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Kooperationsprojekt „Munich Teen Court“ ‒ Schüler verhandeln Fälle von straffälligen Jugendlichen

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Von: Daniela Borsutzky

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Das Schülergericht „Munich Teen Court“ ist ein Kooperationsprojekt der Staatsanwaltschaft München I und des Vereins „Brücke München“.
Das Schülergericht „Munich Teen Court“ ist ein Kooperationsprojekt der Staatsanwaltschaft München I und des Vereins „Brücke München“. (Symbolbild) © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Vor dem „Munich Teen Court“ verhandeln Schüler die Fälle von straffällig gewordenen Jugendlichen - Hallo gibt einen Einblick hinter das Kooperationsprojekt...

München - Nichts ist, wie es zunächst scheint – das haben Lisa V. die Gremiumssitzungen gezeigt, bei denen die 16-Jährige quasi als Jugendrichterin fungiert. Die Zehntklässlerin aus dem Landkreis Ebersberg ist ehrenamtliches Mitglied im „Munich Teen Court“ (s. Kasten) – einem Kooperationsprojekt der Staatsanwaltschaft München I mit dem Verein „Brücke München“ mit Sitz in der Einsteinstraße.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

„Munich Teen Court“: Kooperationsprojekt der Münchner Staatsanwaltschaft und „Brücke München“

Dabei verhandeln Schüler Fälle von straffällig in Erscheinung getretenen Jugendlichen. Diese sind in der Regel Erst-Täter, die beispielsweise gestohlen oder randaliert haben. Statt erhobener Anklage, Gerichtsverhandlung und Sozialstunden wird im gemeinsamen Gespräch, unter pädagogischer Begleitung, reflektiert und eine individuelle Maßnahme erarbeitet.

Ein Fall von Diebstahl, den Lisa V. mitverhandelt hat: „Ein junger Mann hat offenbar schon seit der Grundschule gestohlen und wurde jetzt zum ersten Mal erwischt. Er hat überhaupt nicht eingesehen, dass er etwas falsch macht.“ Auch wenn Lisa V. versuche, vorurteilsfrei in die Gespräche hineinzugehen, habe sie am Ende mit diesem Ergebnis dann doch nicht gerechnet. „Im Gespräch hat er sich erst überhaupt nicht einsichtig gezeigt.“

Als Maßnahme – die Gremiumsschüler sprechen ungern von „Strafe“ oder „Urteil“ – sollte der Beschuldigte einen Comic über sein Vergehen zeichnen, der nicht nur die Konsequenzen für ihn selbst, sondern auch für die Bestohlenen abbildet. „Respekt, was der abgeliefert hat. Richtig gut und viel mehr, als er eigentlich musste“, sagt Lisa V.

Persönlichkeit statt Paragraph: Münchner Schüler verhandeln Fälle von straffälligen Jugendlichen

Von einem umgekehrten Beispiel kann Luis H., der die 11. Klasse am Erasmus-Grasser-Gymnasium in Sendling-Westpark besucht, berichten. Der 18-jährige Sollner ist seit zwei Jahren Mitglied im Schülergericht und kann sich vorstellen, nach dem Abi Jura zu studieren.

Er erinnert sich an einen Fall, bei dem ein junger Mann angetrunken randaliert hatte. Zusammen mit Daniel H. aus Gauting und einem weiteren Gremiumsmitglied haben sie ein Gespräch über den Vorfall geführt. „Die Staatsanwaltschaft würde sich auf den Sachschaden fokussieren. Wir gehen auf die Persönlichkeit des Beschuldigten ein“, erklärt Luis H.

Als reflektiert und einsichtig hätten die Gymnasiasten den Randalierer im Gespräch wahrgenommen. Weil dieser schriftstellerisch interessiert war, sollte er als Maßnahme einen Aufsatz schreiben. Doch: Abgegeben hat ihn der Beschuldigte nicht. Daher ging der Fall zurück an die Staatsanwaltschaft. Die Ehrenamtlichen sehen darin eine vertane Chance.

Schülergericht „Munich Teen Court“: Verhandlungen mit Perspektivwechsel

Etwa 90 Fälle wurden dem Schülergericht laut Staatsanwaltschafts-Sprecherin Anne Leiding seit Projektbeginn zugewiesen. Und rund 90 Prozent ihrer Aussage nach erfolgreich abgeschlossen – eine Anklage konnte also abgewendet werden. „Es ist ein kollektives auf den Grund gehen“, erklärt Luis H. die Vorgehensweise. „Die Jugendlichen reden viel mehr, geben auch Dinge aus ihrer Kindheit preis, was sie vor einem älteren Staatsanwalt vielleicht eher nicht machen würden“, ergänzt Lisa V.

Es könne ein Perspektivwechsel stattfinden. „Der Fokus liegt auf der Belehrung. Denn wenn man sein Verhalten nicht reflektiert, hält sich der Nutzen in Grenzen“, sagt Daniel H. Für ihn sei es immer wieder interessant zu beobachten, wie man mit Empathie in kurzer Zeit eine respektvolle Ebene aufbauen kann. „Unser Rechtssystem erweckt manchmal den Eindruck, dass es darum gehen könnte, wer den teureren Anwalt hat“, sagt der 17-jährige Gautinger. „Wir richten uns nach der Person, nicht nach Paragrafen.“

Über das Projekt

Die Sozialpädagogin Simona Huber (27) hat mit einer Kollegin das Projekt „LocalVoices – The Munich Teen Court“ bei der Jugendhilfe-Organisation „Brücke München“ aufgebaut. Etwa 40 Jugendliche aus sieben Schulen haben seit dem Projektbeginn im Schuljahr 2020/21 rund 90 Fälle verhandelt. Behandelt werden leichte bis mittelschwere Delikte, die unter das Jugendstrafrecht fallen. Die Fallzuweisung erfolgt durch die Staatsanwaltschaft.

Teil des Gremiums können grundsätzlich alle Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren aus verschiedenen Münchner Bildungseinrichtungen werden. Nach einem ersten Kennenlernen bereitet ein dreitägiger Workshop mit Gesprächen und Rollenspielen auf die Tätigkeit vor. Interessenten melden sich über das Anmeldeformular unter www.bruecke-muenchen.de oder per WhatsApp unter 0157/37 28 89 14.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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