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„KonTEXT“: Leseprojekt für straffällige Jugendliche wird 10

Fernando mit seiner Mentorin Kirsten Henn
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Fernando S. (li.) mit seiner Mentorin Kirsten Henn, die ihn bei der dreimonatigen Leseweisung betreut.

Angestoßen zur Selbstreflexion: Seit zehn Jahren hilft das Leseprojekt „KonTEXT“ straffällig gewordenen Jugendlichen - betreut von der Hochschule München.

  • Bei „KonTEXT“ betreuen Studenten straffällige Jugendliche über drei Monate
  • Die Leseweisung ist eine der möglichen Sanktionen, die das Gericht erteilen kann
  • Über 8000 Jugendliche konnten mit den verschiedenen Angeboten des Projekts erreicht werden

„Die Leseweisung war die letzte Option“: Fernando S. ist Teil von „KonTEXT“. Das Leseprojekt für straffällig gewordene junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren gibt es nun seit zehn Jahren. Betreut wird es von einer Professorin der Hochschule München.

Mit 14 kommt Fernando das erste Mal in Konflikt mit dem Gesetz. Die Strafe: eine Woche Arrest. „Unangemessen“, findet er. Abgeschreckt hat es nicht. „Bis ich 16 oder 17 war, waren die Strafen eher etwas zum Prahlen in der Gruppe.“ Das änderte sich, als es darum ging, den damals 18-Jährigen bei einem weiteren Delikt nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Das Verfahren zog sich. Das Gericht erteilt dem heute 22-Jährigen die Leseweisung.

„KonTEXT“: Studenten der Hochschule München als Mentoren beim Leseprojekt

Schwach, als würden sie nach dem letzten Halm greifen kam es dem Giesinger vor, als er erstmals vom Projekt hörte. Das ändert sich, als er selbst Teil wird. „Es hilft mir, mich mit Themen auseinanderzusetzen und mich selbst zu reflektieren.“ Seine Mentorin ist Kirsten Henn, 27, die Soziale Arbeit an der Hochschule München studiert. „Im zweiten Semester hatten wir ein Seminar zum Projekt. Seitdem bin ich ehrenamtlich dabei.“ Sie habe schon immer gerne gelesen und darüber diskutiert. Das Feedback der Jugendlichen war bisher positiv: „Manche sind dadurch wieder zum Lesen gekommen oder wurden durch die Inhalte des Buches und die Gespräche dazu angeregt, über ihre Situation nachzudenken.“

Ein Fragebogen klärt zu Beginn, welche Themen und somit Bücher zum jeweiligen Teilnehmer passen. Aus mehreren Vorschlägen hat sich Fernando für „Boy In A White Room“ von Karl Olsberg, das philosophische Fragen aufwirft, und E. R. Franks „Ich bin Amerika“ über einen Jungen in der Psychiatrie entschieden. „Psychologie hat mich sehr interessiert.“ Am Ende steht ein Abschlussprojekt: Die Teilnehmer können zum Beispiel eine Geschichte schreiben, über sich selbst oder das Buch, aber auch eine künstlerische Arbeit anfertigen. Danach folgt ein Abschlussgespräch.

Das Leseprojekt „KonTEXT“ wird auch im Münchner Jugendarrest angeboten

Ursprünglich gab es das Projekt nur im Arrest. Zwei Studenten haben die Buch-Besprechungen vorbereitet und mit bis zu sechs Jugendlichen in der Gruppe bearbeitet. Das musste wegen Corona pausieren. Schon ab 2012 kam die Arbeit außerhalb des Arrests hinzu. Der Unterschied laut Henn: „Der Austausch ist dadurch viel intensiver. Im Arrest spielt auch die Gruppendynamik mit rein.“ Durch das ehrenamtliche Engagement konnten über 3000 Jugendliche am Leseprojekt teilnehmen – im Vollzug weit über 5000.

Fernando macht derzeit eine Ausbildung zum Friseur, ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, spielt American Football. „Ich habe gemerkt, dass ich meine Freizeit auch positiv gestalten und füllen kann.“ Für ihn steht fest: „Ich habe keine Lust mehr auf Straftaten.“

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