Neue Ausstellung über Widerstandskämpferin

Sophie Scholl: „Sag nicht, es ist für‘s Vaterland.“

Vor dem Haupteingang der Ludwig-Maximilians-Universität erinnert ein Bodendenkmal an die Flugblätter der Weißen Rose.
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Vor dem Haupteingang der Ludwig-Maximilians-Universität erinnert ein Bodendenkmal an die Flugblätter der Weißen Rose.

Am 9. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Ihr Name steht sinnbildlich für den Widerstand gegen die NS-Diktatur. Eine neue Wanderausstellung „Sophie Scholl und die Weiße Rose“ widmet sich auf 14 Bannern verschiedenen Stationen ihres Lebens.

  • Am 9. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden
  • Eine neue Ausstellung beleuchtet das Leben der Widerstandskämpferin
  • Hallo stellt ausgewählte Aspekte vor - und hat mit Hildegard Kronawitter, der Vorsitzenden der Weiße Rose Stiftung, gesprochen

Die Hoffnung: dass die Zitate, die Bilder, die Texte nach dem Besuch weiter in den Menschen arbeiten. Biografin Maren Gottschalk steuerte die Texte für die Ausstellung bei: „Die Herausforderung war, die Essenz von Sophie Scholl in der Kürze zu zeigen.“ In Hallo erläutert sie ausgewählte Aspekte auf Sophie Scholls Weg zur Heldin des Widerstands. Die Ausstellung wird nach Stationen im Geschwister-Scholl-Studentenheim und dem Sophie-Scholl-Gymnasium Ende April nach Ulm weiterziehen. Hallo verlost die von Maren Gottschalk geschriebene Biografie „Sophie Scholl – Wie schwer ein Menschenleben wiegt“.

Begeistert vom NS-Gemeinschaftsideal

Elf Jahre alt war Sophie Scholl, als die Nazis an die Macht kamen. Begeistert trat sie, wie ihre drei älteren Geschwister Inge, Hans und Elisabeth, in die Hitlerjugend (HJ) ein. Das propagierte Gemeinschaftsideal sprach die Scholl-Geschwister an. „Für uns ist es spannend zu sehen, dass Sophie nicht von Anfang an dagegen war, dass sie in die gleiche Falle getappt ist, obwohl die Eltern dagegen waren“, erklärt Biografin Maren Gottschalk. „Die Nazis wussten zu verführen.“ Der Bund Deutscher Mädel, der weibliche Zweig der HJ, bot Mädchen ungekannte Möglichkeiten, wie ein eigenes Zeltlager zu organisieren. Auch dass Sport und Spiele auf dem Programm standen, entsprach Sophies Naturell. 

Ein Mensch mit Ecken und Kanten

„Sophie Scholls Marmorbild in der Walhalla zeigt glatte Oberflächen, aber sie hatte Ecken und Kanten, was sie auch interessant und als Mensch greifbarer macht“, erklärt Biografin Maren Gottschalk. Ihr Denken zeugte auch von inneren Widersprüchen. Erkennen kann man das an ihrem Tagebuch und ihren Briefen, der Beziehung zu Fritz Hartnagel, den Sophie 1937 kennenlernt: „Mit Fritz verbindet Sophie eine lange Liebesbeziehung und für uns sind ihre Briefe eine wichtige Quelle.“ Sie sucht die Nähe, will sich aber auch distanzieren. „Eventuell war es für die 17-Jährige zu früh, eine so ernste Beziehung zu führen.“ Bemerkenswert ist, welchen Einfluss die vier Jahre jüngere Sophie auf den Offiziers­anwärter hat und dessen Einstellung zum Soldatentum und Krieg verändert.

Ein Grund für die inneren Widersprüche war auch Sophies Glaube. „Zum einen ging es um die Ethik, das christliche Menschenbild, den Wert jedes Menschenlebens.“ Zum anderen war da ihr persönlicher Glaube, „sich aufgehoben zu fühlen bei Gott, worum sie ihr Leben lang gekämpft hat.“

Sophie Scholls Büste in der Walhalla.

Hunger auf das Leben

Von klein auf hatte Sophie Scholl großen Lebenshunger. „Sie war ein sehr sinnlicher Mensch, wollte sich spüren“, erklärt Biografin Maren Gottschalk. Sophie hatte einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Wie ihr Tagebuch zeigt, war sie zudem selbstkritisch, hinterfragte sich. Sie schreibt ihrem Freund Fritz Hartnagel: „Wir haben alle unsre Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Auch das ist ein Zug von Sophie Scholl, den Gottschalk in deren Kindheit ausmacht: Sie hält sich für besonders schlau und damals vielleicht auch für schlauer als ihre Geschwister. „Ein paar Jahre später wird sie sich für ihre Arroganz schämen“, erklärt Gottschalk. Das sei ein Stück weit auch Familienerbe, da die Eltern ihre Kinder dazu erzogen haben. „Man muss auch nicht alles an Sophie Scholl sympathisch finden.“

