Noch mehr Müll und Lärm?

Ferienstart im Corona-Sommer: Wird Feier-Zoff an Isar, Türkenstraße & Co jetzt noch schlimmer?

Weil es an anderen Möglichkeiten fehlt, ist die Zahl der Freiluft-Partys durch Corona stark gestiegen.
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Weil es an anderen Möglichkeiten fehlt, ist die Zahl der Freiluft-Partys durch Corona stark gestiegen.

Spitzt sich der Ärger an Isarauen, Gärtnerplatz, Türkenstraße & Co zum Ferienstart zu? Wie schlimm es aktuell ist, was helfen könnte. Hallo hat die Polizei, Bürgermeister, Anwohner und Jugendvertreter gefragt.

München - Müllberge, laute Partymusik bis weit nach Mitternacht, Gegröle mitten im Wohnviertel, ein Bauzaun zum Schutz der Universität und ein Sicherheitsdienst für einen Kiosk:

Durch die Pandemie hat sich die Zahl der spontanen Freiluft-Partys vervielfacht – die Problematik für Anwohner entsprechender Hotspots verschärft. Also Clubs und Diskotheken öffnen und alles wäre wieder gut? Doch wie steht es dann um die Corona-Auflagen?

Zum Beginn der Sommerferien, in denen sich die Situation angesichts hoher Temperaturen und viel Freizeit verschärfen könnte, hat sich Hallo München umgehört – und mit Polizei, Bürgermeister, Anwohnern und Jugendvertretern gesprochen.

Die Polizei reagiert mit regelmäßigen Schwerpunktkontrollen. Aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen habe sich das Freizeitverhalten verändert und teilweise örtlich verlagert, teilt das Polizeipräsidium mit. Beispielsweise seien die Gerner Brücke in Nymphenburg oder der Pasinger Bahnhof stärker frequentiert.

Nach den nächtlichen Feiern bleibt am nächsten Tag - zum Ärger vieler Anwohner -meist viel Müll zurück.

In Pasing träfen sich etwa durchschnittlich 60 bis 70 Personen im Umfeld des Bahnhofs. Dadurch komme es zu mehr Ruhestörungen, Betäubungsmitteldelikten sowie vereinzelt Körperverletzungen oder Sachbeschädigungen. Die Polizei mache daher jedes Wochenende Kontrollen und der Sicherheitsdienst der Bahn habe seine Streifentätigkeit verdoppelt.

Ein anderer Party-Treffpunkt ist der Professor-Huber-Platz an der Universität. Der Müll lande häufig im dortigen Brunnen. „Zudem kam es zu kleineren Schäden an Universitätsgebäuden“, so eine Universitätssprecherin. Um die Schäden und Verschmutzungen einzudämmen, seien inzwischen die Höfe im Bereich Professor-Huber-Platz, Veterinärstraße und Ludwigstraße 28 mit Bauzäunen abgesperrt.

Zu drastischen Maßnahmen greift inzwischen auch Harald Gudzuhn, der Kioskbetreiber an der Reichenbachbrücke. „Seit diesem Jahr beschäftige ich einen privaten Sicherheitsdienst. Das sind zwei Leute, die in Vollzeit von 20 Uhr abends bis 5 Uhr morgens vor Ort sind.

Sie achten darauf, dass es keinen Krawall gibt, halten Betrunkene vom Kiosk fern.“ Durch Corona sei die Situation eskaliert. Die Leute wollten feiern, doch die Clubs seien noch zu.

Kiosk an der Reichenbachbrücke.

Auch für das Sozialreferat ist die Öffnung der Clubs und Diskotheken entscheidend. „Es gibt ein verständliches Bedürfnis von Jugendlichen nach Feiern. Solange diese Angebote nicht wieder zur Verfügung stehen, muss mit solchen Situationen gerechnet werden“, so Sprecher Frank Boos. Die Jugendlichen ließen sich nicht einfach an andere Orte umdirigieren. „Sie folgen ihren eigenen Bedürfnissen und suchen sich ihre Orte selbst.“

Das Sozialreferat und das Stadtjugendamt könnten nur versuchen, mithilfe der Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit bedarfsgerechte und kostenlose oder kostengünstige Angebote zu machen. Es gebe auch mehrere mobile Aktionen im öffentlichen Raum.

„Mit diesen Aktionen, Projekten und Veranstaltungen wird dem unstrittigen Bedarf Rechnung getragen.“ Darüber hinaus seien Veranstaltungen von jungen Partykollektiven geplant. „Hier sind aktuell noch letzte Fragen zu klären“, so Boos.

