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Hoffnung nach der Hölle: Ergreifendes Schicksal einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie in München

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Die aus der Ukraine geflüchtete Familie Sobol lebt seit März in München. Der sechsjährige Sohn Jan leidet von Geburt an an zerebraler Kinderlähmung und Epilepsie.
Die aus der Ukraine geflüchtete Familie Sobol lebt seit März in München. Der sechsjährige Sohn Jan leidet von Geburt an an zerebraler Kinderlähmung und Epilepsie. © Daria Gontscharowa

Familie Sobol musste mit ihrem kranken Sohn aus der Ukraine über Ungarn nach Deutschland flüchten. Hier besteht medizinische Hilfe für den Bub. Die ergreifende Geschichte der Familie:

München - Sechs Tage Todesangst und eine kleine Odyssee durch Europa liegen hinter Mascha (30), Kostja (38) und ihrem Sohn Jan Sobol. Der Sechsjährige leidet seit seiner Geburt an zerebraler Kinderlähmung und Epilepsie, weshalb er nicht laufen kann und an den Rollstuhl gebunden ist. Doch nun scheint in München auf Kriegstrauma und Ungewissheit in mehrerlei Hinsicht ein Happy End zu folgen.

Ausgerechnet einen Tag vor Kriegsbeginn reiste die Familie aus ihrer mittlerweile ebenfalls zerstörten Heimatstadt Swatowe nach Charkiw. Dort bekam ihr Sohn Jan die notwendige medizinische Behandlung. Doch statt dieser schlugen am 22. Februar 2022 Bomben in Charkiw ein. „Es hat mehrere Explosionen gegeben und unser einziges Ziel war, die Stadt schnellstmöglich zu verlassen“, erinnert sich Kostja.

Das gelang der Familie jedoch erst nach sechs Tagen. Sechs Tage voller Angst. Vor allem vor der Frage, wer ihrem Sohn helfen würde, wenn es die Eltern nicht überleben. Doch ab dann meint es das Schicksal gut mit der Familie.

Ukrainische Flüchtlingsfamilie in München: Angst, dass Frauen ihn aus Zug dem werfen

Bei einem Kontrollpunkt am Bahnhof drückt ein Militärvertreter ein Auge zu und erlaubt Kostja, in den Zug nach Westen einzusteigen, um seinen kranken Sohn zu begleiten. Ein kleines Wunder, denn seit dem 24. Februar gilt für ukrainische Männer zwischen 18 und 60 Jahren ein Ausreiseverbot.

„Es war meistens stockdunkel im Zug, wir durften kein Handy benutzen, damit die Geolocation-Geräte den Zug nicht erwischen konnten. Viele Frauen im Zug waren auch aufgebracht, weil Kostja uns begleitet hat und ihre Männer im Land bleiben mussten. Ich fürchtete, dass sie ihn aus dem Zug rausschmeißen “, erinnert sich Mascha.

Von Lwiw aus reisten die Sobols nach Ungarn. In Budapest besorgte ihnen eine Flüchtlingshelferin die Tickets nach München. „Zuerst sind wir in einem Flüchtlingsheim in Laim untergebracht worden“, erzählt Kostja. Ein paar Tage später lernte die Familie Klaus Günter Stahlschmidt, den ehemaligen Kultpfarrer der katholischen Gemeinde Leiden Christi in Obermenzing, kennen, der mit seinem persönlichen Einsatz Menschen in Extremsituationen neue Lebensperspektiven eröffnet hat. „Der Pfarrer hat uns gesagt, dass wir bei ihm wohnen dürfen, aber nicht länger als zehn Jahre“, sagt Kostja und lächelt.

Ukrainische Flüchtlingsfamilie in München: In Deutschland fängt Sohn an zu lächeln

Seit dem Sommer besucht sein Sohn Jan einen Kindergarten bei dem Integrationszentrum für Zerebralparese. „In der Ukraine wollte keine Kindertageseinrichtung unser Kind aufnehmen, da es zusätzliche, individuelle Betreuung braucht. Die ganze Zeit war Jan bei uns“, sagt seine Mutter. Erst in Deutschland habe der Sechsjährige nun angefangen zu sprechen. Auch das Lächeln hat er erst vor Kurzem gelernt. Nun lächelt er viel und gerne.

Eine weitere tolle Nachricht hat die Familie von Münchner Kinderärzten bekommen: Es besteht die Chance, dass Jan gehen können wird – mit einer Gehhilfe. Langsam, aber selbstständig. Dafür wird der Sechsjährige im Mai operiert. Ein Orthopäde, der sonst nur Privatpatienten behandelt, ist der Familie entgegengekommen. Die Kosten für die Operation wird ausnahmsweise eine gesetzliche Krankenkasse tragen.

„Wir können unser Glück kaum fassen“, sagt Mascha und Kostja fügt hinzu: „Dass unser Sohn hierzulande die Hoffnung auf ein normales Leben hat, ist für uns ein Gottesgeschenk. Allen Menschen, die wir hier kennengelernt haben, sind wir von Herzen dankbar.“ Seit ein paar Monaten belegen die Eltern einen Sprachkurs und hegen die Hoffnung, dass sie ihre erlernten Berufe irgendwann wieder ausüben können. Mascha ist eine Krankenschwester, Kostja hat eine Zahntechniker- sowie Buchhalter-Ausbildung in der Ukraine absolviert.

„Das sind aber nur unsere Träume, die vielleicht in Erfüllung gehen werden. Unserem Sohn eine gute Zukunft zu ermöglichen, ist unser eigentlicher Wunsch, deswegen sind wir bereit, jeden angebotenen Job anzunehmen, um in Deutschland zu bleiben“, sagt Kostja entschlossen.

Flüchtlinge in München

Laut dem Kreisverwaltungsreferat München sind 17.813 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine im März in der Stadt angekommen. 3512 von ihnen sind bereits weggezogen.

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