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Studieren – eine Frage von Geld und Herkunft?
„Arbeiterkind“ übt Kritik und zeigt Möglichkeiten

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Von: Sabina Kläsener

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„Ich hatte große Lust, in neue Wissensgebiete einzutauchen“, erklärt Martina Kübler ihre Motivation für ein Studium.
„Ich hatte große Lust, in neue Wissensgebiete einzutauchen“, erklärt Martina Kübler ihre Motivation für ein Studium. © Andreas Gebert/dpa

Das Studium ist ein teures Unterfangen, daher beziehen einige Studenten Bafög. Doch dem Verein „Arbeiterkind“ geht das nicht weit genug...

Am Montag, 25. April, startet das neue Uni-Semester. Manche können sich das Studium nur mit staatlicher Unterstützung leisten – dem Bafög, das von Schülern und Studierenden beantragt werden kann. Von rund 132 000 Münchner Studenten erhielten im vergangenen Jahr 9780 Bafög. Ist also für über 90 Prozent der Studierenden alles in Ordnung? Oder läuft die Förderung an vielen, die es eigentlich bräuchten, vorbei?

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Das Bafög steht seit Jahren in der Kritik. Zu niedrige Sätze, zu strenge Kriterien. Nun hat die Ampel-Regierung es angepasst – allerdings erst ab dem kommenden Wintersemester. Und: Die Reform sei nicht ausreichend, kritisiert „Arbeiterkind“. In der gemeinnützigen GmbH engagieren sich seit 2009 Ehrenamtliche, die selbst meist Studierende oder Akademiker der ersten Generation sind, um mehr Arbeiterkinder zum Studium zu ermutigen.

Martina Kübler
Martina Kübler von Arbeiterkind. © Mara Fischer

Studium nur für „Eliten“ möglich?: Arbeiterkinder studieren seltener als Akademiker-Kinder

Der Hochschulreport zeige: 79 Prozent der Grundschüler aus Akademiker-Haushalten beginnen später ein Studium. Bei Nicht-Akademikern sind es nur 27 Prozent. Ihr Anteil an Studierenden liegt bei nur 47 Prozent. An den Grundschulen machen diese Kinder aber fast drei Viertel aus.

„Wir hören immer wieder von Studierenden, die sich wegen der zu hohen Wohnkosten gegen ein Studium in München entschieden“, erklärt eine Sprecherin. Da das Bafög nach wie vor kein Vollzuschuss sei, schrecken manche vor Schulden von bis zu 10 000 Euro zurück.

Eine „Exotin“ unter Promovierenden

Und wenn man an der Uni bleiben will? „Unter den Promovierenden sind kaum noch Arbeiterkinder“, erklärt die Sendlingerin Martina Kübler. Die 34-Jähirge studierte Anglistik und Wirtschaftswissenschaften, ist nun hauptamtliche Bundeslandkoordinatorin bei Arbeiterkind (www.arbeiterkind.de). „Für mich war schon als Kind klar, dass ein Studium der direkte Weg zu spannenden Erfahrungen sein würde: Ich hatte große Lust, in neue Wissensgebiete einzutauchen, interessante Leute kennenzulernen und meinen Horizont zu erweitern.“ Doch etwas anderes reizte sie auch: „Ich wollte ausprobieren, ob ich das schaffen kann, auch wenn in meiner Familie vorher noch niemand studiert hatte.“

Bei ihrem Studium stand der spätere Beruf nicht an erster Stelle, sondern „die persönliche Entwicklung, die einem ein Studium ermöglicht“. Man wachse an großen Herausforderungen, lerne, mit dem Scheitern umzugehen und sich ganz alleine in einer fremden Welt zurechtzufinden.