Auch der Leiter der neuen Fachstelle „Moderation der Nacht“, Kay Mayer, verweist darauf, dass „einige Prozesse am Laufen sind, die aber noch nicht spruchreif sind“. Insgesamt sei die Nachtkultur schon sehr lange Zeit enorm heruntergefahren, so Mayer. „Dennoch bleibt vielen Menschen das Feiern als vielfältige soziale Interaktion unheimlich wichtig.“ Doch der öffentliche Raum sei dafür einfach nicht der richtige Ort.

Feier-Überreste im Schlachthof-Viertel.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will das Partygeschehen entzerren, indem andere Plätze und Straßenabschnitte belebt werden. „Deshalb gibt es ja zum Beispiel den ‚Sommer in der Stadt‘ und unsere ‚Sommerstraßen‘.“

Dennoch werde der Grundkonflikt bleiben, „weil sich Feiernde nicht einfach dorthin leiten lassen, wo die Stadt für Freiräume sorgt und weil Anwohner immer mehr Ruhe benötigen, als das eine Großstadt bieten kann“. Reiter appelliert daher an das gegenseitige Verständnis.

Bei Konflikten zwischen Anwohnern und Feiernden kommt normalerweise das Allparteiliche Konfliktmanagement in München (Akim) zum Einsatz und versucht, zu vermitteln.

Ein Einsatz an der Türkenstraße oder dem Professor-Huber-Platz sei zwar denkbar, „würde aber sehr viele Ressourcen benötigen“, so Frank Boos vom Sozialreferat. Deshalb liege der Fokus von Akim heuer wie im vergangenen Jahr auf dem Gärtnerplatz, dem Wedekindplatz und der Gerner Brücke.

Das Allparteiliche Konfliktmanagement in München (Akim) am Gärtnerplatz.

... und die Lage im Umland?

Nicht nur an der Isar sorgen Freiluft-Partys für Ärger – auch an der Würm. Neben dem Gräfelfinger Anger entwickelt sich heuer das Gautinger Ufer zum Brennpunkt mit Müllbergen, Glasscherben und lauter Musik bis tief in die Nacht.

„Seit den Corona-Einschränkungen hat das nochmal ein anderes Level erreicht“, so die ehrenamtlichen Naturschutzwächter Kornelia und Alexander Kampmeier. Sie plädieren für mehr Mülltonnen und Polizeikontrollen – aber vor allem an die Verantwortung der Eltern.

Feiern in sicherer Atmosphäre in den Clubs

Kontrolliert und unter höchsten Hygienestandards feiern – das sei in den Münchner Diskotheken möglich, meint der Chef des Pacha Clubs, Roman Lehmann. „Wir haben bereits im vergangenen Jahr erste Konzepte vorgelegt und diese bis heute mehrfach aktualisiert und überarbeitet.

So sind wir beispielsweise inzwischen in der Lage, tausende Menschen pro Abend selbst zu testen und können somit zumindest Getesteten, Geimpften und Genesenen ein Feiern in sicherer Atmosphäre ermöglichen.“ Er und seine Kollegen hätten dafür erheblich investiert, beispielsweise in Lüftungsanlagen.

Das Pacha habe sogar von einer Hygiene-Fachfirma messen lassen, wie lange es dauert, bis der Raum frei von Viren ist. Das Ergebnis: „Unser Gastraum erfüllt aufgrund der hohen Luftwechselrate die raumlufttechnischen Anforderungen an einen Operationsraum.“

Jugendvertreterin im Hallo München-Interview

Judith Greil ist die Vorsitzende des Kreisjugendrings (KJR) München. Sie denkt, dass die Pandemie ein bestehendes Problem nur verschärft hat. Was jetzt sinnvoll wäre – und was nicht –, welche Erwartungen sie an die Politik hat und worüber sie sich geärgert hat, sagt sie im Interview.

Frau Greil, warum feiern die Jugendlichen gerade so ausschweifend?

Die Jugendlichen haben ganz massiv unter den Einschränkungen der Pandemie gelitten. Treffpunkte hatten geschlossen und auch im öffentlichen Raum durften sie sich lange Zeit nicht mehr treffen. Alles, was ihr Leben ausmacht, war nicht erlaubt: Schule, Uni, Sportverein, Jugendzentrum oder ein Auslandsjahr. Ich finde es bemerkenswert, wie sie das trotzdem hinbekommen haben. Nun sind viele versucht, etwas nachzuholen. Die vollen Stadien bei der EM waren dabei ein nicht so hilfreiches Signal der Politik, weil beispielsweise Jugendkultur nur unter sehr strengen Auflagen möglich ist.

