Vorbereitungen für Jubiläum – Neuhauser blicken zurück

Olympia 1972 in München: „Es war eine gnadenlose Zeit“

Die herrschaftliche Villa an der Arnulfstraße 87 wurde 1972 abgebrochen.
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Die herrschaftliche Villa an der Arnulfstraße 87 wurde 1972 abgebrochen.

Die Vergabe der Olympischen Spiele nach München gab der Stadt einen Schub. Oftmals in sehr positiven Dinge, da viel modernisiert wurde. Es gab aber auch Schattenseiten.

  • Erste Vorbereitungen zu 50 Jahre Olympische Spiele in München
  • Auch in Neuhausen veränderte sich die Stadt im Vorfeld der Spiele
  • Viertelpolitikerin erinnert sich an ihre Zeit als Olympia-Hostess

Wie keine andere internationale Veranstaltung haben die Olympischen Spiele 1972 München geprägt, schreibt das Kulturreferat. Das bereitet aktuell die Feier zum Jubiläum vor. Vom 1. bis 9. Juli 2022 ist ein Festival geplant, inklusive Parade am 2. Juli. Lokale Initiativen, besonders aus den an den Olympiapark angrenzenden Vierteln, wurden aufgerufen, Ideen einzureichen.

Kulturschaffende können sich bis Mittwoch, 22. September, mit Konzepten einbringen. Laut Sprecherin Jenny Becker gingen bereits Ideen und Anmeldung ein. Bei den Bezirksausschüssen 9 und 11 gab es hingegen wenig bis keine Rückmeldung, außer, dass es noch etwas früh für Planungen sei. Anfang Oktober will das Kulturreferat das weitere Vorgehen erklären, eventuell mit erneuter Beteiligung der Öffentlichkeit.

Olympia 1972 - Denkmalschutz noch nicht gesetzlich festgehalten

Sportlich war Neuhausen wenig involviert – ausgenommen Dressur-Reiten im Schlosspark, Wasserball im Dantebad und die Marathon- beziehungsweise Geher-Strecken, die durch das Viertel führten. Als „gnadenlose Zeit“ beschreibt Franz Schröther von der Geschichtswerkstatt Neuhausen die Jahre vor den Spielen.

Damals wurde erwartet, dass die Bevölkerung wächst. Einfamilien- mussten für Mehrfamilienhäuser weichen. „Die Nähe zum späteren Olympiapark war ein Verkaufsargument.“ Für das Stadtbild sei das schlecht gewesen. „Monetär wurde viel verdient, aber auf Kosten von Baukultur.“ So wurde 1972 die herrschaftliche Villa an der Arnulfstraße 87 (Titelbild) für einen Neubau abgerissen – ebenso bei der Nymphenburger Apotheke an der Romanstraße 81. Ein Gesetz zum Denkmalschutz wurde erst 1973 erlassen.