Rückblickend auf ihre Promotion sagt sie: „Da hat man mit dem eigenen Selbstbewusstsein zu kämpfen, hat keine Kontakte, kann sein Forschungsvorhaben nicht mal eben mit den Eltern am Küchentisch diskutieren.“ Das Unverständnis in der Familie wachse, warum man das jetzt „auch noch“ machen wolle, wenn damit nicht unbedingt bessere Berufschancen einhergingen. Eine akademische Karriere sei zu riskant. Nach der Promotion beginne der Kampf um wenige, zumeist befristete Stellen. „Dieses Risiko, nach so langer Qualifikationsphase vor dem Nichts zu stehen, muss man sich leisten können – und hier sind Menschen aus ökonomisch schwächeren Familien deutlich im Nachteil.“

Der Wohnkostenzuschlag wurde jetzt zwar um zehn Prozent erhöht. Das sei aber beispielsweise bei den sehr teuren Mieten in München zu wenig, heißt es seitens „Arbeiterkind“. Die Grenze für den anrechnungsfreien Zuverdienst wurde ebenfalls so erhöht, dass Minijobs nach der geplanten Erhöhung der Verdienstgrenze auf dann 520 Euro anrechnungsfrei bleiben.

Studium nur für „Eliten“: Hohe Mietkosten in München schrecken Studenten ab

Auch das geht den Vertretern von Arbeiterkind aber nicht weit genug: Wichtig wäre, dass die eigentlichen Förderungen so hoch seien, dass Studenten gar nicht zu einem Nebenjob gezwungen seien. Genau das fördere die Ungleichheit zwischen Studierenden aus Nicht-Akademiker- und Akademikerfamilien, die meist nicht auf Nebenjobs angewiesen seien.

Eindeutig positiv sei hingegen die angehobene Altersgrenze für den Studienbeginn von 30 auf 45 Jahre. „Das ist ein wichtiger Schritt, weil sich gerade Menschen nicht-akademischer Herkunft häufig später für ein Studium interessieren, etwa nach einer anfänglichen beruflichen Karriere“, so die Sprecherin.

Jenny Hansjürgen studiert als erste in der Familie und engagiert sich bei Arbeiterkind

Jenny Hansjürgen startet nun in ihr zweites Semester. Die 26-Jährige studiert Medizin – in ihrer Familie ist sie die erste, die eine Uni besucht. Auf dem zweiten Bildungsweg hat sie ihr Abitur gemacht. Corona war für sie ein Glücksfall: „Ich hätte vermutlich keinen so guten Schnitt geschafft, wenn ich nicht so viel mehr Zeit zu lernen gehabt hätte.“ Zeit, die sie beispielsweise durch den wegfallenden Schulweg gewonnen hat. Danach habe sie aktiv gesucht, wie sie es an die Uni schaffe. Dabei stieß sie auf Arbeiterkind. Auch Hansjürgen engagiert sich, weist auf Stipendien oder auf alternative Wohnformen wie „Wohnen für Hilfe“ hin. Beides nutzt sie selbst.

Jenny Hansjürgen studiert im zweiten Semester Medizin - und ermutigt andere Arbeiterkinder, es ihr gleich zu tun.
Jenny Hansjürgen studiert im zweiten Semester Medizin - und ermutigt andere Arbeiterkinder, es ihr gleich zu tun. © privat

In der Pandemie trifft sich die Münchner Arbeiterkind-Gruppe nur digital, was Hansjürgen erst das Engagement ermöglicht hat. „Ich wohne am Stadtrand, da wäre es eine große Hürde, für einen solchen Termin nochmal lange ins Zentrum zu fahren.“ Auch die Schulbesuche, bei denen sie das Thema bei Schülern präsenter machen, können dank digitaler Lösungen leichter umgesetzt werden – und auch mehr Menschen erreichen. Nun prüft die Gruppe, ob sie sich wechselnd digital und in Präsenz treffen wollen.

Für die 26-Jährige ist wichtig: „Nicht jeder muss studieren. Aber diejenigen, die studieren wollen, sollen nicht an Kleinigkeiten scheitern.“ Kleinigkeiten, wie drohende Strafen, weil man den komplizierten Bafög-Antrag falsch ausgefüllt hat. Es können aber auch andere Themen sein. „Am Anfang des Studiums war ich überfordert,“ erklärt Hansjürgen. Vieles war neu und sie unsicher, ob sie es richtig angeht. Ein Mentor hörte sich ihre Sorgen an, erklärte, wie er die Situation einschätzt. „Das hat mir schon geholfen.“

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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