Stadtteil-Serie

Viertelbewohner erzählen: So verwandelt sich Harlaching

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Vater des „Isar-Plan“ mit seinem Hund Finn: Wolfgang Czisch reichte in den 80er-Jahren eine Antrag zu Renaturierung des Flusses ein.

Wie sich München wandelt, welche Traditionen Bestand haben und welche Großprojekte anstehen - das erzählen uns Viertelbewohner in unserer großen Stadtteil-Serie.

München - Dass durch unsere Stadt ein Fluss fließt, ist ein großes Glück für alle Münchner. Besonders für die, die direkt an der Isar wohnen – wie die Anrainer des östlichen Isarufers. Doch die Lage birgt auch ­Nachteile: Dagibt‘s Lärm und Grillrauch, die den Bewohnern das Leben schwer machen. Und in ­Harlaching kämpfen die Menschen gegen die massive Bebauung. Die Liebe zum Stadtteil verbindet. Auch in Giesing, wo sich viele über die Rückkehr der Sechzger freuen. Den Löwen wurde auch ein Part in einem neuen Buch über die „Tela“ gewidmet. Auch ein Giesinger Projekt. Sie sehen, liebe Leser, der Osten ist voll im Fluss. Wo neue Ideen entstehen und alte bewahrt werden, lesen Sie hier.

Isar: Vom starren Korsett befreit

In den 1980er-Jahren war’s: Da stellte der ehemalige SPD-Stadtrat Wolfgang Czisch ein Konzept vor, wie man die „Seele der Stadt“ wiederbeleben könnte – den Isar-Plan. Wie alles anfing und wohin sich die Isar entwickeln soll, erzählt der Leiter des Arbeitskreises Isar im Münchner Forum im tz-Interview.

Herr Czisch, wie kamen Sie damals auf den Isar-Plan?

Wolfgang Czisch: Der entscheidende Punkt für meine Überlegungen zur Isar war die Internationale Gartenbauausstellung, die ich 1983 begleitet habe. Ich habe mir angeschaut: Welche Möglichkeiten gibt es in München, den öffentlichen Raum wiederzubeleben? Die Isar wurde bis dahin rein ingenieursmäßig behandelt. Von Natur war keine Spur. Mir war klar, dass man hier endlich etwas tun muss. 1985 habe ich im Stadtrat einen Antrag zum Isar-Plan eingereicht.

Wann war Baubeginn?

Czisch: 2000. Von 1985 bis 2000 haben die technischen, administrativen und finanziellen Überlegungen gedauert. Es war ja ein riesiges Projekt: Die Isar wurde auf einer Länge von etwa acht Kilometern – von der südlichen Stadtgrenze bis zur Corneliusbrücke – renaturiert. 2011 war das Projekt fertig.

Was wurde gemacht?

Czisch: Das starre Korsett wurde aufgebrochen, Uferböschungen abgesenkt, so dass man gut ans Wasser rankommt. Die Isar sollte wieder mehr Wasser aus dem Werkkanal erhalten. Die Solschwellen, Ministauwehre, die den Fluss bremsen sollten, wurden aufgelöst. Dafür wurden große Steine zum Bremsen hineingelegt. Es entstanden Kiesflächen und natürliche Uferformationen mit vielen Erholungsmöglichkeiten sowie interessante Sichtbeziehungen zum Fluss.

Die Renaturierung war ein voller Erfolg. Wie geht es jetzt weiter?

Czisch: Die Stadt hat eine Rahmenplanung für den innerstädtischen Isarraum entwerfen lassen. Grundlage war ein Workshop, um die Aufenthalts­qualität an der Isar noch besser zu machen. Die Rahmenplanung legt ein besonderes Augenmerk auf die Promenaden, Brücken, Inseln sowie auf die Flächen um das Deutsche Museum und die Kirchen St. Lukas und St. Maximilian. Es gibt auch Vorschläge für mehr Zugänge zum Wasser, bessere Durchwegungen, den Schutz naturnaher Bereiche, für Gastronomie und temporäre Veranstaltungen.