Judith Greil ist die Vorsitzende des Kreisjugendrings (KJR) München.

Wie könnte man die Situation entschärfen?

Das Problem ist, dass es schon vor Corona zu wenige Freiräume für Jugendliche und junge Erwachsene gab. Ich hoffe, dass die Pandemie dazu angeregt hat, mehr nicht-kommerzielle Räume zu schaffen, an denen sich jungen Menschen treffen können, und andere, an denen sie auch feiern können. Hier gibt es schon viele Ideen und auch die Stadtpolitik und -verwaltung haben das Thema aufgegriffen. Einiges ist in Bewegung, aber es geht sehr langsam voran.

Welche Möglichkeiten gibt es noch, das Party-Geschehen zu entzerren?

Wir haben unsere Jugendtreffs, die inzwischen langsam wieder öffnen. Und wir machen auch woanders Angebote. Zum Beispiel haben wir mit einem Hygienekonzept das Oben-Ohne-Open-Air am Königsplatz organisiert. Auf der Theresienwiese finden im Rahmen von „Kunst im Quadrat“ Konzerte und Mitmach-Projekte statt. An vielen Orten gibt es Angebote vom „Sommer in der Stadt“. Ich hoffe, dass diese und andere Orte weiter genutzt werden können und die Jugendgruppen beim Programm eingebunden werden. Nicht-kommerzielle Angebote müssen unbedingt ausgebaut werden.

Sollten auch die Clubs wieder öffnen dürfen?

Die Clubs zu öffnen, würde das Party-Geschehen entzerren. Diese Diskussion sollte daher auf jeden Fall stattfinden, aber man muss eine verantwortungsvolle Möglichkeit finden.

Was halten Sie von einem Alkoholverbot im Englischen Garten?

Das wäre ein falsches Signal. Der Vorschlag sah vor, dass auf der Wiese keine mitgebrachten Getränke konsumiert werden dürfen, aber nebenan im Biergarten eine Maß Bier zu trinken erlaubt wäre. Nicht jeder kann dafür zehn Euro hinblättern.

Hallo München-Umfrage zum Thema

Wir haben die Münchner gefragt: „Nervt Sie der Party-Lärm und -Müll? Und wie wird man dem Problem Herr? Auch Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns einen Leserbrief oder auf Facebook!

Carolin Diesch (35), Glockenbachviertel: „Der Müll ist kein Problem der Stadt, sondern eines der Leute. Das ist die „Fridays for Future“-Generation, die dann aber alles in den Büschen liegen lässt, das passt für mich nicht zusammen. Da muss wahrscheinlich noch deutlicher über die Folgen des Mülls aufgeklärt werden.“

Josefine Müller (57), Pasing: „Es braucht Konzepte, damit sich die Feiernden mehr verteilen. München bietet viel, was man umfunktionieren und attraktiver gestalten kann. Ich verstehe die Anwohner. Wer Müll macht, soll ihn wegräumen. Tags drauf ist es aber immer schnell wieder sauber, die Stadt macht das gut.“

Martin Moser (37), Glockenbachviertel: „Dass nach den Feiern immer so viel Müll und Flaschen dableiben, nervt mich. Vor allem für die Kinder ist das blöd, da muss man extrem aufpassen. Der Müll ist aber ein grundsätzliches Problem, die Leute haben zu wenig Respekt vor den Plätzen. Mehrere Ausweichflächen wären eine gute Sache.“

Martin Moser (37).

Karin Waldow (75), Isarvorstadt: „Ich meide den Gärtnerplatz. Die Leute sollen gerne dort feiern, aber Müll und Lärm nehmen Überhand. Die Stadt muss da mehr durchgreifen, um die Anwohner zu schützen. Zwar nicht den Leuten das Feiern verbieten, es aber einschränken. Vielleicht würde mehr Polizeipräsenz helfen.“

Markus Burret (55), Glockenbachviertel: „München macht mit öffentlichen Toiletten und Müllbehältern für die Sauberkeit im Vergleich zu anderen Städten zwar sehr viel, das kann aber noch verbessert werden. Man sieht häufig überfüllte Müllbehälter. Da braucht es eine höhere Frequenz, in der diese geleert werden.“

Anna Kern (39), Au: „Klar ist es an einer Samstagnacht nicht leise und danach nicht sofort ganz sauber. Die Stadt hat das aber gut im Griff, es gibt viele Müllbehälter und öffentliche Toiletten. Ich finde nicht, dass man hier mit Alkoholverboten oder Ähnlichem gegen das Feiern vorgehen sollte.“

Anna Kern (39)

Umfrage: Katharina Kohler

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