Safe Abortion Day

München: Aktionstag zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen - Änderung der rechtlichen Lage gefordert

Frauen demonstrieren für eine Legalisierung von Abtreibungen (Symbolbild).
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Frauen demonstrieren für eine Legalisierung von Abtreibungen (Symbolbild).

Der Aktionstag „Safe Abortion Day“ am Dienstag, 28. September weist auf das rechtliches Dilemma rund um Schwangerschaftsabbrüche hin - und fordert die Streichung des zuständigen Paragrafen.

  • Am 28. September ist wieder „Safe Abortion Day
  • Zum jährlichen Aktionstag wird eine Verbesserung des rechtlichen Dilemmas rund um Abtreibungen gefordert
  • Was in München geplant ist, wie eine Sozialpädagogin von „Pro Familia“ die Situation einschätzt

Abtreibungen wird es immer geben, was wir beeinflussen können: ob sicher oder unsicher“, appelliert die Aktivistin Nina Stern, vom Kollektiv „Antisexistische Aktion München“. Das fordert auch der Aktionstag „Safe Abortion Day“ am Dienstag, 28. September: einen sicheren, entkriminalisierten und kostenfreien Zugang zum Schwangerschaftsabbruch. Denn die Lage in Deutschland ist prekär: Während Abtreibungen unter bestimmten Voraussetzungen zwar nicht bestraft werden, blei­ben sie per se rechtswidrig.

Safe Abortion Day: Das ist heuer in München geplant

Eine der Voraussetzungen ist eine Konfliktberatung, wie sie die Sozialpädagogin Irmi Jaud von „Pro Familia“ anbietet. Dort erhalten Frauen Infos über Formen von Abbrüchen, Kosten sowie Adressen von Ärzten. Denn in Deutschland gilt ein „Werbeverbot“. Heißt: Ärzte dürfen beispielsweise nicht auf ihrer Internetseite über Kosten oder Methoden informieren. „Das ist absurd in einer Zeit, in der alle Infos mit nur einem Klick zu erreichen sind“, kritisiert Jaud. „Wir sind gegen die Pflichtberatung. Ein kostenloses, freiwilliges Beratungsangebot muss aber unbedingt aufrechterhalten bleiben.“

Geplante Aktion zum Safe Abortion Day

Zum diesjährigen Safe Abortion Day findet am Dienstag, 28. September, um 17.30 Uhr eine Demo für die ersatzlose Streichung von §§ 218 und 219 StGB am Orleansplatz statt. Organisiert wird die Aktion vom Offenen Frauentreffen München, Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung München. Das Gesundheitsreferat hat aufgrund der Pandemie heuer keine Personalressourcen, für das Jahr 2022 sind allerdings Fachgespräche vorgesehen. 

München: Abtreibungsgegner marschieren einmal im Monat vor Beratungsstelle auf

Doch in München gibt es auch eine starke Szene der Abtreibungsgegner. Einmal im Monat, immer am 25., stehen sie vor der pro-familia-Beratungsstelle an der Türkenstraße. Für die Sozialpädagogin: eine Zumutung. „Frauen kommen in schwierigen Situationen zu uns, oft fällt es ihnen selbst nicht leicht“. Auch am Dienstag könnte es – ähnlich wie im Vorjahr – zu Protesten kommen. Das Kollektiv um Stern will jedenfalls die Augen offenhalten und gegebenenfalls gegen die Abtreibungsgegner protestieren.

Antisexistische Aktion München

Seit 2017 engagiert sich die ehrenamtliche Gruppe unter anderem beim Thema „Pro Choice“ – also das Recht, über den eignen Körper frei zu bestimmen. Ziel des Kollektivs ist es, als Teil der Zivilgesellschaft zu informieren und zu protestieren, sowohl durch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema als auch durch aktivistische Arbeit. „Schwangerschaftsabbrüche sind ein totales Tabuthema. Wir als Feministinnen sagen: Es muss Teil der Gesundheitsversorgung sein“, betont Sprecherin Nina Stern.

Interview: Irmi Jaud von „Pro Familia“ über Abtreibungen in München

Hallo München: Frau Jaud, was ist Pro Familia?

Irmi Jaud: Wir sind eine staatlich anerkannte Beratungsstelle mit einem breiten Spektrum: von Kinderwunsch über Schwangerschaft bis zu Themen nach der Geburt. Dazu gehören aber auch Konfliktberatungen.

Wie steht es in München um die Angebote rund um Schwangerschaftsabbrüche?

