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Wo sind all die Leute hin? Auch Kultur-Veranstalter in München suchen wegen Corona-Pandemie dringend Personal

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Von: Daniela Borsutzky

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Das Backstage in München
Kultur-Veranstalter in München suchen wegen Corona dringend Personal. © Daniela Borsutzky

Seit der Corona-Pandemie fehlt es in München in vielen Branchen an Personal. Auch Kultur-Veranstalter suchen Securitys, Techniker und Leute für die Gastro.

Über ein Jahr hatte das Back­stage komplett geschlossen, sehr lange herrschte nur eingeschränkter Betrieb. Inzwischen stehen wieder viele Veranstaltungen an. Doch die gewachsene Nachfrage kollidiert mit einer rückläufigen Zahl von zur Verfügung stehenden Dienstleistern, ohne die viele Veranstaltungen nicht möglich sind.

Vor Corona habe Betreiber Hans-­Georg Stocker „nicht wirklich“ ein Personal-Problem gehabt.

Backstage-
Chef Hans-Georg Stocker
Damit seine Bühnen nicht öfter zwangspausieren müssen, sucht Backstage- Chef Hans-Georg Stocker dringend Mitarbeiter. Aktuell beschäftigt er knapp 90 Leute – 40 davon festangestellt. © Daniela Borsutzky

Kultur-Veranstalter in München suchen wegen Corona-Personal

Zuletzt, unter anderem beim „Free & Easy-Festival“, mussten aber sogar zwei Konzerte wegen Techniker-Mangels ausfallen. Stocker blickt deshalb mit Sorgen auf den Herbst – die eigentliche Konzert-Hauptsaison: „Jede Show ist eine potenzielle Sollbruchstelle. Das ist Stress pur.“

Momentan beschäftigt Stocker rund 90 Leute, 40 davon festangestellt. „Das hört sich auf dem Papier nach mehr an, als es ist. Viele Aushilfen arbeiten nur wenige Stunden.“ 20 bis 30 Vollzeitkräfte könnte der 55-Jährige aus dem Stand einstellen. „Und eigentlich bräuchte es einen noch größeren Stamm an Leuten, weil es aktuell mehr Ausfälle gibt.“

Personalmangel wegen Corona - Bachstage-Betreiber hat Sorge vor dem Herbst

Das Absurde: Noch im März 2020 hatte Stocker intern mit Technikern über Festanstellungen gesprochen. Doch diese hätten abgelehnt. „Sie wollten unabhängig sein.“

Doch es sei auch ums Geld gegangen. „Wir können den Leuten natürlich nicht das netto zahlen, was sie brutto selbständig verdienen. Wir sind freifinanziert, kriegen keine Subventionierung.“

Eine Woche später kam Corona. Und während Stocker die festangestellten Techniker „durchgeschleift“ habe, haben viele Freiberufler mangels Aufträgen die Branche gewechselt. Teilweise in Richtung IT, bestätigt Stocker.

Wo sind all die Leute in der Corona-Pandemie hin?

Doch als Veranstalter und Hallenbetreiber sind die Techniker nicht das einzige Problem.

Stichwort Sicherheit: Während vor der Pandemie oft die Qualifikation der Security-Mitarbeiter zur Diskussion stand und Auswahlkriterium war, sei man inzwischen froh, wenn man überhaupt welche bekomme. Stocker schätzt, dass 90 Prozent der Securitys den Job nur nebenbei machen.

Weiterbildung

Zahlen zu Weiterbildungen aus dem Jahr 2021 würden eine klare Tendenz zeigen, sagt Anne Beck, Sprecherin des Münchner Arbeitsamts. Aktuellere Zahlen gibt es noch nicht. Demnach hätten sich die meisten Menschen in den Bereichen Pflege und Kinderbetreuung weitergebildet. „Es ist auffällig, dass die meisten ins Soziale gegangen sind, als hätten sie durch die Pandemie das Gefühl bekommen, etwas Gutes tun zu müssen“, sagt Beck. Neben den genannten beiden Branchen ebenfalls vorne mit dabei: der Bereich Personenschutz.

In München fehlt Personal in der Gastronomie

Besonders schlimm sei das Defizit aber beim Gastro-Personal. Hier fehlten etwa 30 bis 50 Prozent der Mitarbeiter. Hinzu kommt: Manche, die in „ruhigeren Zeiten“ während der Pandemie angefangen haben, würden jetzt wieder aufhören, weil es ihnen im „Normalbetrieb“ zu stressig sei.

Das übrige Personal bei Laune zu halten sei herausfordernd. „Es ist ein Teufelskreis. Die Gäste sind schlecht gelaunt, wenn sie lange anstehen müssen, geben weniger Trinkgeld. Und die Thekenleute fragen sich dann, wieso sie sich den Job antun sollen.“ Die Konsequenz: Wegen Personalmangels musste Stocker beim jüngsten „Free & Easy-­Festival“ die Bars reduzieren.

Die Folge waren längere Wartezeiten – der angesprochene Teufelskreis.

Studie zum Jobwechsel

216 000 Beschäftigte haben 2020 bundesweit der Gastronomie den Rücken gekehrt, heißt es in einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Knapp 35 000 von ihnen hätten im Verkauf einen neuen Job gefunden. Etwa 27 000 Menschen seien in das Verkehrs- und Logistikgewerbe gewechselt. Und nochmal ungefähr die gleiche Anzahl wäre in die Unternehmensführung gegangen. Der Studie zufolge haben vor allem Minijobber die Gastronomie verlassen. Unter den Abgängen waren von Juni 2020 bis Juni 2021 aber auch knapp 60 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Hinter der Theke stehen meist vor allem Studenten. „Eigentlich ein Job, bei dem man dank Trinkgeld sehr gut verdient und der flexibel ist“, preist Stocker die Vorzüge an.

Und die zehn Plätze für Auszubildende, die im Backstage eine Lehre zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik oder als Veranstaltungskaufmann machen können, böten beste Voraussetzungen für die Zukunft: „Wie man sieht, sind diese Jobs überall gefragt.“

Was aber tun, um das Problem zeitnah zu lösen? „Wir diskutieren das gerade. Natürlich müssen wir die Löhne erhöhen, obwohl wir es uns eigentlich nicht leisten können. Das ist noch offen.“

Nach neun Jahren habe das Backstage erstmals den Bierpreis erhöht. Die gestiegenen Ausgaben würde dies trotzdem nicht ausgleichen. „Aber lieber erhöhe ich die Getränkepreise, als den Eintritt.“

Nach Gastronomie und Flughäfen sind auch Kinos von der Personalnot durch Corona betroffen.

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