Austritts-Stau in München

Wird 2021 ein Kirchen-Krisenjahr? Drei Münchner machen sich für den Glauben stark 

Kirchen-Nachwuchs: Steve Kennedy Henkel wirbt für seinen Beruf als Pfarrer.
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Kirchen-Nachwuchs: Steve Kennedy Henkel wirbt für seinen Beruf als Pfarrer.

In diesem Jahr gab es in München so viele Kirchenaustritte wie noch nie. Die Geschichte von drei Menschen, die in diesen Zeiten immer noch für den Glauben werben.

Schon über 11 000 Münchner haben heuer im ersten Halbjahr ihren „Vertrag“ gekündigt, sind aus der Kirche ausgetreten – ein Rekord! Eine Zahl, die das Kreisverwaltungsreferat (KVR) jetzt auf Hallo-Nachfrage mitgeteilt hat. Zum Vergleich: 2020 waren es in München im kompletten Jahr gut 13 500. Im bisherigen Rekord-Jahr 2019 15 854.

11 000 Austritte in sechs Monaten alleine in München bestätigen nicht die vermeintliche Trendumkehr, die die Kirchen aufgrund der vor kurzem veröffentlichten Zahlen für 2020 zu sehen glaubten. 440 000 Mitglieder traten bundesweit vergangenes Jahr aus einer der beiden großen Kirchen in Deutschland aus – im Vergleich zu 2019 gingen die Austritte um knapp ein Fünftel zurück.

Rekordzahlen in München: So viele Kirchenaustritte wie noch nie

War der verlangsamte Trend der Austritte also nur ein Corona-Effekt? Oder ist er gar auf einen Antragstau im KVR zurückzuführen? Es gibt auch Gegenbeispiele: Für drei junge Münchner ist ein Austritt keine Option. Hallo hat nachgefragt, was sie auch in der Kirchenkrise am Glauben hält.

Steve Kennedy Henkel wusste früh, dass Pfarrer sein Beruf ist: „Mit 16 war ich Jugendleiter, habe dann Theologie studiert und wurde vor zwei Jahren in München ordiniert.“ In der Evangelischen Erlöserkirche an der Münchner Freiheit ist Henkel für 400 Gemeindemitglieder, bei Instagram als „rev.stev“ für 6000 Follower erreichbar.

Er wirbt um Pfarrer-Nachwuchs: „Mein Beruf ist der schönste und abwechslungsreichste, ein Privileg. Als Regisseur gestalte ich Gottesdienste, im Alltag begegne ich unterschiedlichen Menschen, mal ist es Asche zu Asche, mal Glitzer zu Glitzer.“ Mit Schweigepflicht und Beichtgeheimnis sieht er Kirche als sicheren Ort: „Die LGBTQ-Gemeinde ist willkommen.“ Skandale beschönigt er nicht: „Das ist die sehr dunkle Seite. Es liegt an uns, dass es da hell wird!“

Kirchenaustritte in München: Diese Personen werben für den Glauben

Auch Pastoralreferentin Clara Schönfelder arbeitet seit fünf Jahren hauptberuflich für die katholische Kirche: „Meine Vision für die Zukunft ist, dass alle Mitglieder sie aktiv mitgestalten, wir eine Gemeinschaft werden, in der sich jeder Mensch willkommen fühlen kann.“ Eben hat sie in Obermenzing 65 Firmlinge begleitet: „Als Seelsorgerin in Leiden Christi begeistert mich der Kontakt zu Menschen in verschiedenen Lebenssituationen und jeden Alters. Ich kann ihnen als Person und aus meinem Glauben heraus zur Seite stehen.“

Pastoralreferentin Clara Schönfelder widmet sich beruflich der Kirche.

Fabian Schäfer hat sich bewusst vor zwei Jahren für Kirche entschieden: „Es war ein Sprung ins Ungewisse.“ Davor hatte der Schwabinger mit Glauben und Kirche nichts zu tun: „Meine Eltern sind Naturwissenschaftler, wir hatten keine Bibel, waren nie in Gottesdiensten.“ Im Studium las er Kant, Hegel, Wittgenstein, fragte: „Wer ist verantwortlich für Entstehung, Sinn, Glauben und was die Welt zusammenhält? Da wurde mir die Dimension, meine Religiosität erst bewusst.“ Heute betreut er in St. Ursula die Rosenkranz-Gebete und eine Wallfahrt. Der Kirche wünscht er „mehr Selbstvertrauen und glaubwürdige Kirchenvertreter“.

Fabian Schäfer hatte früher nichts mit der Kirche zu tun - heute ist ihm „die Dimension“ des Glaubens bewusst.

Für Martin Luy kam ein Austritt trotz Zweifeln nicht in Frage – er war Katholik, ist jetzt Protestant: „Wichtig ist mir: Ich will mich in der Kirche vertreten sehen, mich verstanden fühlen.“

Martin Luy ist nicht aus der Kirche ausgestiegen - konvertiert ist er trotzdem.

Kirchenaustritte in München: Drei Monate Wartezeit

Schnell mal aus der Kirche austreten? Das ist in München nicht so einfach möglich. Beim zuständigen Kreisverwaltungsreferat und den Standesämtern gibt es derzeit so lange Wartezeiten, wie noch nie zum Kirchenaustritt in München. Bis zu drei Monate dauert es, bis man einen Termin erhält. Persönlich, mit Vorlage des Personalausweises muss vorgesprochen werden, für die Niederschrift wird eine Gebühr von 25 Euro fällig. Wer sich schriftlich abmelden will, muss eine notariell beglaubigte Unterschrift vorlegen. Eine standesamtliche Bescheinigung über die Wirksamkeit des Austritts kostet zehn Euro.

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