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Marian Offman ist Münchens erster Beauftragter für interreligiösen Dialog

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Von: Ursula Löschau

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Marian Offman ist der erste Beauftragte für interreligiösen Dialog in München.
Marian Offman ist der erste Beauftragte für interreligiösen Dialog in München. © Marian Offman/privat

Die Stadt München hat erstmals einen Beauftragten für interreligiösen Dialog eingestellt. Die Position wird von Marian Offman ausgeführt, der schon reichlich Erfahrung in der Politik hat. Welche Aufgaben er hat und was ihm dieser Posten bedeutet er klärt er hier:

MÜNCHEN München hat erstmals einen Beauftragten für interreligiösen Dialog: Marian Offman (73). Der Unternehmer aus Gern saß 18 Jahre lang im Stadtrat, bis 2019 für die CSU, ein Jahr für die SPD. Als einziger jüdischer Stadtrat in München seit 1945 setzte er sich bereits in dieser Funktion für ein Miteinander der christlichen, jüdischen und muslimischen Religionsangehörigen ein.

Er findet: „Es ist ein starkes Zeichen, dass ich als Jude für die Aufgabe als interreligiöser Berater berufen wurde.“ Zum Auftakt veranstaltet Offman am Montag, 15. November, ein Treffen im Rathaus, zu dem er über 30 Einladungen verschickt hat. „Thema ist die Situation der Religionsgemeinschaften in der auslaufenden Pandemie und aktuelle Probleme“, kündigt er an.

Wie der 73-Jährige die antisemitische Stimmung in München einschätzt, warum er das Jubiläum „1700 Jahre Jüdisches Leben“ nicht feiern würde und auf welcher Todesliste er steht, verrät er im Hallo-Portrait.  

Marian Offman (73) von A bis Z

Antisemitismus: Auf der Straße trage ich meist Hut, keine Kippa, bin als Jude also nicht erkennbar und habe eigentlich in der Öffentlichkeit selten Anfeindungen erlebt. Persönlich habe ich nur gelegentlich Diskriminierung erfahren. Von einem Status der Normalität sind wir aber noch weit entfernt.

Allerdings ist es ein starkes Zeichen, dass ich als Jude für die Aufgabe als interreligiöser Berater berufen wurde. In München sehe ich nicht die Situation, dass antisemitische Vorfälle zunehmen. Wir haben uns hier immer um ein Miteinander bemüht. Man wird stets einen Bodensatz an Antisemitismus haben – gelegentlich lauter, gelegentlich leiser. Wir müssen alle miteinander reden und versuchen gelassen damit umgehen.

Buddhismus Ich habe alle Religionsgemeinschaften zu einem ersten Treffen im Rathaus am 15. November eingeladen, darunter auch Buddhisten, die in München mit mehreren Einrichtungen vertreten sind. Ich sehe keine Veranlassung, warum ich die eine oder andere Religionsgemeinschaft ausgrenzen sollte. Und sie sind wohl alle interessiert. Thema der Veranstaltung ist die Situation der Religionsgemeinschaften in der auslaufenden Pandemie und aktuelle Probleme.

CSU Es ist traurig, dass die CSU meiner Bestellung zum Beauftragten nicht zugestimmt hat. Von menschlicher Größe kann man da nicht sprechen. Sie tun sich damit selbst keinen Gefallen. Von 1995 bis 2019 war ich CSU-Mitglied und habe in dieser Zeit mitgeholfen, das NS-Dokumentationszentrum, das Jüdische Zentrum München voranzubringen und mich intensiv in die Diskussion um die Stolpersteine und Gedenkzeichen eingebracht. Ich war der einzige jüdische Stadtrat in München seit 1945.

Dialog Das ist mein neuer Job und auch das, was ich schon immer gemacht habe – aus tiefer Überzeugung und mit viel Motivation. Jetzt ist es ein Amt.

Ehrenamt Ich kann in meinem Betrieb einen gut funktionierenden Büroapparat mitnutzen und rechne etwa mit ein bis zwei Arbeitstage in der Woche Zeitaufwand. Obwohl es in letzter Zeit zum Start in das Amt schon mehr war. Das Einzige, was ich zur Unterstützung in meiner Beauftragung bekomme, ist ein MVV-Ticket. Darüber freue ich mich.

Freizeit Seit einem Jahr schreibe ich. Es geht in Richtung Belletristik vor meinem jüdischen Hintergrund. Mal sehen, wie es weitergeht.

Glauben Wenn ich kann, gehe ich jeden Schabbat zur Synagoge, ganz halte ich das aus zeitlichen Gründen aber nicht durch. Der Glaube ist für mich Bestandteil meiner Persönlichkeit und meines Lebens.

Haushalt Wir haben zuhause einen koscheren Haushalt. Auch meine Kinder sind so erzogen und leben das Judentum mit ihren Familien.

Israelitische Kultusgemeinde Ich will meine Arbeit im Vorstand dort gerne fortsetzen und habe mich wieder zur Wahl gestellt. Sie wird voraussichtlich noch in diesem Jahr stattfinden.

Jubiläum Ich würde das Jubiläum „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ nicht zelebrieren und feiern. Über diesen Zeitraum waren Juden in München vielleicht 200 Jahre lang geduldet. Das neue Zentrum am St.-Jakobs-Platz, kann man jeden Tag feiern. Aber eine Kontinuität jüdischen Lebens in München hat es nicht gegeben, und das zu feiern, verdeckt die dunklen Seiten.

