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„Wir haben verstanden“ ‒ Kardinal Marx präsentiert in München Bilanz nach Missbrauchsgutachten

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Von: Kristina Beck

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Reinhard Kardinal Marx, Kardinal römisch-katholischen Kirche und Erzbischof von München und Freising.
Kardinal Marx äußert sich in München zu Folgen des Missbrauchsgutachtens in der katholischen Kirche. © Sven Hoppe/dpa

Von Schuld und Verantwortung spricht Kardinal Marx, als er die Arbeit seiner Diözese seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens in München vorstellt.

Update: 17. November, 16 Uhr

München ‒ Reinhard Marx, Kardinal und Erzbischof von München und Freising, will zeigen: Er hat seine Hausaufgaben gemacht. Ein Jahr nach der Vorstellung des Gutachtens über Fälle von sexueller Gewalt im Erzbistum München und Freising, das die katholische Kirche erschütterte, präsentiert der Erzbischof seine Diözese als Vorzeigeprojekt und berichtet am Dienstag, was seither alles geschehen ist.

Sogar die sehr kritische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ spricht von einer „beeindruckenden Bilanz“: Eine Stabsstelle „Seelsorge und Beratung für Betroffene“ wurde eingerichtet, geleitet von einem Priester, der selbst Opfer wurde.

Es gibt eine telefonische Anlauf- und Beratungsstelle, Begegnungsveranstaltungen mit Betroffenen - und am Dienstag vor allem noch einmal ein deutliches Schuldeingeständnis.

„Für das damit verbundene Leid werde ich immer in der Verantwortung stehen und bitte darum nochmals um Entschuldigung“, sagt Marx. „Ich kann Geschehenes nicht rückgängig machen, aber jetzt und zukünftig anders handeln. Und das tue ich.“

Dass die Perspektive der Betroffenen anfänglich zu wenig berücksichtigt worden sei, „war unser größtes Defizit. Das müssen wir als Kirche, das muss ich als Erzbischof selbstkritisch einräumen“. Auch ein Jahr nach dem Gutachten sei das Entsetzen über die Fälle groß. „Der Schrecken ist geblieben“, sagt Marx. „Missbrauch ist und bleibt eine Katastrophe.“

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Ein Jahr später ‒ und was hat die katholische Kirche unternommen? Kardinal Marx berichtet in München, was seit Veröffentlichung des Gutachtens zu Missbrauch passiert ist.

Erstmeldung: 17. November, 13.15 Uhr

München ‒ Als „Ort des Unheils und nicht des Heils“ hat Kardinal Reinhard Marx die Kirche bezeichnet ‒ eine Woche nachdem das Gutachten über Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum München und Freising vor einem Jahr vorgestellt worden war. Darin war die Rolle von Joseph Ratzinger besonders kritisch betrachtet worden. Erzbischof Marx will nun darüber informieren, was seither geschah.

Gutachten zu Missbrauch in der katholischen Kirche: Kardinal Marx informiert in München über Folgen

Dabei soll es in München nach Bistumsangaben vor allem um die Frage gehen, was seither auf den Weg gebracht wurde, um die Fälle weiter aufzuarbeiten und Betroffenen zu helfen.

„Im Großen und Ganzen ist viel passiert“, sagt der Vorsitzende des Betroffenenbeirats der Diözese, Richard Kick, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Wir sehen ‒ nach anfänglichem, misstrauischen Beäugen ‒ eine tragfähige Zusammenarbeit mit der Bistumsverwaltung.“

Nach Missbrauchsgutachten: Vorsitzender des Betroffenenbeirats sieht großen Handlungsbedarf

Die Fälle, die das Gutachten offenbart hat, halte aber immer noch für die Spitze des Eisbergs. „Wir fordern ein weiteres Gutachten für die Einrichtungen, die nicht diözesan, aber trotzdem kirchlich sind“, sagte Kick der dpa. „Da passiert ja noch gar nichts. Ich glaube, dass es da aber die meisten Fälle gab ‒ unter anderem bei den Orden, in den Kinderheimen.“

Allerdings sieht Kick auch beim Staat eine zukünftige Mitverantwortung ‒ gerade wenn es um Fälle in Kinder- und Jugendeinrichtungen geht. „Wir brauchen jetzt auch ein Einschreiten des Staates.“ Er forderte nach Angaben der dpa die Einrichtung einer professionellen Stelle, die das Thema Missbrauch in Institutionen bayernweit in den Blick nimmt.

Vorwurf der Mitverantwortung von ehemaligem Papst Benedikt XVI. und Kardinal Marx

Das vom Bistum bei einer Münchner Anwaltskanzlei in Auftrag gegebene Gutachten hatte bei seiner Vorstellung im Januar 2022 weltweit Aufsehen erregt. Die Studie geht von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern aus ‒ und von einem weit größeren Dunkelfeld.

Den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem an Silvester verstorbenen Papst Benedikt XVI., wurde in dem Gutachten persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen ‒ ebenso dem aktuellen Erzbischof Kardinal Reinhard Marx.

Seit Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens: So viele Meldungen gingen ein

Seit Veröffentlichung des Gutachtens gingen bei den katholischen Bistümern in Bayern bis Ende 2022 mehr als hundert neue Hinweise auf Verdachtsfälle ein. Mindestens 116 Meldungen zählten die Diözesen im Freistaat in diesem Jahr, wie eine Umfrage der dpa ergab.

Allein im Erzbistum München und Freising gingen seit der Veröffentlichung bis Ende November 54 neue Meldungen ein. Darunter sind nach Angaben eines Sprechers aber auch „Grenzverletzungen, die nicht in den Bereich sexuellen Missbrauchs fallen, und bereits bekannte Missbrauchsfälle“.

„Die Berichterstattung über die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München hat dort sicher viele ermutigt, sich zu melden“, sagte der Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch.

+++ „Regenbogenpastoral“ in München ‒ Eigener Ansprechpartner für kirchliche Belange der LGBTQ-Community +++

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