Wiederholt zerschlagene Scheiben

„Gestiegene Gereiztheit“ in München ‒ Mehr Gewaltbereitschaft und Vandalismus in der Corona-Krise?

Erst mit Eiern, dann mit Steinen wurden die Fenster des CSU-Bürgerbüros an der Verdistraße beschmutzt und eingeschlagen.
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Erst mit Eiern, dann mit Steinen wurden die Fenster des CSU-Bürgerbüros an der Verdistraße beschmutzt und eingeschlagen.

Mit Eiern und Steinen wurde das CSU-Büro München-West/Mitte beworfen. Ein Zeichen für mehr Gewaltbereitschaft? Auch bei der S-Bahn häufen sich Vandalismus-Fälle.

  • Auf das CSU-Bürgerbüro München-West/Mitte wurden drei Anschläge mit Eiern und Steinen verübt
  • An S-Bahnhöfen kommt es örtlich zu gehäuftem Vandalismus
  • Bei politischer Gewalt gehe es um Symbolik, erklärt ein LMU-Experte

Erst verschmutzen Eier die Scheiben. Dann zerschmettern Steine die Fenster des CSU-Bürgerbüros an der Verdistraße. Drei Anschläge innerhalb einer Woche richten sich gegen das Büro München-West/Mitte, die Wahlkreiszentrale des Bundestagsabgeordneten Stephan Pilsinger und des Landtagsmitglieds Josef Schmid.

„Wer mutwillig mit Steinen die Fensterscheiben einschlägt, geht weit über die Grenzen hinaus“, so Pilsinger. Bisher hat sich niemand zu den Taten bekannt, die Polizei sucht nach Zeugen. Das Büro steht unter erweitertem Objektschutz der Polizei, wird häufiger als üblich überwacht.

Zerschlagene Scheiben registriert auch die Bundespolizei auf S-Bahnhöfen im Münchner Umland, wie in Oberschleißheim. Laut einem Sprecher komme es derzeit zu einer örtlich bedingten Häufung von Schäden durch Vandalismus.

Bei der MVG kommt es seit der Pandemie nicht zu mehr Vandalismus als ohnehin schon, wird auf Hallo-Anfrage erklärt. Jedoch gäbe es aufgrund von Masken- und Abstandsregeln neue Konfliktpotenziale, so MVG-Sprecher Johannes Boos. „Grundsätzlich nehmen wir eine gestiegene Gereiztheit oder Genervtheit wahr.“

Am S-Bahnhof Oberschleißheim kam es ebenso wie an den Bahnhöfen Geisenbrunn, Starnberg und Wächterhof zu Fällen von Vandalismus.

Experte erklärt: „In einer Krise verändern sich die Rahmenbedingungen.“

Führt die Krise zu einer aggressiveren Stimmung? Nein, erklärt Ralf Kölbel, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht und Kriminologie der LMU. „In einer Krise verändern sich die Rahmenbedingungen. Es fallen Situationen weg, die vorher Auslöser für Aggressionen gewesen wären.“ Stattdessen würden neue Situationen entstehen, die zum Anlass werden – wie Kontrollen der Maskenpflicht.

Ralf Kölber ist der Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht und Kriminologie der LMU.

Die CSU hält es für möglich, dass der Zorn über die Beschränkungen in der Pandemie Grund sein könnte für die Anschläge. Schließlich hätten mit der Bundeskanzlerin, dem Gesundheitsminister und dem bayerischen Ministerpräsidenten drei Unionspolitiker eine tragende Rolle bei den Beschränkungen inne. Aber auch andere aktuelle Debatten oder Positionen der CSU könnten Auslöser gewesen sein, erklärt ein CSU-Sprecher.

Ein weiteres Indiz: Bereits im vergangenen Jahr wurde das CSU-Bürgerbüro mit der Parole „Volksverräter“ und einem Hakenkreuz beschmiert.

Auch andere Parteien berichten von Vandalismus

Kölbel hält diese Annahme für naheliegend: „Bei politischer Gewalt geht es um Symbolik, sie trifft Stellvertreter, die diese Position repräsentieren.“

Andere Parteien berichten auch von Vandalismus. Die Grünen stellen fest, dass häufiger als früher Plakate zerstört werden. Das Büro der Linken im Westend wurde vor drei Wochen mit Eiern beworfen. Die SPD verzeichne häufiger Schmierereien und immer wieder Steinwürfe – das sei durch Corona aber nicht mehr geworden. Die AfD beklagt Beleidigungen und die Störung von Informations-Kundgebungen.

Bei politischer Gewalt könne man nicht von zunehmender oder abnehmender Gewalt sprechen, erklärt Kölbel: „Wenn es andere politische Kontroversen gibt, wie die Migrations- oder Klimapolitik, dann entstehen andere Konflikte.“

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