Der Aubinger von A bis Z

Mit dem THW im Einsatz: Markus Liebl aus München spricht über Hochwasser im Ahrtal

Markus Liebl aus München ist ehrenamtlich für den THW im Einsatz. Auch bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat er vor Ort geholfen.
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Markus Liebl aus München ist ehrenamtlich für den THW im Einsatz. Auch bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat er vor Ort geholfen.

Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat große Teile der Dörfer zerstört. Markus Liebl aus München spricht im Interview über den Einsatz vor Ort mit dem THW.

Vor rund zwei Monaten zerstörte ein Hochwasser große Teile der Dörfer im Ahrtal in Rheinland-Pfalz. Bei der Bergung und dem Wiederaufbau waren zahlreiche Ehrenamtliche des Technischen Hilfswerks (THW) im Einsatz. Auch der Aubinger Markus Liebl war mit rund 50 Kollegen vom Ortsverband München-West vor Ort. In Dernau leitete er die Aufräumarbeiten.

Markus Liebl vom THW in München im Interview über die Hochwasserkatastrophe und seine ehrenamtliche Arbeit

Der 40-Jährige, der eigentlich bei einer IT-Firma arbeitet, ist seit 25 Jahren beim THW und hat schon viele Einsätze mitgemacht. „Aber vom Ausmaß der Zerstörung her war das Ahrtal etwas, das ich so noch nie erlebt habe.“ Wie er nach solchen Erlebnissen in den Alltag zurückfindet, wo er schon überall geholfen hat und wie das THW arbeitet, verrät Liebl im Interview mit Hallo.

Alarmierung: Wir werden per Telefonanruf oder Pieper alarmiert und der Arbeitgeber stellt uns dann frei. Wir müssen nicht so schnell zum Einsatz wie die Feuerwehr. Dafür sind wir Tage oder Wochen weg.

Belastung: Die Einsätze sind oftmals belastend. Aber das fällt einem meist erst auf, wenn man wieder daheim ist. Vor Ort hat man nicht die Zeit, über alles nachzudenken. 

Corona hat uns die vergangenen eineinhalb Jahre begleitet. Wir haben von Anfang an Material wie Schutz­ausstattung, Masken und Desinfektionsmittel, das Land und Bund beschafft haben, an die Kreisverwaltungsbehörden ausgefahren. Ich war als Fachberater in verschiedenen Ministerien eingesetzt und dort das Bindeglied zum THW.

Dankbarkeit: Als Dankeschön für unseren Einsatz im Ahrtal hat der Bürgermeister von Dernau jedem zum Abschied zwei Flaschen Wein eingepackt.

Ehrenamt: Das THW ist prinzipiell ehrenamtlich organisiert. 98 Prozent der Mitglieder sind Freiwillige. Nur in der Verwaltung gibt es hauptamtliche Mitarbeiter. 

Freistellen: Wir sind sehr dankbar, wie gut es funktioniert, dass uns die Arbeitgeber freistellen. Man braucht auch Kollegen, die das auffangen und mitspielen, damit man den Kopf für den Einsatz frei hat. Ich arbeite in einer IT-Firma, bei der das gut klappt.

Grenze: Wenn man bei einem Einsatz von einem Opfer angesprochen wird, kann man ihm bis zu einem gewissen Grad durch Empathie oder eine kleine technische Unterstützung helfen. Aber das Wichtigste ist, den Kontakt zu einem Spezialisten herzustellen.

Hochwasser: Ich war schon bei mehreren Hochwasser-Einsätzen, aber im Ahrtal war es kein klassisches Hochwasserschadensbild. Es war alles komplett zerstört. Das kennt man eher aus dem Bereich Erdbeben oder Hurrikan.

International: Das THW ist auch im Ausland tätig. Ich selbst war international schon viel unterwegs – beispielsweise in Griechenland, Jordanien und im Irak.