So hat sich Neuhausen im Vorfeld von Olympia 1972 verändert

Früher stand an der Arnulfstraße 87 eine herrschaftliche Villa.
Früher stand an der Arnulfstraße 87 eine herrschaftliche Villa. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Diese musste im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 einem Neubau weichen.
Diese musste im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 einem Neubau weichen. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Um 1960 entstand dieses Foto von der Donnersbergerstraße 58.
Um 1960 entstand dieses Foto von der Donnersbergerstraße 58. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
1970 musste der Block Platz machen für die Donnersbergerbrücke.
1970 musste der Block Platz machen für die Donnersbergerbrücke. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Das Bild von 1927 zeigt das Wirtshaus samt idyllischem Biergarten an der Klugstraße 21.
Das Bild von 1927 zeigt das Wirtshaus samt idyllischem Biergarten an der Klugstraße 21. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
1920 von Löwenbräu gekauft, erfolgte 1970 der Abbruch, für neue Wohnungen „in direkter Nähe des Olympia-Parks“, so ein damals typisches Verkaufsargument.
1920 von Löwenbräu gekauft, erfolgte 1970 der Abbruch, für neue Wohnungen „in direkter Nähe des Olympia-Parks“, so ein damals typisches Verkaufsargument. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
An der Lachnerstraße 9 trohnte die Villa Schießl, erbaut von Theodor Fischer, dem „besten Architekten in München“, erklärt Franz Schröther von der Geschichtswerkstatt Neuhausen.
An der Lachnerstraße 9 trohnte die Villa Schießl, erbaut von Theodor Fischer, dem „besten Architekten in München“, erklärt Franz Schröther von der Geschichtswerkstatt Neuhausen. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Nach dem Abbruch 1972 wurden Mehrfamilienhäuser errichtet. Ein Gesetz zum Denkmalschutz wurde erst 1973 erlassen.
Nach dem Abbruch 1972 wurden Mehrfamilienhäuser errichtet. Ein Gesetz zum Denkmalschutz wurde erst 1973 erlassen. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Als „Halbstarkenlokal“ bezeichnet Franz Schröther die damalige Wirtschaft an der Nymphenburger Straße 112.
Als „Halbstarkenlokal“ bezeichnet Franz Schröther die damalige Wirtschaft an der Nymphenburger Straße 112. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Der Abbruch erfolgte 1969, heute hat die Allianz dort Büros.
Der Abbruch erfolgte 1969, heute hat die Allianz dort Büros. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Die roten Häuser an der Renatastraße 6 bis 8 waren der erste soziale Wohnungsbau in München. Es waren kleine Wohnungen, mit einem Gärtchen für jeden – eine kleine Idylle, sagt der Stadtteilhistoriker.
Die roten Häuser an der Renatastraße 6 bis 8 waren der erste soziale Wohnungsbau in München. Es waren kleine Wohnungen, mit einem Gärtchen für jeden – eine kleine Idylle, sagt der Stadtteilhistoriker. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Und so sieht es heute an der Renatastraße aus. „Heute hätte man zumindest eins der Häuser stehen lassen“, sagt Schröther über den Abbruch 1970.
Und so sieht es heute an der Renatastraße aus. „Heute hätte man zumindest eins der Häuser stehen lassen“, sagt Schröther über den Abbruch 1970. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Nochmals die „roten Häuser“, diesmal an der Schlörstraße, wie sie 1968 noch aussah.
Nochmals die „roten Häuser“, diesmal an der Schlörstraße, wie sie 1968 noch aussah. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Zwei Jahre später entstand ein moderner Wohnblock.
Zwei Jahre später entstand ein moderner Wohnblock. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Die Romanstraße 21 zierte früher ein neoklassizistisches Gebäude.
Die Romanstraße 21 zierte früher ein neoklassizistisches Gebäude. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Auch dieses Gebäude wich 1972 einem Mehrfamilienhaus.
Auch dieses Gebäude wich 1972 einem Mehrfamilienhaus. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
In direkter Nachbarschaft stand an der Romanstraße 18 eine großbürgerliche Villa.
In direkter Nachbarschaft stand an der Romanstraße 18 eine großbürgerliche Villa. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Deren Abriss 1970 bezeichnet der Viertelhistoriker als „massiven Eingriff“.
Deren Abriss 1970 bezeichnet der Viertelhistoriker als „massiven Eingriff“. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
Der Hügel an der Romanstraße 81 hat eine abwechslungsreiche Vorgeschichte. Von 1890 bis 1916 stand dort eine Alm, die zum Volksgarten – einem Vergnügungspark – gehörte. Danach nutzten Kinder die kleine Anhöhe zum Schlittenfahren, bevor dort ein Haus entstand und eine Apotheke einzog.
Der Hügel an der Romanstraße 81 hat eine abwechslungsreiche Vorgeschichte. Von 1890 bis 1916 stand dort eine Alm, die zum Volksgarten – einem Vergnügungspark – gehörte. Danach nutzten Kinder die kleine Anhöhe zum Schlittenfahren, bevor dort ein Haus entstand und eine Apotheke einzog. © Geschichtswerkstatt Neuhausen
1972 ging ein weiteres Kapitel zu Ende – die Apotheke jedoch blieb. Der „Hügel“ ist nun im Innenhof.
1972 ging ein weiteres Kapitel zu Ende – die Apotheke jedoch blieb. Der „Hügel“ ist nun im Innenhof.  © Geschichtswerkstatt Neuhausen

Auf einmal Hostess - Viertelpolitikerin erinnert sich an „ihre“ Spiele 1972

Ganz besondere Erinnerungen an Olympia 1972 hat Barbara Schmitt-Walter. Die Viertelpolitikerin aus Neuhausen-Nymphenburg war als damals 27-Jährige Hostess. „Ich habe eine Schulung gemacht, um den PC bedienen zu können.“ Im Rang einer Chefhostess hatte sie überall Zugang, wo ein Computer stand. Damals gab es fünf, um auf Anfrage Listen, beispielsweise von Mannschaften, abzurufen. „Doch es kamen wenige, auch weil es neu war.“

Barbara Schmitt-Walter als Hostess bei den Olympischen Spielen 1972.

Um Hostess zu werden, sollte man zwischen 20 und 30 Jahre alt sein und drei Sprachen sprechen. „Ich hatte mich eigentlich nicht beworben.“ Doch einen Monat vor den Spielen wurden noch Hostessen gesucht. „Ich hatte Jura studiert und war Dolmetscherin für Recht und Politik.“ Ihr Mann war ursprünglich dagegen. „Ich habe ihm Eintrittskarten in Aussicht gestellt“, erzählt sie lachend. Für ihren damals vierjährigen Sohn habe sie ein Au-Pair bekommen. „Am Ende konnte ich ihn mit zur Arbeit nehmen.“ Den olympischen Geist habe man in der Stadt gespürt. Bei der Eröffnungsfeier habe das Stadion gebebt, ebenso beim Hochsprung-Sieg von Ulrike Meyfahrt. „Umso trauriger war ich nach dem Attentat.“ Über die wohl bekannteste Hostess und heutige Königin von Schweden, Silvia Sommerlath, will sie nur sagen, dass sie sie kannte.

Barbara Schmitt-Walter arbeitete bei Olympia 1972 als Hostess.

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