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„Lichtblick“ nennt Zahlen: So drastisch steigt die Altersarmut in München

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Von: Sabina Kläsener

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Im Lichtblick-Büro leuchtet der Adventskranz, Dagmar Neiser verzichtet zuhause auf Weihnachtsdeko: „nicht nur wegen des Geldes, ich habe auch nicht die Nerven dafür.“
Im Lichtblick-Büro leuchtet der Adventskranz, Dagmar Neiser verzichtet zuhause auf Weihnachtsdeko: „nicht nur wegen des Geldes, ich habe auch nicht die Nerven dafür.“ © Sabina Kläsener

Besonders hart von der Inflation und steigenden Energiekosten sind ältere Menschen betroffen. Die Initiative „Lichtblick“ zeigt den Ernst der Lage auf:

München - 100 Euro waren ihre Schmerzgrenze. Doch als Dagmar Neiser Post zu den neuen Strompreisen bekommt, ist sie schockiert: Statt bisher 80 Euro beträgt der monatliche Abschlag nun 152 Euro. Das ist für die 71-Jährige und ihrem 87-jährigen Mann Peter nicht die einzige Kostensteigerung. Auch die Miete wurde um 50 Euro erhöht. „Das hat schon draufgehauen“, erklärt die Harlachingerin. Das Ehepaar bezieht Grundsicherung.

Neiser hat als Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt gearbeitet, wurde 2010 nach einer Operation berufsunfähig. „In diesem Beruf habe ich nicht groß verdient.“ Laut dem neuesten Armutsbericht gilt gut ein Viertel der über 65-Jährigen – 67 700 Münchner – als arm.

Altersarmut in München: Auch Kosten für Medikamente und Pflege tragen bei

Ihr Mann und sie haben beide einen Pflegegrad, benötigen Medikamente. „Das sind pro Monat etwa 50 Euro.“ Und das nur, weil Neiser im Internet die niedrigsten Preise sucht. Bisher war ihr Anspruch, dass es immer irgendwie gehe – sie wirkt wie eine Frau, die anpackt, Dinge möglich macht. Doch ihre Gesundheit zeigt ihr Grenzen auf.

Durch Zufall kommt Neiser 2012 mit Lichtblick in Kontakt. Der Verein unterstützt bedürftige Senioren mit Soforthilfen, wenn zum Beispiel der Kühlschrank kaputt geht, mit Lebensmittelgutscheinen oder durch Patenschaften. Dafür ist der Verein auf Spenden angewiesen – aktuell mehr denn je. „Vor einem Jahr meldeten sich Senioren bei uns meistens um den 20. des Monats, dass sie kein Geld mehr für Essen haben. Mittlerweile schon um den 10.“, erklärt Ines Weinzierl von Lichtblick.

Altersarmut in München: Lichtblick verzeichnet steigende Anzahl an Neuanträgen

Vor einem Jahr waren es noch 50 Neuanträge pro Woche, aktuell brauchen 100 Hilfe. Auch die Inflation verschärft die Lage: 2021 schlugen die Lebensmittel mit etwa 500 000 Euro zu Buche. Heuer belaufen sich die Kosten allein bis September schon auf rund 1,2 Millionen Euro. Und zugleich geht die Spendenbereitschaft zurück. „Manche haben die Patenschaft gekündigt, da sie selbst aufs Geld schauen müssen“, berichtet Weinzierl.

„Hier hatte ich nie das Gefühl, Bittsteller zu sein.“

Dagmar Neiser aus Harlaching

Lichtblick hat Dagmar Neiser über die Jahre mehrfach geholfen. „Hier hatte ich nie das Gefühl, ein Bittsteller zu sein.“ Bei der Familie sei das anders, daher würde sie die niemals um Unterstützung bitten. „Etwas Stolz habe ich mir bewahrt.“ Der Verein gibt ihr Rückhalt. Trotzdem blickt sie mit Sorge in die Zukunft. Für Weihnachten wünscht sich Neiser: „Frieden – innen und außen.“

Hilfe für Senioren

Beim Verein Lichtblick Seniorenhilfe erhalten Menschen ab 60, die eine deutsche Rente beziehen und bedürftig sind, Unterstützung. Dass Altersarmut insbesondere Frauen betrifft, lässt sich auch hier erkennen: 80 Prozent der Anträge kommen von Frauen. Neben Soforthilfe und Lebensmittelgutscheinen gibt es auch Patenschaften, bei der die Senioren von einer Privatperson 35 Euro pro Monat für kleine Freuden im Alltag erhalten. Viele sind einsam, deswegen organisiert der Verein (Schweigerstraße 15) Aktionen. Infos unter seniorenhilfe-lichtblick.de.

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