tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

Heinrich Breloer: Ich lebe im Luxushotel Bayerischer Hof

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Beim täglichen Plausch am Empfang: Als Dauergast im Bayerischen Hof muss Heinrich Breloer (r.) seine Zimmernummer schon lange nicht mehr sagen.

Heinrich Breloers Haustür ist eine goldene Drehtür, jeden Abend begrüßt ihn ein Mann in Frack und Zylinder.

Er will ihm jedes Mal das Gepäck abnehmen, auch wenn es wieder nur die kleine Aktentasche ist, mit der er abends von der Arbeit heimkommt. Sein Vorzimmer ist eine Lobby mit Glaskuppel und Kronleuchtern, sein Feierabend-Bier serviert eine junge Blondine. Der renommierte deutsche Regisseur lebt seit zwanzig Jahren viele Monate im Jahr im Bayerischen Hof. Weil der Kölner gerade in den Münchner Bavaria Filmstudios an der Verfilmung des Thomas Mann-Klassikers Buddenbrooks arbeitet, wohnt er heuer sogar fast das ganze Jahr hier. Breloer ist sozusagen der bayerische Udo Lindenberg (der wohnt im Hamburger Atlantic-Hotel). Wie ist es, Dauergast in einem Luxushotel zu sein? Die tz hat sich mit dem Regisseur zu einem Gespräch auf der Hotelterrasse getroffen.

Herr Breloer, wer fast das ganze Jahr hier wohnt, der könnte sich doch locker ein Apartment in Schwabing leisten.

Was will ich denn da? Da lebe ich viel zu einsam, hier in der Fremde ohne meine Frau. Außerdem war ich schon Ende der Siebziger hier, damals noch in einem Fahrerzimmer unterm Dach für 40 DM die Nacht. Ich fühlte mich so schnell zuhause, dass ich dieses Haus vermisst hätte.

Zuhause in einem Hotel – ist das kein Widerspruch?

Für mich nicht. Ich bin quasi im Hotel aufgewachsen, weil meine Eltern ein großes Hotel betrieben haben, und ich oft ausgeholfen habe. Noch heute fühle ich mich verantwortlich, wenn ein anderer Gast nicht rechtzeitig bedient wird. Außerdem hat sich das Personal auf mich eingestellt: Inzwischen bekomme ich von fast allen mein Omelette, wie ich es haben will: mit Schinken, Zwiebeln und Tomaten. Als ich aus meinem Lieblingszimmer wegen eines Umbaus ausziehen musste, hat man mir meine Matratze ins andere Zimmer gebracht.

Wie sieht denn Ihr Zimmer aus?

Ich wohne in einem der oberen Stockwerke, zum Innenhof raus, da ist es ruhig. Mein Zimmer ist eine Zirbelstube mit bayerisch-bäuerlichem Himmelbett.

Keine Wäsche waschen, ein riesiges Frühstücksbuffet und ein Pool – die Vorteile vom Hotelleben liegen auf der Hand. Nennen Sie spontan drei Gründe, warum Sie hier nicht mehr wegwollen.

Ich muss mich nicht wie die Münchner umziehen, wenn ich in den Spa-Bereich gehe. Wenn ich nachts um drei Uhr den Filmball verlasse, muss ich nur ins Bett fallen. Und ich fühle mich tagtäglich wie ein Gast auf einem Luxusliner: Das Dach ist wie das Deck der MS Europa, danach geht es runter in die First Class-Kabine. Und wenn die Arbeit getan ist, habe ich Landgang in der Altstadt. Aber es ist noch interessanter hier im Hotel.

Was ist am Hotelleben interessant?

All die unterschiedlichen Leute zu beobachten: Ich erkenne mittlerweile auf den ersten Blick, wenn ein Mann mit seiner Geliebten hier ist. Und wer so tut, als sei er hier Stammgast, obwohl er das ganze Jahr darauf gespart hat. Und die Bodyguards der arabischen Familien, die bewaffnet im Gang die Zimmer bewachen – und die reichen Russen mit ihren schicken Frauen. Der Bayerische Hof ist globalisiert.