Es regt sich Widerstand in ihr

„Der Kriegsbeginn macht uns deutlich, dass sie Gegnerin der Nazis ist“, erklärt Biografin Maren Gottschalk. Sophie schreibt ihrem Freund Fritz Hartnagel: „Ich kann es nicht begreifen, daß nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von andern Menschen. [...] Sag nicht, es ist für’s Vaterland.“ Gibt es den einen Auslöser, dass sie aktiv wird? Nein. „Da haben mehrere Sachen zusammengespielt: der erzwungene Reichsarbeitsdienst, ihr Vater musste ins Gefängnis, ein Freund fällt im Krieg.“ Die regimekritischen Predigten von Bischof Clemens von Galen auf Flugblättern zeigen ihr: „Man kann auch etwas machen.“

Die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose gehen auf Hans Scholl und Alexander Schmorell zurück. Gottschalk wirft ein: „Das Thema war für Sophie aber schon vor dem ersten Flugblatt auf dem Tisch. Manches weiß man nicht ganz genau, aber schon im Mai 1942 war sie bereit, sich illegal zu engagieren.“ Bei Treffen in der Gruppe hält sich Sophie am Rande, hört zu. „Wenn sie mit Hans alleine war, wird sie deutlich ihre Meinung geäußert haben.“

Hans Scholl

Ein Zeichen, das Wellen schlägt

Bei der letzten Flugblatt-Aktion gehen Hans und Sophie Scholl ein großes Risiko ein, werden festgehalten und der Gestapo übergeben. Diese verhört die Geschwister getrennt voneinander stundenlang. Die Beweise sind erdrückend, Hans gesteht. Auch Sophie entzieht sich nicht der Verantwortung. Beide wollen die restlichen Beteiligten schützen. „Dort entfaltet sich, wofür Sophie steht“, erklärt Biografin Maren Gottschalk. Ihre Klarheit liest man in den Verhörprotokollen, auch wenn es keine Transkripte sind. „Man kann davon ausgehen, dass bei ihren Überzeugungen ihre Formulierungen übernommen wurden.“ Sie ist ganz entschieden. „Das ist der Punkt, warum sie so berühmt ist, da jeder verstanden hätte, wenn sie sich rausgeredet hätte, um ihr Leben zu retten. Das kann nicht jeder.“ Sie glaubte, sie würde damit ein Zeichen setzen, das Wellen schlagen werde. 

Hildegard Kronawitter im Interview: Ein junges Leben, das brutal hingerichtet wurde

Vor dem Haupteingang der Ludwig-Maximilians-Universität erinnert ein Bodendenkmal an die Flugblätter der Weißen Rose. Die DenkStätte am Lichthof widmet sich dem studentischen Widerstand. Betrieben wird sie von der Weiße Rose Stiftung um Vorsitzende Hildegard Kronawitter, die hier ihre Sicht auf Sophie Scholl erklärt.

Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung, in der DenkStätte im Lichthof der LMU.

Frau Kronawitter, welche Bedeutung hat Sophie Scholl heute?

Als Weiße Rose Stiftung dürfen wir erfahren, dass sie auch heute präsent ist, dass sich junge Menschen für sie interessieren. Sophie Scholl regt an, darüber nachzudenken, wie die Diktatur damals gewesen ist. Wir sind überrascht wie aktuell das Thema ist.

Warum können sich Menschen heute noch mit ihr identifizieren, sie sich als Vorbild nehmen?

Die Botschaft, die bis heute mit ihr und der Weißen Rose verbunden wird, ist zeitlos: Zivilcourage, Verantwortung übernehmen, tolerant sein. Werte, die losgelöst von der Zeit, dem historischen Kontext Gültigkeit haben. Das sind zeitübergreifende Lehren.

Über die Art, wie an Geschichte erinnert werden soll, wird seit Jahren debattiert. Wie sind Sie die Ausstellung angegangen?

Als wir die Ausstellung erarbeitet haben, war Leitschnur, wie wir die Biografie in der heutigen Zeit vermitteln können: durch authentische Texte und Fotos. Die Zielgruppe sind junge Menschen, deren Mediengebrauch haben wir uns angepasst. Die Jungen wollen angesprochen werden.

Kürzlich sind neue Biografien erschienen. Wie ordnen Sie diese ein?

Neu ist, wie umfassend recherchiert wurde. Für die neuen Biografien war entscheidend, dass sie historisch gründlich gearbeitet wurden. Dafür muss bei einem solchen Thema, das gut zu überprüfen ist, der Ehrgeiz da sein.

Haben Sie durch die Ausstellung und die Biografien einen neuen Blick auf Sophie bekommen?

Wir haben ein Banner „Liebe zu Fritz“. Das klingt etwas prosaisch. Wir wollten diese Liebe zwischen einem 16-jährigen Mädchen und einem jungen Soldaten zeigen und wie diese in ihren Briefen kommunizieren. Das war bewegend nachzuvollziehen, wie sich beide in den Jahren ihres langen Austausches ab dem Kennenlernen beeinflusst haben. Wenn man hingegen heute auf SMS und WhatsApp schaut, wird man solches Miteinander später nicht überprüfen können. Es ist etwas Kostbares, ein Schatz, durch den man einen Einblick bekommt.

