus.“ In den Ferien ging es in die Türkei: „2500 Kilometer im Auto ans Meer, jeden Sommer!“

Günay Sarialioglu hat in München geheiratet, wurde Mutter, bildete sich weiter und ist heute als Handelsfachwirtin selbständig: „Wie meine Eltern wollte ich für meine Kinder eine gute Perspektive. Es war nicht immer einfach, es gab auch für sie viele Hürden in der Schule.“ Zwei ihrer Kinder studieren in Zypern, zwei sind in München, die jüngste beendet bald ihre Ausbildung.

Familiensprache ist weiterhin Türkisch

Eben ist wieder Nachwuchs gekommen: Die fünfte Generation der Sarialioglus. „München ist unser Zuhause. Wenn die Familie zusammenkommt, dann hier. Unsere Familiensprache ist Türkisch, wir sind in beiden Gesellschaften daheim: in der türkischen wie der deutschen.“

Der junge Saffet Sarialioglu (li.) in Samsun, kurz bevor er an die Isar zog.
Der junge Saffet Sarialioglu (li.) in Samsun, kurz bevor er an die Isar zog. © privat

Saffet Sarialioglu ist seit Mai in Rente. Nach Samsun zurück will er nicht: „Jetzt bin ich fast 50 Jahre in München, meine Töchter, meine Enkel sind es. Hier ist meine Familie und mein Herz.“

München auch nach dem Anwerbestopp 1973 eine neue Heimat

Am 23. November 1973 wurde die „Vermittlung ausländischer Arbeitnehmer“ eingestellt. Mustafa Erciyas kam 2001 also nicht mehr als „Gastarbeiter“ nach Deutschland – sondern, um in München eine neue, zweite Heimat zu finden, für die es sich einzusetzen lohnt.

Portrait von Ingenieur Mustafa Erciyas aus München
Verkehrsingenieur Mustafa Erciyas kam 2001 nach Deutschland. © privat

„Ich habe mein Visum am 11. September 2001 bekommen. Diesen Tag werde ich nie vergessen“, erzählt Mustafa Erciyas. Für sein Masterstudium kam er nach Darmstadt, 2006 schloss er es ab. Dann ging es nach München: „2009 fing ich bei einem Ingenieurbüro an und seit fünf Jahren arbeite ich bei der Stadt als Verkehrsingenieur und plane Ampeln und Radwege.“

In München fühlt er sich zuhause. „Die Stadt ist das Sahnehäubchen unter den deutschen Städten. Aber auf jedes Sahnehäubchen passt noch eine Kirsche.“ Was er damit meint: „Ich habe festgestellt und auch selbst erleben müssen, dass türkische Migranten oft benachteiligt sind und ausgegrenzt werden. Als Türke kann man 50 Jahre in einer Stadt leben, man darf aber nicht einmal den Stadtrat wählen.“

Migrationsbeirat für viele einzige Chance zur Beteiligung

Ausländer aus EU-Staaten dürfen das. Nicht einmal beim Radentscheid vor zwei Jahren durfte Erciyas, der die Radwege in München plant, mitbestimmen. Der Migrationsbeirat sei die einzige Möglichkeit, politisch mitgestalten zu können. „Wenn Menschen nicht wählen dürfen, vermittelt es ihnen die Botschaft, dass sie nicht zur Gesellschaft gehören sollen.“

Das Kommunalwahlrecht für Nicht-EU-Bürger würde das Zugehörigkeitsgefühl zur Stadt, wo sie leben und die sie lieben, erhöhen, ist er sicher. „Eine Politikerin sagte einmal: ‚Heimat ist da, wo es einem nicht egal ist, was um einen passiert.‘“

Millionen Gastarbeiter kamen am Münchner Hauptbahnhof an

Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen mehrere Millionen Menschen aus Italien, Griechenland, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien in Sonderzügen auf dem Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs an. An der Weiterleitungsstelle, einem Bunker unter dem südlichen Bahnhofsplatz, wurden sie registriert – von dort reisten sie weiter.

Oder blieben in München: 23 000 ausländische Arbeitnehmer gab es in München 1961, 1,5 Prozent davon aus der Türkei. 1971 waren es 143 600, 15,5 Prozent Türken. Heute leben rund 37 000 Türken in München.

1972 stellte der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel fest: „München ist eine Einwanderungsstadt. Das mag manche erschrecken, aber es ist die Wahrheit.“ Eine von ihm in Auftrag gegebene Studie zeigte den Beitrag der „Gastarbeiter“ am Wohlstand Deutschlands und Münchens auf.

Ohne die ausländischen Arbeitskräfte wäre München nicht die Stadt, die wir heute kennen: Große Bauprojekte wie das Olympiagelände, die U-Bahn und die Siedlungen am Hasenbergl oder Neuperlach wären ohne sie nicht möglich gewesen.  

Auch interessant

Kommentare