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Aktivisten-Camp gegen Kiesabbau im Forst Kasten - Hallo-Reporterin bleibt für eine Nacht vor Ort

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Camp-Leiter „Bärchen“
Camp-Leiter „Bärchen“ steht vor dem Camp im Forst Kasten. © rea

Klima-Aktivisten demonstrieren mit ihrer Besetzung des Forst Kasten gegen den dort geplanten Kiesabbau. Eine Hallo-Reporterin war für eine Nacht vor Ort.

Update, 30.6. 2021, 12.10 Uhr: Mahnwache bis Mitte Juli verlängert

Die Wald-Aktivisten im Forst Kasten haben ihre Versammlung verlängert. Wie das Landratsamt München auf Hallo-Anfrage bestätigte, soll die Mahnwache am Weg „Klaußner geräumt“ nun bis Sonntag, 11. Juli, bestehen bleiben. Es bestehen allerdings Auflagen - der Aufbau von Zelten oder Baumhäusern ist weiterhin nicht gestattet.

Camp gegen Kiesabbau im Forst Kasten: Eine Nacht bei den Aktivisten

Im Wald wirken Naturgewalten gedämpft. Ist das Wetterleuchten oder blitzt eine Taschenlampe durch die Bäume? Donnert es – oder rauscht in der Ferne ein besonders lauter Lkw über die A 95? Leo, der seinen Nachnamen nicht nennen will, und ich hören im Dämmerlicht genau hin. Für uns beide ist es die erste Nacht im Camp gegen den Kiesabbau im Forst Kasten. Das Camp, das noch nicht von der Polizei geräumt ist, links und rechts vom Weg „Klaußner geräumt“.

„Laut Regenradar geht es ein paar Kilometer südlich von uns richtig ab“, sagt Leo, der eigentlich am östlichen Waldrand bei seinen Eltern wohnt. „Die waren schon besorgt, weil Gewitter angesagt ist“, erzählt der 20-jährige Student, während er die Prognose checkt. „Aber sieht so aus, als ob es an uns vorbeizieht.“ Auch für mich eine gute Nachricht, denn die Nacht werde ich Open Air verbringen.

Darum wird protestiert

Auf 9,5 Hektar einer städtischen Stiftung soll im Forst Kasten Kies abgebaut werden. Die Arbeiten wurden bereits ausgeschrieben. Im Mai hat der Münchner Sozialausschuss der Maßnahme zugestimmt, weil die Stadträte sonst persönlich für Schadensersatzforderungen haftbar gemacht werden können. Den Abbau muss das Landratsamt München noch genehmigen.

Aktivisten-Camp im Forst Kasten nur ohne Baumhäuser oder Zelte genehmigt

Seit Anfang Juni schlafen jede Nacht Aktivisten im Forst Kasten – mal 15, meist deutlich weniger. Viele von ihnen kommen aus dem Raum München, manche aber auch aus Augsburg. Die Versammlung ist vom Landratsamt noch bis Ende des Monats genehmigt, allerdings ohne Zelte oder Baumhäuser. Alle ein bis zwei Stunden fährt eine Polizeistreife vorbei, um zu prüfen, dass nichts aufgebaut wird.

Geschlafen wird stattdessen auf Holzpaletten und Isomatten. Eine Plane schützt vor allem, was von oben kommt – zumindest in der Theorie. „Vor zwei Tagen ist hier alles abgesoffen“, erzählt der Versammlungsleiter, der im Wald nur „Bärchen“ genannt wird. „Schlafsäcke, Matten – alles klatschnass. Zum Glück haben wir von Unterstützern gleich neue bekommen.“

Demonstranten gegen Kiesabbau: Campen auch in Gewitternächten

Die Folgen der Gewitternacht bekomme ich trotzdem noch zu spüren: Immer wenn ich vom Schlafplatz zur Sitzecke und dem Proviantregal auf der anderen Seite des Weges wechsle, sinken meine Gummistiefel tief in den Matsch. Mit Ästen und Laub versucht Leo, den Schlamm zu überdecken. „Immer gut, wenn neue Leute Ideen haben“, lobt ihn Bärchen.