Die Briefe zeugen von gereiften Gedanken, die zu Papier gebracht wurden.

Und das obwohl sie auch oftmals schnell geschrieben wurden. Sehr beeindruckt hat Sophies Ausdrucksfähigkeit. Diese Briefe zeigen, dass sie schon in jungen Jahren neben ihren anderen Talenten, wie dem musikalischen, auch sprachlich begabt war.

Die Biografien zeigen auch Zwischentöne von Scholls Leben und Denken, neue menschliche Anknüpfpunkte, um sich der Widerstandskämpferin zu nähern.

Auch das wollten wir zeigen. Es war ein sehr junges Leben, das brutal hingerichtet wurde. In ihm spiegelt sich eine bemerkenswerte Entwicklung. Heute ist es spannend zu sehen, welche Konflikte sie damals aus­trug, wie ihr Weg zur Widerstandskämpferin war.

Auf einer Demo von Querdenken wurde Sophie Scholl als Referenz für Widerstand missbraucht. Wie bewerten Sie das?

Da ist spontan Empörung da. Wie kann man es wagen? Auf den zweiten Blick irritiert es: Warum erkennen Menschen den Unterschied nicht zwischen einem Rechtsstaat, der freie Meinungsäußerung erlaubt, und einer Diktatur, die diese unterdrückt. Die mörderische Diktatur sah durch freie Meinung ihre Stabilität gefährdet. Diesen Unterschied müssen wir betonen.

Wie stehen Sie zu der seit Jahren bestehenden Forderung nach Stolpersteinen zum Gedenken?

Ich verstehe das Bemühen, aber ich möchte auch auf den Kompromiss der Stadt in Form der Stelen hinweisen, der für mich akzeptabel ist und dem Bemühen als Lösung gegenübersteht.

Was bedeutet Sophie Scholl für Sie persönlich?

Für mich ist Sophie Scholl eine junge Frau, deren Entwicklung ich gerne nachvollzogen habe, wie sie zu ihrer eigenen Meinung gefunden, keine Ausflucht gesucht hat. Ihre Standhaftigkeit imponiert ebenso wie ihr Mut, beides darf man nicht von jedem erwarten.

100 Jahre Sophie Scholl: So wird in München gefeiert

100 Mädchen und junge Frauen wollen am Sonntag, 9. Mai, ab 11 Uhr 100 Minuten lang mit einer ruhigen Gedenkperformance auf dem Königsplatz ein Zeichen setzen. Die Veranstaltung wird gestreamt. Ab 18 Uhr sprechen Autor Hermann Vinke, Peter von Rüden, Hildegard Kronawitter und Studierende unter dem Titel „Das kurze Leben der Sophie Scholl – Gedanken zur Erinnerungskultur“ im Geschwister-Scholl-Studentenwohnheim, Steinickeweg 7. Auch zu dieser Veranstaltung gibt es einen Stream.

Weitere Aktionen rund um den Geburtstag:

3. Mai: DenkMalAmOrt zeigt Videos unter anderem zu Sophie Scholl mit Gesprächen mit Thomas Hartnagel, Joachim Baez und Hildegard Kronawitter. Weitere Informationen zu und Videos von DenkMalAmOrt, Facebook und Instagram: @denkmalamort.

Ab 4. Mai: Start der szenisch-dokumentarischen Instagram-Serie „Ich bin Sophie Scholl“ (kann ab sofort abonniert werden: @ichbinsophiescholl). Die Serie richtet sich an ein junges Publikum und gibt Einblick in die letzten Monate im Leben Sophie Scholls. Produziert für SWR und BR. Beratende Unterstützung: Weiße Rose Stiftung e.V.

8. Mai, 19:20 Uhr: 3sat: Ausstrahlung des Films „Sophie Scholl – Das Gesicht des besseren Deutschlands“ mit Interviews von Hildegard Kronawitter, Maren Gottschalk u.a.

9. Mai, 11 Uhr: Gottesdienst zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl von Kirchenrat Björn Mensing, Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

(ab) 9. Mai: Aufführung der Graphic Opera „Weiße Rose“ nach Udo Zimmermanns Kammeroper an der Staatsoper Hamburg (die filmische Umsetzung vereint Oper (gefilmte Sänger:innen) und Film (gezeichnete Animationen)). Webseite: www.staatsoper-hamburg.de/de/stream/weisse-rose.php Erstausstrahlung bei Arte ab 23:40 Uhr 

9. Mai: Video-Post zu Sophie Scholl auf der Facebook-Seite der Deutschen Botschaft Washington unter www.facebook.com/GermanyinUSA und auf Instagram @germanyinusa.

9. Mai, 19:30 Uhr: ARDalpha: Beitrag im Format „Respekt“ zu Sophie Scholl mit Markus Schmorell, Schülerinnen des Sophie Scholl-Gymnasiums München u.a.

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