München ist ganz gut versorgt, aber viele kommen aus dem weiten Umland, weil es dort nicht so ist. Das ist ein Problem, weil nicht jede Frau die Möglichkeit dazu hat, weit zu fahren, sei es aus finanziellen Gründen oder weil die nötige Unterstützung fehlt. Deshalb fordert der Safe Abortion Day eine flächendeckend Versorgung für alle.

Wie ist die Situation in Deutschland rechtlich geregelt?

Der Paragraf 218 stellt Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe, Paragraf 218a befreit Frauen davon – eine prekäre Situation für Frauen, denn sie begeben sich in die Illegalität und werden nur unter gewissen Bedienungen nicht strafverfolgt. Außerdem belastet das viele der Frauen zusätzlich, die sowieso schon in einer schwierigen Situation stecken.

Welche Voraussetzungen sind das?

Zum einen die Pflichtberatung. Außerdem müssen Frauen danach noch drei Tage danach warten, bis der Abbruch durchgeführt werden kann. Ein Arzt muss die Abtreibung durchführen und es sie darf nicht nach der 12. Woche durchgeführt werden. Da gilt ein ganz enger gesetzlicher Rahmen.

Das Thema Schwangerschaftsabbruch wird immer in eine Schmuddelecke gestellt, da tut man, als wäre es schon ein Strafbestand, sich zu informieren oder Infos bereitzustellen

Irmi Jaud

Wie läuft eine solche Beratung ab?

Auch dazu gibt es ein ausformuliertes Gesetz, das sagt klar: Die Beratung gilt dem Schutz des ungeborenen Lebens. Allerdings muss das Gespräch ergebnisoffen sein, die Frau darf nicht bedrängt werden und ihre Entscheidungsfreiheit ist zu achten. Wir halten uns an alle gesetzlichen Vorgaben, sonst kann so eine staatliche Anerkennung auch abgesprochen werden. Uns ist aber auch die Beziehung zur Frau wichtig, wir wollen eine gute Gesprächsatmosphäre schaffen. Die Frauen müssen sich auch nicht rechtfertigen oder mit Gründen überzeugen. Es geht darum, Frauen gut zu informieren über alle mögliche Hilfen – auch wenn Frauen ambivalent sind. Dann bin ich die Fachfrau, um mögliche Lösungen zu erklären.

Der Paragraf 219a regelt das Werbeverbot. Erst vergangene Woche hat der Bundesrat dazu eine Entscheidung abgegeben und es noch einmal bekräftigt....

Pro Familia vertritt ganz klar den Standpunkt für die Abschaffung des Paragraf 219a, wir sind auf Seite der Frauen. Das hat auch etwas mit dem Frauenbild zu tun. Es ist eine absurde Vorstellung, dass man Frauen durch Werbung zu Schwangerschaftsabbrüchen animieren kann, dieses Frauenbild möchten wir klarstellen. Jeder Mensch sollte in allen möglichen Lebenslagen die Möglichkeit haben, sich gut im Netz zu informieren. Und auch für Ärzte ist es eine große Stigmatisierung. Manche hängen es bewusst nicht an die große Glocke. Das Thema Schwangerschaftsabbruch wird immer in eine Schmuddelecke gestellt, da tut man, als wäre es schon ein Strafbestand, sich zu informieren oder Infos bereitzustellen.

Wie geht Pro Familia mit den regelmäßigen Protesten um?

Wir legen unsere Termine entsprechend und schauen, dass wir zu diesen Zeiten wenig Klientinnen einbestellen und wenn dann welche, die zu einem anderen Thema kommen. Wir versuchen das so abzufedern, aber wissen natürlich nicht immer, mit welchen Anliegen die Klient*innen kommen

Schwangerschaftsabbrüche in München

In München gibt es 40 Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen dürfen. Hinzu kommen zehn staatlich anerkannte Beratungsstellen – nur solche dürfen den dafür notwendigen Beratungsschein ausstellen. Allein die städtische Konfliktberatung hat im Jahr 2020 231 Frauen beraten. 7032 Abtreibungen gab es 2018 laut Befragungen des Gesundheitsreferats. Demnach wurden in München über 63 Prozent der registrierten Abbrüche in Bayern durchgeführt. Das bestätigt auch Friedrich Stapf von der Münchner Abtreibungsklink Stapf: „Wir führen etwa ein Drittel der Abbrüche in ganz Bayern durch.“ Auch deshalb setzt sich die Stadt laut Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek beim Freistaat dafür ein, „dass die Versorgung zum Wohl der Frauen in allen Regierungsbezirken sichergestellt ist“.

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