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50 Jahre Offene Behindertenarbeit in Neuhausen

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Von: Ursula Löschau

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Tom Rausch hofft, dass sich im Kult9 bald wieder Menschen mit und ohne Behinderung treffen können. Dies steht bei der OBA in München seit den 70er-Jahren im Mittelpunkt.
Tom Rausch hofft, dass sich im Kult9 bald wieder Menschen mit und ohne Behinderung treffen können. Dies steht bei der OBA in München seit den 70er-Jahren im Mittelpunkt. © ul

Die Neuhauser „Offene Behindertenarbeit“ hat dieses Jahr 50-jähriges Jubiläum. Wie sie von der Selbsthilfegruppe zum Anbieter von Bildungs- und Freizeitprogrammen wurde.

Neuhausen - Rund 1200 Menschen mit Behinderung und deren Angehörige haben bis zum Corona-Lockdown die Freizeit-, Bildungs-, Beratungsangebote und Reisen der „Offenen Behindertenarbeit – evangelisch in der Region München“ – kurz OBA – genutzt.

Dazu kamen im Jahr rund 4000 Besucher der offenen Kultur- und Begegnungsstätte Kult9 im Löhehaus an der Blutenburgstraße 71. Nutzer mit und ohne Behinderung, die Geschäftsführer Tom Rausch lieber heute als morgen wieder bei Aktivitäten der OBA zusammenführen will.

Denn darum geht es: „Wir möchten, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung treffen und dass Vorurteile abgebaut werden“, so Rausch. Ein Ziel, das die OBA jetzt seit genau 50 Jahren in München verfolgt.

1971 griff der damalige Jugenddiakon Paul Kurzmann mit ersten Spielnachmittagen für Familien mit Kindern mit Behinderung sowie mit Treffen für Eltern quasi zur Selbsthilfe. Als Vater eines Sohnes mit Lernschwierigkeiten (früher geistige Behinderung genannt) wusste er nur zu gut, dass es an Begegnungs- und Freizeitangeboten für Betroffene überall fehlte.

Treffen von Menschen mit und ohne Behinderung steht bei der OBA in München seit den 70er-Jahren im Mittelpunkt.
Treffen von Menschen mit und ohne Behinderung steht bei der OBA in München seit den 70er-Jahren im Mittelpunkt. © OBA

„Menschen mit Behinderung waren sehr stark separiert. Man hat sie in Einrichtungen gesperrt oder sie saßen daheim bei der Familie. Aber das war’s“, beschreibt Rausch die damalige Situation.

Kurzmann war im Haus der Evangelischen Jugend an der Birkerstraße 19 tätig und betreute die Jugendleiter vieler evangelischen Gemeinden in ganz München. So entstanden in Pfarreien im Stadtgebiet nach und nach immer mehr der sogenannten „Clubs“, von denen es einige bis heute gibt.

Der Wunsch nach einer zentralen Freizeit- und Begegnungsstätte ging 1987 mit Eröffnung des OBA-Zentrums im Löhehaus in Neuhausen in Erfüllung.

Die 90er- und 2010er-Jahre brachten große Umbrüche. „Bis Mitte der 90er kamen vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die wurden älter und wollten an den Angeboten auch weiterhin teilnehmen“, so Rausch. Damit wurde die OBA zur Einrichtung für Nutzer jeden Alters. Weitere Impulse lieferte die UN-Behindertenrechtskonvention.

Inklusion oder besser Teilhabe haben wir ja schon lange praktiziert. Für uns war das ein Zeichen des Aufbruchs, noch mehr Menschen ohne Behinderung hier teilhaben zu lassen“, erklärt Rausch.

Mehr politische Bildung für Menschen mit Behinderung

Ein Resultat sind zahlreiche Kooperationen von den Naturfreunden bis zu Sportvereinen. Vor allem im Sportbereich soll künftig auch noch viel mehr gemeinsam getan werden. Der OBA-Geschäftsführer denkt zum Beispiel an gemischte Teams.

Ein weiterer Teilhabe-Schwerpunkt ist seit 2018 die Öffnung des Kult9 zum Stadtteilzentrum mit vielen Veranstaltungen für Menschen mit und ohne Behinderung.

In Zukunft sollen weitere Bereiche ausgebaut werden. Dazu gehört die politische Bildung. Schon jetzt arbeiten OBA-Besucher in Facharbeitskreisen des Münchner Behindertenbeirats mit. „Diese Arbeit soll noch verstärkt werden.“ Auch bei der Digitalisierung sei einiges aufzuholen. Das mussten Rausch und sein Team in den letzten Monaten feststellen.

„Viele Teilnehmer verfügen nicht über die technischen Möglichkeiten und teils auch nicht über die finanziellen Mittel. Zu einigen haben wir den Kontakt verloren“, sagt er und hofft, dass die OBA im Jubiläumsjahr so bald wie möglich wieder für alle öffnen kann.

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