Kontakte Ich bin einigermaßen vernetzt und kann in München bei vielen Adressen anrufen. Selbst der Bayerische Innenminister, der bei einer anderen Partei ist, hat gesagt, dass ich mich jederzeit an ihn wenden könnte. Wenn man 18 Jahre lang im Stadtrat geackert hat wie ich, dann hinterlässt das natürlich Spuren.

Lokales Ich bin erster Nachrücker auf der SPD-Stadtratsliste. Ich würde mich freuen, wieder im Stadtrat mitwirken zu dürfen. Allerdings könnte das bedeuten, dass ich das Amt als Beauftragter wieder abgeben muss. Jedenfalls kenne ich jeden Stadtteil in München. Ich bin 17 Mal in dieser Stadt umgezogen. Und ich weiß, jeder Stadtteil hat seine Vorzüge. Ich habe mich im Stadtrat politisch nie nur auf einen Stadtteil fokussiert.

Muezzin-Ruf Ich hätte überhaupt kein Problem damit, so etwas in München zu hören. Es müsste öffentlich-rechtlich zulässig sein und vorher einen Dialog mit den Anwohnern geben.

Neues Dieses Amt ist etwas Neues, ebenso wie meine literarischer Versuche. Man muss auch im Alter stets was Neues anfangen, das könnte lebensverlängernd wirken.

Ofarim Man liest zu dem Vorfall mit Gil Ofarim ja merkwürdige Kommentare und muss sehr vorsichtig damit umgehen. Wenn es um den Sprachgebrauch und bestimmte Begriffe geht, gibt es bei viele Juden und Jüdinnen eine hohe Sensibilität. Denn erst kommen die Worte und dann die Taten. Antisemitisch motivierte Straftaten in Deutschland nehmen leider zu.

Politik Von der Politik erwarte ich schon, dass sie mich in meinem neuen Amt unterstützt und die Religionsgemeinschaften in der Politik noch mehr Gehör finden. Immerhin mehr als die Hälfte der Menschen in München fühlen sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig

Queer Für mich ist das überhaupt kein Problem. Homosexualität hat in unserer Gesellschaft inzwischen mehr, aber noch nicht genug, Akzeptanz gefunden. Wenn jemand wegen seiner sexuellen Ausrichtung diskriminiert wird, werde ich dagegen einschreiten. Islamophobie, Antisemitismus und Homophobie sind dieselben Seiten einer Medaille.

Religionen München hat eine enorme Vielfalt zu bieten. Für meine erste Veranstaltung habe ich über 30 Einladungen verschickt. Ich schätze, dass es mehr als 30 verschiedene Religionsgemeinschaften hier gibt, auch kleine, freikirchliche. Allein unter den Muslimen gibt es viele Unterschiede, beispielsweise Sunniten, Schiiten, Alewiten.

Sekten Natürlich gibt es auch in München Sekten. Ich habe beispielsweise ein Problem, die Scientologen als Religionsgemeinschaft anzuerkennen und einzuladen. Was ich auch nicht unterstützen kann ist das Missionieren in anderen Religionsgemeinschaften.

Todesliste Ich habe vor Nazis demonstriert und als Jude Gesicht gezeigt, habe auch mehrere Anzeigen gegen Nazis erstattet. In der Folge stand ich auf drei Todeslisten von ihnen, heute noch auf einer. Man muss als Politiker mit einkalkulieren, dass es, wenn man agiert, auch Gegenreaktionen gibt. Das ist ein Stück Antisemitismus, den ich weiter bekämpfen werde.

Untersuchung von Missbrauch in der Kirche: Natürlich verabscheue ich den Missbrauch und die Untersuchung ist absolut richtig und wichtig. Ob es Thema im interreligiösen Dialog im Rathaus sein wird, werden wir sehen.

Vorurteile sind einer der Hauptansatzpunkte im Dialog. Aber man muss sich klar sein, dass diese nicht offen angesprochen werden. Im Dialog geht es darum, diese zwischen den Zeilen herauszuhören, zu klären und abzubauen. Das mache ich schon, seit ich in der Politik bin.

Weltanschauungen Auch nicht religiös gebundene Gruppen sollen in den Dialog einbezogen werden. Zum ersten großen Treffen im Rathaus sind zum Beispiel Vertreter der Münchner Humanisten von der Humanistischen Vereinigung eingeladen. Das ist eine freie Trägerin der Bildung und Wohlfahrtspflege.

X Sprachen spreche ich nicht, leider. Ich spreche Englisch, die von mir als erste gesprochene Sprache. Deutsch würde ich als meine Muttersprache bezeichnen. Französisch verstehe ich, ebenso Jiddisch. Das ist eine wundervolle Sprache, aber ich spreche sie nicht, weil ich weiß, wie es sich richtig anhören müsste.

Youngster Der Austausch mit jungen Gläubigen ist ganz wichtig. Das pflege ich schon die ganze Zeit vor allem mit jungen Muslimen. Ich finde es faszinierend, dass sich junge Menschen so mit ihrem Glauben beschäftigen und das auch leben wollen. Sie sind auch sehr dialogbereit. Ich habe gesehen, dass die religiöse Affinität von jungen Muslimen im Vergleich zu anderen Religionen sehr groß ist. Diejenigen, die sich hier für eine Religion einsetzen, haben auf jeden Fall mehr gemeinsam als die, die Agnostiker sind.

Zorn Was mich etwas ärgert ist, dass oftmals in den politischen Gremien von Religionsgemeinschaften die Auseinandersetzungen härter und persönlich verletzender sein können als in der Parteipolitik. Weil man dabei die Ziele, die man in einer religiösen Gemeinschaft zu verfolgen hat, aus den Augen verliert.

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