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Herz-Drama um den kleinen Henri (4)

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Glücklich nach der OP: Henri (4) und seine Familie freuen sich, dass es dem kleinen Patienten wieder gut geht.
Der kleinen Herzpatient Henri aus München © Markus Götzfried

Angeborene Herzfehler können sehr gefährlich sein. Etwa 0,8 bis ein Prozent der Neugeborenen sind betroffen, erklärt der Kinderherzchirurg Prof. Jürgen Hörer vom Deutschen Herzzentrum München. Zusammen mit seinem Team operiert er pro Jahr rund 500 Kinder mit Herzfehlern. Einer davon ist der vierjährige Henri.

„Hier kenne ich mich aus, hier war ich schon“, sagt Henri Kretschmer stolz und spaziert lächelnd ins Herzzentrum hinein, verfolgt interessiert, wie seine Eltern ihn und die kleine Schwester Helena, beinahe zwei Jahre alt, anmelden. Gerade mal neun Wochen ist es her, als er hier am Herzen operiert wurde. Angst vor der Operation hat er nicht gehabt, sagt der Vierjährige. Schließlich sind seine beiden Eltern auch Ärzte und die haben ihm anhand einer Puppe erklärt, was bei ihm operiert wird. „Das fand er total faszinierend“, sagt Vater Dr. Alexander Kretschmer, der selbst Urologe ist.

Mutter Dr. Julia Kretschmer-Schick, eine Hals-Nasen-Ohrenärztin, weiß, wie wichtig eine gute Vorbereitung auf die OP ist. Ob das Kind Angst hat vor der Operation oder ob es – wie Henri – voller Vertrauen in Krankenhaus geht, das können die Eltern beeinflussen, sagt sie: „Sind die Eltern ruhig und auch ehrlich zu dem Kind, dann überträgt sich das“, sagt sie. Natürlich habe sie sich gesorgt, dass ihr kleiner Sohn am Herzen operiert werden musste. „Aber ich hatte drei Jahre Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen, und als dann der OP-Termin feststand, war ich vor allem froh darüber, dass wir es dann hinter uns haben“, sagt sie. Zwar war die Operation nicht dringend, aber notwendig.

Henri wurde mit einem Loch zwischen den Vorhöfen geboren. Bemerkt hat man es, als er mit acht Monaten hohes Fieber bekam. „Es bestand der Verdacht auf ein Kawasaki-Syndrom“, erinnert sich Vater Alexander Kretschmer. Das Kawasaki-Syndrom ist eine entzündliche Erkrankung der Herzkranzgefäße, die bleibende Herzschäden hinterlassen kann. Um dieses auszuschließen, veranlassten die Ärzte ein EKG (Elektrokardiogramm), bei dem man die elektrische Aktivität des Herzen maß, und ein Herzecho, mit dem sich Fehlbildungen des Herzens feststellen lassen. In Bezug auf das Kawasaki-Syndrom gab es Entwarnung, aber man stellte das Loch in der Herzscheidewand fest. Diese Organfehlbildung ist recht häufig – je größer das Loch ist, desto empfehlenswerter ist eine Operation. Schließt man es nicht, kann das vor allem im Erwachsenenalter zu Problemen führen. „Im schlimmsten Fall erhöht sich der Blutdruck in der Lunge und übersteigt den in der Hauptschlagader – dann hilft nur noch eine Transplantation“, erklärt Professor Hörer.

