„Kein Platz für Intoleranz“

Aufgeklärtes München? Demo gegen Abtreibung sorgt für Kritik – Experten warnen vor Anti-Feminismus

Vorbild Berlin: Seit 2016 zieht der Marsch dort jährlich mehrere tausend Teilnehmer an.
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Vorbild Berlin: Seit 2016 zieht der Marsch dort jährlich mehrere tausend Teilnehmer an.

Jetzt demonstrieren Abtreibungsgegner auch mitten in München, einer sonst liberalen Stadt. Experten warnen vor einem stärker werdenden Antifeminismus. Welche Auswirkungen man schon jetzt spüre.

München - „Die Möglichkeit zu haben, sicher und ohne Druck einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu können, ist eine der wesentlichen Errungenschaften der Frauenbewegung – diese sehen wir gefährdet“, erklärt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung.

„Der Marsch ist Ausdruck eines stärker werdenden Antifeminismus“, warnt die Fach­informationsstelle Rechtsextremismus München (FIRM).

Anlass der Empörung: Ein „Marsch für das Leben“, zu dem der Verein „Stimme der Stillen“ am Samstag, 20. März, aufruft und am Königsplatz startet. „Wir stehen für eine Kultur des Lebens, der Liebe und Verantwortung und das Lebensrecht aller Menschen von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ heißt es auf dem Flyer. Dafür wolle man ein „fröhliches Zeichen“ setzen.

Bayern ist laut FIRM ein Hotspot radikaler Abtreibungsgegner. Mindestens 16 Vereine haben sich nach FIRM-Informationen dem sogenannten „Lebensschutz“ verschrieben. Ziel der Abtreibungsgegner sei es, dass Abbrüche nicht mehr möglich sind.

Dafür setzen sie auf verschiedene Methoden: gefälschte Beratungsstellen, Demonstrationen, Gebetsmärsche und Mahnwachen. Allein in München seien das jedes Jahr rund 20 Veranstaltungen, beispielsweise vor einer Klinik in Freiham oder Beratungsstellen von Pro Familia.

Sorge, dass sich Marsch in München etabliert und wächst

Deren Aktionen bleiben nicht ohne Folgen: Im November 2020 legte das Gesundheitsreferat dem Stadtrat einen Bericht über die Versorgungslage für Schwangerschaftsabbrüche in München vor. Ein allgemeiner Engpass drohe nicht, heißt es darin. Aber: Bei der Befragung wurden Sorgen geäußert, da es Probleme gebe, ärztliche Nachfolger zu gewinnen – auch wegen der Aktionen von Abtreibungsgegnern.

Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek erklärt: „Demonstrationen und Proteste wie der sogenannte ,Marsch fürs Leben’ sollen und wollen Druck auf das Personal von Beratungsstellen und Arztpraxen sowie auf Frauen, die sich bereits in einer belastenden Situation befinden, ausüben.“

Die Sorge von FIRM: Dass sich der Marsch etabliert und über die Jahre wächst – wie in Berlin. Dort wird seit 2016 marschiert, jedes Mal mit mehreren tausend Teilnehmern. „Wir müssen zeigen, dass in München kein Platz für Intoleranz und anti-feministische Ideologien ist“, mahnt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung.

Gegendemo vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung: Samstag, 20. März (13 bis 16 Uhr) an der Hochschule für Theater und Musik in der Arcisstraße.

Die Anti­sexistische Aktion München startet um 12 Uhr mit einer Kundgebung an der Münchner Freiheit. Von dort aus geht’s zum Reiterdenkmal am Odeonsplatz, wo bis 15 Uhr eine Kundgebung angemeldet ist.

Bedarf an Opferberatung weiterhin hoch

Die Beratungsstelle für Opfer von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt, BEFORE, verzeichnet für 2020 erneut einen Anstieg der Anzahl der Beratungsfälle – ein Plus von über 35 Prozent. Zugenommen hätten Fälle am Arbeitsplatz sowie im häuslichen Umfeld – unter anderem wegen des Lockdowns.

Auch Angriffe auf Menschen scheinbar asiatischer Herkunft nahmen zu. Man unterstütze zahlreiche Betroffene. Dabei handle es sich längst nicht nur um neue Fälle, da die Auswirkungen von Diskriminierung und Angriffen mitunter lange Zeit anhielten, erklärte BEFORE.

Kommentar: Ein Angriff auf die Freiheit

„Unfassbar, wir leben im Jahr 2021“ – meine Reaktion auf die Marsch-Ankündigung. Ein Angriff auf die Freiheit, kurz nach dem Weltfrauentag, der offenbart, dass es noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung ist. Es gehe um „Verantwortung“ und das „Lebensrecht aller Menschen“.

Apropos Verantwortung: Die liegt bei der Verhütung noch zu oft allein bei der Frau. Es gibt existenzielle Probleme: Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex)-Partnerin zu töten, jeden dritten Tag findet ein solches Verbrechen statt.

Wo ist deren Lebensrecht? In der Gesellschaft muss sich etwas ändern – aber nicht, indem man die Zeit zurückdreht. Und selbst wenn sich die Umstände ändern: Es bleibt die Entscheidung der betroffenen Person! Sabina Kläsener, Redakteurin

sab

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