Wann ist die Umsetzung geplant?

Czisch: In fünf bis sechs Jahren sind erste Schritte für angenehmere Aufenthaltsbereiche am Westufer denkbar. Langfristiger sind Planungen zu den Freiflächen der Museumsinsel und Wegeverbindung zwischen Cornelius- und Boschbrücke oder die Idee einer Terrasse am Fluss südlich des Maxwerk.

Wie steht es um das vom Verein Isarlust erhoffte Flussbad an der Isar?

Czisch: Wir konzipieren gerade eine Crowdfunding-Kampagne für einen Architekturwettbewerb für ein Isarflussbad zwischen Deutschem Museum und den Patentämtern. Die Kampagne soll ab Februar 2018 starten.

Filetstück lange im Abseits

Die Villa des Freiherren Geyr von Schweppenburg oberhalb der Marienklause wurde im Jahr 1910 erbaut.

Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass Harlaching für Immobiliengesellschaften früher uninteressant war. Das hatte einen einfachen Grund, sagt die Kunsthistorikerin Dorle Gribl: „Es gab keine Anbindung.“ Jakob Heilmann habe 1893 das 171 Hektar große Gut Harlaching im Tausch gegen ein einziges Haus an der Rumfordstraße erworben. „Die Stadt hatte kein Interesse, weil man damals dachte, dass man sich eh nicht vergrößere. 17 Pfennig kostete der Quadratmeter. Auf der Ludwigshöhe 1,60 Mark. Solln war durch die Isartalbahn und die Königlich Bayerische Staatseisenbahn gut angebunden.

Mit dem Bau der Tram nach Grünwald 1910 habe der Bauboom eingesetzt – Harlaching wurde zum Edelsitz. Es entstanden zahlreiche Villen wie die von Freiherr Geyr von Schweppenburg.

Doch viele Villen seien vom Krieg zerstört und meist nicht wieder aufgebaut worden. „Viele Häuser wurden in den 50er- und 60er-Jahren gebaut.“ Daher stünden sie – anders als in Solln – nicht unter Denkmalschutz. „Deshalb ist die Nachverdichtung in Harlaching besonders heftig.“

Bauwut zerstört Gartenstadt

Die Säckingenstraße 20. Für Andreas Dorsch ein grauenhafter Anblick. „Ich glaube, das ist das Hässlichste, was wir in Harlaching haben.“ Seit rund sechs Jahren kämpfen Dorsch und seine Mitsreiter von der Bürgerinitiative „Gartenstadt Harlaching“ gegen die ungezähmte Bauwut im Stadtteil.

„Das Baurecht wird immer maximal ausgenutzt“, schimpft Dorsch. Beispiele gebe es zahlreiche: Am Perlacher Forst 174, Aretinstraße 6 und 30, Benediktenwandstraße 15 und 21, Bozzaristraße 2, Meichelbeckstraße 17 und 28. „Man könnte die Liste noch lange weiterführen – auch stadtweit“, sagt Dorsch. Jüngster brisanter Fall: die alte Fabrikantenvilla an der Taminastraße. „Dort kommen 90 Wohnungen hin! Das ist möglich, weil Ein-Zimmer-Appartments gebaut werden. Für wen? Für Studenten sind sie zu teuer.“

Die Entwicklung sei schwer aufzuhalten, sagt der Vorsitzende der Bürgerinitiative, Johannes Stöckel: „Man hätte nach dem Ende der Gartenstadtsatzung reagieren müssen.“ Die Gartenstadtsatzung mit detaillierten Bauvorschriften endete 2003. „Jetzt wird nach Paragraph 34 gebaut, weil es keine Bebauungspläne gibt. Man orientiert sich an der nachbarschaftlichen Bebauung, was fatal ist.“ Denn wo es schon massive Bauten gibt, entstehen in der Umgebung weitere.

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Daniela Schmitt

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