Fehlende Angebote

München: Schwarzfahrt in den Knast? Ungeahnte Corona-Auswirkungen

Gefängnis
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Wegen Bagatelldelikten landen in München in der Regel wenige Menschen hinter Gittern. In der Pandemie sind Alternativen aber kaum umsetzbar.

Corona in München: Weil aktuell kaum noch Sozialstunden geleistet werden können, droht bei Bagatelldelikten deutlich eher Gefängnis als üblich.

  • Die Corona-Pandemie könnte dafür Sorgen, dass mehr Menschen ins Gefängnis kommen
  • Sozialstunden können aktuell nicht im üblichen Umfang angeboten werden
  • Welche Alternativen es aktuell in München gibt

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf alle – droht einigen sogar den Entzug der Freiheit?

Schwarzfahrt in den Knast? Warum Corona ungeahnte Folgen haben könnte

Das Problem: Wer eine Geldstrafe für Bagatelldelikte – wie Schwarzfahren, kleinere Fälle von Diebstahl, Betrug oder Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz – nicht zahlen kann, kann diese normalerweise in gemeinnützige Arbeit umwandeln.

„Wegen Corona stehen aber gut zwei Drittel der Einsatzstellen derzeit nicht zur Verfügung“, sagt Iris Grönecke-Kümmerer, Fachdienstleitung der Straffälligenhilfe beim Sozialdienst katholischer Frauen in München. Im schlimmsten Fall droht den Betroffenen darum eine Ersatzhaft. Ein Tag je zu zahlendem Tagessatz.

Iris Grönecke-Kümmerer, Fachdienstleitung der Straffälligenhilfe beim Sozialdienst katholischer Frauen in München.

In gut 220 Fällen haben Frauen in München 2020 ihre Strafen in Altenheimen, Pfarreien oder Büchereien abgearbeitet – mit Putzen, Kochen oder leichten Bürotätigkeiten. Ein Tagessatz entspricht sechs Stunden Arbeit. Auf den Städtischen Friedhöfen waren besonders viele Straffällige – Frauen wie Männer – tätig. „Weil man vor Ort die Hygieneregeln nicht einhalten könnte, ist das jetzt nicht möglich“, so Grönecke-Kümmerer.

Schwarzfahrt in den Knast? Wegen Corona waren Ersatzhaftstrafen kurzzeitig ausgesetzt

Für die Vermittler ist der Druck groß, denn viele der Betroffenen sind aus psychischen Gründen kaum haftfähig. „Wir versuchen die Frauen dann in eine Ratenzahlung oder Geldverwaltung zu vermitteln“, so die Fachdienstleiterin. „Aber das betrifft häufig diejenigen, die sowieso am Existenzminimum leben. Da ist nicht viel zu holen“, so die Expertin.

Konkrete Zahlen, wie viele Ersatzhaftstrafen deswegen in München vollstreckt wurden, gibt es zwar nicht. „Die Justiz weiß um die aktuelle Situation und hat etwas mehr Geduld“, sagt Grönecke-Kümmerer. Mit Beginn der Corona-Krise wurde die Vollstreckung von Ersatzhaftstrafen sogar ausgesetzt. Seit September ist das aber wieder aufgehoben.

Schwierig ist die Situation aber auch im Gefängnis: Besuche und Arbeitsmöglichkeiten sind eingeschränkt – auch von Helfern wie dem Sozialdienst. Eine Entlassungsvorbereitung ist zum Teil nur schriftlich möglich.

Die aktuellen Corona-Zahlen für München gibt es in unserem Ticker.

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