Münchner Fachärzte in Sorge

Immer mehr Therapie-Bedarf bei der Jugend: So steht es in München um die Generation Corona

Generation Corona: Der Bedarf an psychiatrischer Hilfe für Jugendliche in München steigt.
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Generation Corona: Der Bedarf an psychiatrischer Hilfe für Jugendliche in München steigt.

Depressionen, Magersucht, Angststörungen: Die Auswirkungen der Pandemie treffen Kinder und Jugendliche hart. Das zeigt der deutlich gestiegene Bedarf an Therapieplätzen in München.

München - Die Pandemie schlägt Kindern und Jugendlichen nachhaltig auf die Seele: „Die Nachfrage an Akutplätzen ist definitiv erhöht, allein unser Standort bekommt bis zu zehn Aufnahmeanfragen pro Woche“, berichtet Dr. Alexander Korte, leitender Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am LMU-Klinikum in München.

Das Problem: therapeutische und stationäre Plätze sind knapp, so der Facharzt. Vollstationär können dort bisher akut 40 junge Menschen aufgenommen werden.

„Aktuell ist die Erweiterung um acht Betten bereits vorgesehen“, so Korte. Da die Tagesklinik derzeit Pandemie-bedingt geschlossen ist, die Zahl der Patienten aber zunimmt, ist bei deren Wiedereröffnung laut Korte sogar die Verdoppelung der Betten von zehn auf 20 geplant.

„Wir arbeiten nach dem Prinzip Warteliste. Das Problem: Die wird immer länger und die Wartezeit ist jetzt definitiv länger als in der Vor-Corona-Zeit.“ In Abhängigkeit vom Schweregrad treffe man individuelle Entscheidungen, priorisiere, nehme schwer Erkrankte auch an der Warteliste vorbei auf.

Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am LMU-Klinikum in München: Dr. Alexander Korte.

In München bietet auch das kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder und Jugendpsychiatrie in Giesing 33 teilstationäre und 78 vollstationäre Plätze. Das Klinikum hat im Bezirk Oberbayern einen Pflichtversorgungsauftrag, muss also bei entsprechender Diagnose die Patienten aufnehmen.

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„Generation junger, traumatisierter Erwachsener“

Das Alter der jungen Hilfesuchenden liegt zwischen sechs und 18 Jahren. Korte ist besorgt: „Eklatante Zunahme verzeichnen wir insbesondere bei Magersucht, depressiven Syndromen, teilweise auch Angststörungen.“ Ursachen seien soziale Isolation, Verlust von Tagesstruktur, Kontaktarmut.

Der Arzt erwartet „eine Generation junger traumatisierter Erwachsener“ in Folge des Lockdowns. Erste Anzeichen dafür gebe es bereits: „Die Liste möglicher Symptome ist lang, wie die Umkehrung des Tag-Nacht-Rhythmus.“

Auch die Nachsorge junger Patienten gestaltet sich schwer „Die Vermittlung von Anschlussbehandlungen, etwa in therapeutische Jugendwohngemeinschaften sind in Folge der Pandemie ins Stocken geraten.“ Auch große Krankenkassen wie die Barmer beschäftigt das Thema psychische Belastungen und ihre Folgen. Sie lädt am Mittwoch, 5. Mai, zu einer Experten-Runde ein.

Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, macht im Namen des Bundesministeriums Hoffnung: „Mit den Impfungen wird es absehbar, dass wir irgendwann das Ganze hinter uns bringen können. Es ist nicht mehr so wie am Anfang, wo wir dachten, es kann mehrere Jahre dauern, bis wir alle eine Impfung bekommen. An diese positive Aussicht muss man sich immer wieder erinnern und der Zuversicht Raum geben.“

Hilfe für Eltern und Kinder

Kinder- und Jugendpsychiatrische Ambulanzen gibt es in Schwabing, Kölner Platz 1; in der Innenstadt, Nussbaumstraße 5; in Giesing, Deisenhofener Straße 28; in Harlaching, Sanatoriumsplatz 2.

Auch niedergelassene Fachärzte, Psychiatrische Institutsambulanzen oder Erziehungsberatungsstellen helfen. Tipps gibt außerdem die Website der LMU (www.Corona-und-Du.info). Telefonisch ist der Krisendienst Psychiatrie (0180) 65 53 000 rund um die Uhr erreichbar.

Marie-Julie Hlawica

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