Neue Verordnung sorgt für Wirbel

Hebammen-Hammer! Geburtshilfe in München vor dem Kollaps

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Wissen nicht, wie es weitergehen soll: Die Hebammen der Klinik an der Taxisstraße.

Einen Platz in der Geburtsklinik zu bekommen, ist in München schon jetzt nicht einfach. Die Entbindungsstationen sind ständig überlastet. Im kommenden Jahr droht der totaleKollaps. Grund dafür ist eine neue Vorschrift für Hebammen.

München - Statt Kreißsälen Container und provisorische Zelte. Wütende Väter, weinende Mütter, Security in den Geburtsstationen – der Fantasie von München Hebammen sind keine Grenzen gesetzt, wenn sie an das kommende Jahr denken. Sie alle sind sich einig: Es wird eine Katastrophe, sollte sich nichts ändern. „Als Münchner Hebamme kann ich derzeit niemanden dazu ermutigen, Kinder zu bekommen“, sagt Jessica Kreuz. Gemeinsam mit Hebammenkolleginnen und Dr. Ina Rühl, der leitenden Oberärztin der Geburtshilfe in der Frauenklinik an der Taxisstraße, sitzt sie in einem der Kreißsäle der Klinik und kann immer noch nicht fassen, was da vergangene Woche in Berlin entschieden wurde.

Monatelang hatten Hebammen und Krankenkassen über Arbeitsbedingungen und Honorare gestritten. Vergangene Woche traf eine Schiedsstelle in Berlin eine Entscheidung: Wie berichtet, bekommen freiberufliche Hebammen künftig mehr Geld. Ihre Honorare werden um rund 17 Prozent angehoben. Für Wirbel sorgt jedoch eine weitere Entscheidung: Die freiberuflichen Ammen dürfen in der Klinik ab 2018 nur noch die Betreuung von maximal zwei Schwangeren gleichzeitig abrechnen. Nach der Entbindung sind sie sogar für drei Stunden gesperrt und dürfen sich nicht um eine weitere Frau kümmern. In der Praxis betreuen sie derzeit meist deutlich mehr Frauen. Die Folge: Künftig können die Kliniken viel weniger Frauen als bisher betreuen.

Der Schiedsspruch könnte der Todesstoß für den Beruf der Hebamme sein

Wie berichtet, hat der Deutsche Hebammenverband den Schiedsspruch massiv kritisiert. Dieser könnte München besonders hart treffen. Allein in der Frauenklinik an der Taxisstraße kamen 2016 rund 4000 Babys zur Welt. Für 2017 wurde die Geburtenzahl auf 3500 begrenzt. Im kommenden Jahr rechnet man damit, aufgrund des Schiedsspruchs rund 1500 Schwangere weniger betreuen zu können. Denn wie viele andere arbeitet die Geburtshilfe vor allem mit freiberuflichen Beleghebammen, 28 sind es derzeit. Nur noch eine feste Hebamme gibt es im Haus. Der Grund dafür liegt in der Bezahlung: „Mit dem Tarifgehalt in einer Festanstellung kommt man in München allein kaum über die Runden“, sagt Jessica Kreuz. Festangestellte Hebammen einfach besser zu bezahlen, ist laut Oberärztin Rühl keine Option: „Geburtshilfe ist für Kliniken nicht lukrativ“, sagt sie. Die Fallpauschalen seien im Gegensatz etwa zur Orthopädie extrem niedrig. „Wir können uns jetzt schon kaum refinanzieren.“

Die Idee hinter der neuen Verordnung: Gebärende sollen künftig individueller betreut werden. Ein löbliches Ziel, finden die Hebammen, sehen dahinter jedoch ein ganz anderes: die Abschaffung der Beleghebammen, die die Krankenkasse wesentlich teurer kämen als die festangestellten. In vielen anderen Bundesländern liegt der Anteil der Beleghebammen in den Kliniken laut Rühl bei 20 Prozent. In Bayern sind es im Schnitt 60 Prozent.

„Der jetzt getroffene Schiedsspruch wird sich auf unsere Hebammen voll auswirken“, sagt auch Franz Edler von Koch, der zuständige Chefarzt vom Klinikum Dritter Orden. „Wir arbeiten nur mit Beleghebammen.“ Der Vorstoß der Krankenkassen komme „deshalb zur Unzeit, da die mit Beleghebammen arbeitenden Kliniken bisher einen besonders hohen Betreuungsschlüssel haben – dies zeichnet insbesondere auch unsere Klinik im Vergleich aus. Durch unsere engagierten und angemessen bezahlten Hebammen haben wir die Möglichkeit, bei Mehrarbeit auch weitere Hebammen in die Klinik zu rufen. Sowohl bei Tag oder in der Nacht.“ Es sei also zu vermuten, „dass der Fokus nicht wirklich auf einer Verbesserung der Betreuungsquote für Gebärende lag“. Der Beruf der Hebamme habe ohnehin stark an Attraktivität verloren, sagt der Chefarzt. Der Schiedsspruch werde diesen Trend wohl eher beschleunigen.

„Dass München so gut durch den Sommer gekommen ist, grenzt an ein Wunder“

In München ist die Situation schon jetzt nicht rosig. „Dass München so gut durch den Sommer gekommen ist, grenzt an ein Wunder“, sagt Hebamme Silvia Kiel. Viel zu viele Frauen hätten entbunden, zeitweise habe es in der Stadt kein freies Bett, keinen freien Brutkasten mehr gegeben – dabei hätten die Geburtskliniken engen Kontakt zueinander. Viele Frauen seien in andere Kliniken weitergeleitet worden, einzelne drohende Frühgeburten sogar bis Augsburg und Regensburg. Wie andere Kliniken in München mussten die Anmeldungen längst begrenzt werden. Um an der Taxisstraße gebären zu können, müssen sich Frauen schon in der 15. bis 20. Schwangerschaftswoche anmelden – in anderen Geburtskliniken zum Teil noch früher. „Dabei wollten wir immer ein offenes Haus sein“, sagt Ina Rühl. Doch Jahr für Jahr gibt es einen neuen Geburtenrekord. 2016 waren es mit 18 107 Babys schon wieder 1000 mehr als im Jahr davor.

Wie es ab 1. Januar funktionieren soll, kann sich keiner vorstellen. Noch mehr kleine Geburtskliniken werden schließen, heißt es, der Druck auf die Großen dadurch noch größer werden. Vom Spitzenverband der Krankenkassen sei zu hören gewesen, dass Frauen in Not sicher auch künftig nirgendwo abgewiesen würden, sagt Hebamme Jessica Kreuz. „Natürlich kann ich mehr als zwei Gebärende betreuen“, sagt sie. Geld bekomme sie dafür aber dann nicht, haften würde sie dennoch für die Behandlung. „Wer arbeitet schon umsonst?“

Streiken dürfen die Hebammen nicht. Trotzdem hoffen sie auf Unterstützung – von Familien, der Öffentlichkeit, der Politik – damit sich bis 1. Januar noch etwas ändert.

Doris Richter

Das leisten Hebammen

Video: Glomex

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