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Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Ich stehe um sieben Uhr auf, dann gehe ich im Winter in die Sauna, im Sommer gleich zum Schwimmen. Danach geht es zum Frühstück, im Sommer auf die Terrasse. Dann fahre ich zu den Bavaria-Studios, drehe dort, schneide oder mische das Filmmaterial. Abends treffe ich mich entweder mit Freunden oder Geschäftspartnern im Hotel zum Essen – oder ich arbeite in meinem Zimmer in meinem kleinen Büro weiter. Und wenn ich will, gehe ich nachts noch auf ein Bier an die Bar.

Nervt es nicht, wenn man keine Privatsphäre hat?

Jeden Morgen mit 50 fremden Menschen zu frühstücken ist nicht jedermanns Sache. Aber im Zimmer habe ich ja Privatsphäre. Das Zimmermädchen kennt mich lange genug, dass es weiß, was es nicht wegräumen muss oder wo es nicht reinsehen soll.

Wo darf es denn nicht ran?

Zum Beispiel an meine Filmbänder, auch wenn sie kreuz und quer liegen.

Aber Sie können nicht im Jogginganzug am Frühstückstisch sitzen und die Beine hochlegen …

Das mach ich auch nicht daheim. Ich frühstücke immer so, wie ich zur Arbeit gehe, in Hemd und Anzug- oder Leinenhose. Die anderen machen hier schließlich Urlaub.

Was ist mit dem Frühstücksbuffet: Sehnen Sie sich nicht nach einem einfachen Wurstbrot?

Das Angebot ist so riesig, da kann ich mir auch das machen. Champagner und Weißwürste zum Frühstück geht nicht jeden Tag. Schwer ist eher, nicht zu oft fettige Sachen wie mein Omelette zu essen.

Irgendetwas muss doch nerven …

Ja, die Gäste, die ständig beim Frühstück telefonieren und die Klimaanlage überall.

Haben Sie schon mal vergessen, dass Sie hier nicht alleine leben?

Oh ja, schon oft. Ich stand ein paar Mal mit Badelatschen in der Lobby – dann bin ich schnell wieder raufgefahren. Morgens nach dem Schwimmen habe ich schon öfter Araber verwirrt: Ich mache mir immer eine Art Turban mit meinem Handtuch im Aufzug. Da haben die Herren und Damen ganz schön komisch angesehen, die hatten nämlich echte Turbane und Burkas an.

Haben Sie manchmal Heimweh nach Köln?

Nein, nie. Ich vermisse meine Frau öfter, klar. Aber viele meiner Freunde und Kollegen wohnen ab und zu auch hier: Söhnke Wortmann, Monica Bleibtreu, Sebastian Koch … Zeitweise ist das wie im Schullandheim hier. Außerdem liebe ich München wirklich. In Berlin kommst du dir vor wie in einem Flutlichtstadion, in dem das Licht nie ausgeht. Hier kann man auch mal ausatmen. Wenn ich in der Altstadt spazieren gehe, komme ich an Plätzen vorbei, an denen Thomas Mann oder Heinrich Mann saßen. Das inspiriert mich für die Arbeit.

Das klingt fast so, als würden Sie gerne auf Dauer hier leben wollen …

Ich beglückwünsche jeden Münchner zu dieser Stadt. Tatsächlich könnte ich mich hier ansiedeln, ich denke oft ans Umziehen. Aber meine Frau ist nicht so angefixt von München wie ich, die will einfach nicht weg aus Köln. Die hat ja auch nicht 20 Jahre hier probegewohnt. Andererseits: Wenn sie hierher ziehen würde, müsste ich wohl aus dem Hotel ausziehen, das will ich auch nicht.

Zum Schlusss müssen Sie aber noch verraten, was Sie Ihr Zimmer kostet.

Die Bavaria, für die ich immer in München arbeite, zahlt das Zimmer. Die haben schon vor Jahren Sonderkonditionen ausgehandelt. Wieviel will ich gar nicht wissen, sonst könnte ich es nicht genießen. Aber das ist bestimmt ein kleiner Betrag, bei den Millionensummen, die eine Produktion wie die Buddenbrooks kostet.

Quelle: tz

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