Einmal habe er daran gedacht, das Camp zu verlassen, da sei in der Nähe ein Blitz eingeschlagen. „Aber dann hätte die Polizei alles geräumt. Ging also nicht“, sagt Bärchen. Der 21-jährige Schüler mit den kurzgeschorenen Haaren ist hart im Nehmen, war schon bei der Besetzung des Hambacher Forsts dabei. „Das war natürlich viel größer“ erzählt er. Doch der Kampf um den Forst Kasten sei für ihn besonders. „Ich bin im Würmtal aufgewachsen, das ist der Wald meiner Kindheit!“

Aktivisten im Forst Kasten: Camp als inklusiver Zufluchtsort

Was „Kasti“ und „Hambach“ verbinde: Sie sind auch ein Zufluchtsort. „Hier gibt Leute, die sind queer, Trans-Leute, Menschen mit Behinderung. Das ist wahnsinnig cool“, sagt Bärchen. Neben ihm und Leo sind an diesem Abend auch der Schlosser-Azubi Tarek Luft, bis vor kurzem noch Gemeinderat in Gauting, und ein Journalistikstudent, genannt „Luchs“, dabei. Um Mitternacht taucht noch „Eiche“ auf – ein 65-jähriger Obdachloser, der aussieht wie Karl Marx und die Gruppe mit russischem Bier, bulgarischer Rosen-Limonade, und Che-Zigaretten versorgt. Warum er in den Wald gekommen ist? „Man muss tun, was man tun muss!“

Die Dunkelheit in Kombination mit den Debatten am „Esstisch“ – nicht nur über den Kiesabbau, sondern auch über vegane Medikamente oder das Leben mit Schulden – weckt auch in mir ein kleines, kämpferisches Feuer. Warum nicht einfach mal die Welt verbessern?

Lang wird der Abend trotzdem nicht, denn es ist trotz Zwiebellook, Wollsocken und Mütze kalt und die Sehnsucht nach dem Schlafsack wächst. Auch der kann nur bedingt helfen: Tief schlafe ich in der Nacht jedenfalls nicht. Auch, weil die Polizei nachts nicht nur regelmäßig vorbeifährt, sondern auch unter die Plane leuchtet und abfragt, wie viele Schlafgäste sind.

Mit den ersten Sonnenstrahlen bin ich wach, genauso wie Camp-Neuling Leo. Gemeinsam nehmen wir Brezen und Thermoskannen entgegen, die ein Neurieder auf dem Fahrrad vorbeibringt, während Bärchen und Luchs weiterschlummern. „Ich komme heute Abend wieder“, sagt Leo und schwingt sich auf sein Rad. „Aber dann bringe ich ein Kissen mit.“

Protestcamp Forst Kasten
Die Polizei räumt Baumhäuser im Forst Kasten. © dpa/Preiss

Weiter Widerstand?

Nicht alle, die für den Forst Kasten kämpfen, halten sich an die vom Landratsamt aufgestellten Regeln. So räumte die Polizei vergangene Woche zwei illegale Baumhäuser am Weg „Heiliggeist geräumt“. Das hatten nachts Aktivisten des Klimacamps Augsburg gebaut, die unabhängig zur angemeldeten Mahnwache am „Klaußner geräumt“ agieren.

Geht es nach Ingo Blechschmidt vom Klimacamp Augsburg wird es nicht das letzte Baumhaus im Forst Kasten gewesen sein. „Wir machen jetzt eine Pause, aber der Widerstand geht weiter.“ Seine Hoffnung: Das weitere Initiativen und Demonstranten sich ein Beispiel an ihnen nehmen und eigene Baumhäuser bauen. „Vielleicht schon morgen, vielleicht nächste Woche.“

Ingesamt 50 Polizisten waren bei der Räumung vergangene Woche im Einsatz, darunter auch Spezialkräfte der Höhenintervention. „Zu aktiven Widerständen der Versammlungsteilnehmer kam es dabei nicht“, teilte das Polizeipräsidium mit.

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