Operiert man das Loch. haben die Patienten eine normale Lebensqualität und eine normale Lebenserwartung, erklärt Prof. Hörer. Bei Henri merken die Eltern schon jetzt kurz nach der Operation eine Veränderung: Er isst mehr und ist viel aktiver als zuvor, freut sich sein Vater. Schon sechs Tage nach dem Eingriff konnte der Bub die Klinik verlassen. „Wir sind sehr dankbar und erleichtert“, sagt Mama Julia Kretschmer-Schick: „Der Eingriff schwebte wie ein Damoklesschwert über uns. Jetzt hat alles bestens geklappt und Henri gilt als gesund – wie schön!“

So funktioniert die minimalinvasive Operation

Ein Oktopus hat drei Herzen – ein großes für den Körperkreislauf und zwei kleinere für die Kiemen. Beim Menschen ist der Aufbau des Herzens wesentlich komplexer, erklärt der Kinderherzchirurg Prof. Jürgen Hörer und zeigt seinem kleinen Patienten Henri ein Herzmodell. Der Vierjährige staunt über dessen Größe und – klar – sein Kinderherz ist natürlich wesentlich kleiner. Aber es wächst – so wie Henri auch – und funktioniert jetzt einwandfrei so wie ein gesundes Herz.

Prof. Jürgen Hörer mit einem Herzmodell. Der Kinderherzchirurg operiert jährlich 500 Herzen.
Kinderherzchirurg Prof. Jürgen Hörer, Herzzentrum München © Markus Götzfried

„Was viele nicht wissen; Der Mensch hat zwei Pumpen und zwei Kreisläufe, den für die Lunge und den für den Körper“, erklärt Prof. Hörer. Die Pumpkammern sind in einem Organ verbunden. Bei einem gesunden Herzen sind der Lungen- und der Körperkreislauf quasi hintereinander geschaltet. Das Blut wird dabei aus der rechten Herzkammer (rechter Ventrikel) in die Lunge gepumpt und kommt mit Sauerstoff beladen zurück zum Herzen, und zwar auf dessen linke Seite. Dann wird es aus der linken Herzkammer in den Körper gepumpt, der so mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Bei Henri aber funktionierte das nicht so, da ein Loch in der Vorhofscheidewand Blut von der linken Herzseite dann zurück in die rechte strömen ließ. In der Fachsprache heißt der Herzfehler von Henri Vorhofseptumdefekt, diese Art von Fehlbildung macht ca. 17 Prozent aller angeborenen Herzfehler aus.

Dieses Loch haben alle ungeborenen Kinder im Mutterleib, aber im Normalfall schließt es sich. Passiert dies nicht, arbeitet das Herz nicht richtig. Bei jedem Herzschlag fließt eine große Menge Blut über den Vorhofseptumdefekt von links nach rechts. Man kann das sogar mit dem Stethoskop hören, denn es rauscht, wenn sich dann zu viel Blut durch eine normal große Schlagader zur Lunge quetschen muss, erklärt Prof. Hörer. Oftmals merken die Betroffenen selbst nichts von dem Defekt. Aber ist das Loch sehr groß, vergrößert sich das rechte Herz und langfristig kann ein gefährlicher Lungenhochdruck entstehen.

Während der Operation wurde Henri an einer Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die Herzfunktion ersetzt und das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt. Der Vorhofseptumdefekt wurde verschlossen. In den meisten Fällen kann der Eingriff heutzutage – wie bei Henri – minimalinvasiv über einen Schnitt zwischen den Rippen durchgeführt werden.

Dass Henri nach der Operation sehr schnell, wieder fit war – er blieb nur eine Nacht auf der Intensivstation –, hat er auch der schonenden Operationsmethode zu verdanken: Prof. Hörer verwendete einen minimalinvasiven lateralen Zugangsweg – und zwar mittels eines vier Zentimeter langen Schnitts unter dem Arm. Früher öffnete man die Brust vorne am Brustbein, diesen Zugangsweg nennt man in der Fachsprache eine Sternotomie. Da hierbei Knochen durchtrennt werden, dauert die Heilung natürlich wesentlich länger – auch gibt es größere Narben. „Wenn es geht, vermeiden wir diesen großen Schnitt und gehen heute standardmäßig minimalinvasiv vor“, erklärt Prof. Hörer, der auch in Großhadern im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität operiert. svs

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