Verkehr München

Auto ist Gewinner in der Corona-Pandemie ‒ Verkehr in München hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen

Rosenheimer Straße
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Neue Radwege, wie hier an der Rosenheimer Straße, könnten die Stau-Lage in München weiter verschärfen, so Verkehrsexperte Wolfgang Fastenmeier.

Verkehrsexperte Dr. Fastenmeier spricht im Interview darüber, wieso der Verkehr während der Pandemie wieder zugenommen hat und wo der öffentliche Nahverkehr Verbesserungsbedarf hat.

  • Im Vergleich zum Jahr 2020 wurde ein Anstieg des Autoverkehrs in München verzeichnet.
  • Der Ansturm auf die Fahrschulen ist groß, da vor allem junge Leute den Öffentlichen Nahverkehr pandemiebedingt meiden.
  • Dem Öffentlichen Nahverkehr fehlt es an Querverbindungen - vor allem Münchens Randbezirke leiden unter dem strukturellen Mangel.

Die Straßen sind voll, Stau-Gefahr am Mittleren Ring – wieder Teil des Alltags. Auch Daten des Bayerischen Straßeninformationssystems zeigen, dass wieder deutlich mehr Fahrzeuge unterwegs sind als im Corona-Jahr 2020. Am Autobahnkreuz West beispielsweise fuhren damals im März 25 777 Fahrzeuge und damit über 8000 weniger als vor der Pandemie. In diesem Frühjahr wurden hingegen wieder 30 028 Fahrzeuge gezählt.

Ähnlich sieht es auf den Bundesstraßen aus. Beispiel Grünwald: Dort fahren den Daten des Informationssystems zufolge zur Zeit wieder 20 Prozent mehr Fahrzeuge als vor einem Jahr.

Verkehr in München: Nachfrage im Öffentlichen Nahverkehr gesunken

Zum Vergleich: Die Nachfrage bei U-Bahn, Tram und Bus liegt laut MVG derzeit bloß bei rund 55 Prozent.

Im Gespräch mit Hallo erklärt der Verkehrspsychologe Professor Dr. Wolfgang Fastenmeier vom Münchner Institut Mensch-Verkehr-Umwelt, warum das Auto der Gewinner der Pandemie ist und wie sich der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Stadtgebiet verbessern muss.

Verkehrspsychologe Professor Dr. Wolfgang Fastenmeier erklärt im Interview aktuelle Veränderungen im Straßenverkehr.
Herr Fastenmeier, aus Angst vor einer Corona-Ansteckung in Bus und Bahn sind 2020 viele Münchner auf das Auto umgestiegen. Hält sich der Trend?
Aktuell gehen vor allem viele junge Leute zurück zum Auto, weil sie den ÖPNV meiden wollen. Die Münchner Fahrschulen werden derzeit überrannt (siehe Kasten unten).
Das Auto ist also der Pandemie-Gewinner?
Ja, die zugrundeliegenden Motivatoren sprechen nach wie vor alle für den motorisierten Individualverkehr.
Warum?
Es gibt einfach Vorteile: Flexibilität, Transportmöglichkeiten, es ist bequemer, witterungsunabhängig, es gibt keine Störungen von Außen und manchmal spielt auch der Spaß am Fahren eine Rolle.
Wenn es seit der Pandemie einen Fokus auf das Auto gibt, ist dann künftig noch mehr Stau zu erwarten?
Das ist schwer zu sagen. Aber wenn die Stadt politisch das Ziel verfolgt, den motorisierten Individualverkehr weiter einzuschränken, wird die Situation nicht besser – Pop-up-Radwege und Ähnliches verschärfen hier unter Umständen die Situation.
Wo ist die Situation derzeit besonders schlimm?
Ein typisches Beispiel ist die Rosenheimer Straße. Sie ist eine große Ausfallstraße, die auf ein Tempo von 50 ausgelegt ist. Reduziert man wegen der neuen Radspur auf 30, passt das einfach nicht. Deshalb wird diese Geschwindigkeit von den Autofahrern schlecht eingehalten. Der objektive und subjektive Eindruck einer Straße muss übereinstimmen, um Fehlverhalten zu vermeiden.
Wie könnte man das besser machen?
Es ist eine alte Devise, dass es besser ist, die Verkehrsströme zu trennen und nicht zusammenführen, weil es einfach zu viel Konfliktpotenzial gibt. Eine Parallelstraße wie zum Beispiel die Balanstraße wäre viel besser für den Radverkehr geeignet.
Zurück zum ÖPNV. Was müsste sich dort ändern?
Der ÖPNV muss attraktiv sein. Da ist München insgesamt relativ schlecht aufgestellt. Es fehlen vor allem Querverbindungen.
Wie steht es um die Randbezirke?
Hier ist es besonders schlimm. Viertel wie Harlaching, Trudering, Solln oder auch die nördliche Peripherie haben da ein grundsätzliches Problem, weil man immer irgendwie über das Zentrum muss. Dort ist es relativ wahrscheinlich, dass stärker das Auto genutzt wird.

Fahrstunde für Senioren

Das Institut Mensch-Verkehr-Umwelt beschäftigt sich aktuell im Rahmen einer Studie mit der sicheren Verkehrsteilnahme im Alter. In den Pilot-Städten München und Ingolstadt können Senioren bei zwei etwa halbstündigen Fahrten im eigenen Fahrzeug ihre Fitness beim Autofahren testen. Begleitet werden sie dafür von Fahrlehrern, die anschließend eine ausführliche Rückmeldung zu ihren Stärken und Schwächen geben. Die Ergebnisse der Studie sollen helfen, solche Rückmeldefahrten bundesweit als Verkehrssicherheitsmaßnahme zu etablieren. Das kostenlose Angebot richtet sich an aktive Autofahrer ab 75 Jahren.

Infos und Anmeldung unter Telefon 0176/95 65 80 00 (werktags von 9.30 bis 12 Uhr) oder per E-Mail an info-mvu@gmx.de.

Mehr Fahrschüler in München: Viele müssen Stunden nachholen

Tatsächlich ist in Münchens Fahrschulen zur Zeit sehr viel los. Gegenüber Hallo berichten mehrere Schulen, dass sie derzeit besonders ausgelastet sind. „Ich kann bestätigen, dass sich mehr junge Leute für den Führerschein entscheiden und an uns wenden als in den vergangenen Jahren“, sagt etwa Jürgen Krumbein, Inhaber der Fahrschule Krumbein in der Maxvorstadt.

Dazu kommt die Pandemie selbst: Weil während des Lockdowns lange kein Fahrschulunterricht stattfinden konnte, müssen nun viele Stunden nachgeholt werden. Außerdem haben sich viele Fahrschein-Anwärter in dieser Zeit gar nicht erst angemeldet.

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