Jugend: Der Zulauf ist bei uns zum Glück sehr gut. Wir haben im Aubinger Ortsverband drei Jugendgruppen mit jeweils rund zehn Mitgliedern. 

Körperliche Eignung: Man braucht eine gewisse gesundheitliche Eignung für den Einsatzdienst. Aber wir finden immer eine Lösung, wenn jemand körperlich nicht so belastbar ist. 

Leitung: Ich habe in Dernau gemeinsam mit Kollegen den Einsatz koordiniert. Wir haben die Aufgaben zugeteilt, uns mit dem Bürgermeister und den Baubehörden abgesprochen und die Teams angeleitet.

Motivation: Ein ganz wichtiger Punkt ist für mich der Gemeinschaftsgedanke. Die Meinung von allen ist wichtig, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Nachsorge: Es gibt immer eine Einsatznachbesprechung, bei der jeder seine Gedanken und Gefühle loswerden kann. Man kann auch jederzeit Kontakt zum Nachsorge-Team aufnehmen.

Oel: Bei unserem Einsatz in Dernau lag ein Fokus auf dem Abpumpen von Öl. In fast jedem Keller stand eine Ölheizung. Das war eine große Gefahr für die Umwelt.

Psyche: Als Einsatzkräfte sehen wir Dinge, die wir im Alltag nicht erleben. Oft treffen wir auf Menschen, die alles verloren haben. Mich begleitet das häufig noch länger.

Querbeet: Beim THW haben wir eine bunte Mischung aus allen Gesellschafts- und Berufsschichten. Bei uns sind Lehrer, Handwerker und sogar ein Doktor der Mikrobiologie dabei. Alle wollen zusammen etwas weiterbringen. 

Regeneration: Wenn man von einem Einsatz heimkommt, schläft man ein bisschen länger durch. Da ist man erst einmal platt und braucht Zeit, um sich körperlich zu erholen und das Erlebte zu verarbeiten. 

Schwierig ist manchmal, dass wir ein Unglück nicht ungeschehen machen können. Wir können den Bewohnern zwar unter die Arme greifen, aber unsere Möglichkeiten sind immer endlich.

Teenager: Ich war 15 Jahre, als ich beim THW angefangen habe. Ich war in der Pfarrjugend, als das THW bei einer Veranstaltung bei uns eine Kletterwand aufgebaut hat. Dadurch wurde ich auf die Organisation aufmerksam. Ich habe dann dort meinen Wehrersatzdienst gemacht. 

Urlaub: Man kann natürlich in den Urlaub fahren. Aber die Mitgliedschaft beim THW geht mit einer gewissen Verpflichtung einher. Wenn alle anderen an den See fahren, muss man manchmal zur Ausbildung.

Vergütung erhalten wir für unsere Einsätze nicht. Wenn wir aber von unserem Beruf freigestellt sind, erstattet der Bund dem Arbeitgeber den Lohn für die Zeit, in der wir nicht da sind, sodass wir nicht extra Urlaub nehmen müssen.

Weiterbildung: Das THW hat drei Schulen, an denen es Lehrgänge für die verschiedensten Dinge gibt. Die Mitglieder können dort das Fahren eines Radladers, das Bauen von Brücken oder den richtigen Umgang mit Atemschutzgeräten lernen. 

X-fach waren wir schon mit der Feuerwehr im Einsatz. Zwar haben wir keinen primären Fokus auf Brandschutz. Wir können sie durch Gebäudeberatung oder unsere Pumpen aber unterstützen.

Y-Chromosom: Es kommen nicht nur Männer zum THW. Wir hatten heuer bei der Grundausbildung 20 Absolventen und nur knapp unter 50 Prozent waren weiblich. Ein höherer Frauenanteil tut jeder Organisation wahnsinnig gut.

Zeit: Man muss Zeit und Engagement mitbringen. 120 Dienststunden im Jahr sind das Minimum. Das bekommt man mit Ausbildungsstunden, Einsätzen und Übungen schnell zusammen. 

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