Oberfläche auf 50 bis 60 Grad aufgeheizt

Heiße Rutsche: Mädchen bleibt mit Hintern kleben

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Aus Edelstahl sind die Rutschen im Westpark. An Sommertagen können sie glühend heiß werden.

München - Es sollte ein Sommer-Ausflug werden, doch der Besuch im Westpark endete für Annalena (4) schmerzhaft: Sie blieb auf einer heißen Rutsche kleben - und holte sich Verbrennungen am Gesäß.

Am Sonntag vor einer Woche war es heiß, richtig heiß. 40 Grad in der Sonne und mehr. Das Problem: Bei solchen Temperaturen werden auch Edelstahlrutschen glühend heiß. Wie Experten auf Anfrage bestätigten, gibt es bisher keine Vorschriften, die besonders hitzeresistente Materialien für Rutschbahnen vorschreiben. Die Sicherheitsanforderungen bei der Fallhöhe oder beim Seitenschutz sind hingegen bis auf den Millimeter genau geregelt. Unfälle bei großer Oberflächenhitze auf der Rutsche sind bisher eine rechtliche Grauzone, die Gerichte urteilen unterschiedlich. Gefragt sind also die Aufsicht der Eltern oder das Temperaturempfinden der Kinder.

Markus und Daniela Bittner mit Annalena am Tag nach der Hauttransplantation.

An jenem Sonntag vor einer Woche dürfte die Rutsche 50 bis 60 Grad heiß gewesen sein. Das zumindest hätten die Ärzte aus den Verletzungen von Annalena rückgeschlossen, erzählt ihre Mutter. Daniela Bittner war mit ihrem Mann, den Zwillingstöchtern Annalena und Marie sowie ihrem Sohn Fabian im Westpark. Auf dem Abenteuerspielplatz sind an einem Hügel drei parallel verlaufende Rutschen von jeweils etwa 15 Metern Länge eingebaut.

Die Mutter berichtet, dass mehrere Kinder gerutscht seien, auch ihr Sohn Fabian (7) und Tochter Annalena. Das fatale Verhängnis: Annalenas Kleidchen verrutschte bis über die Unterhose, so dass sie irgendwann auf nackten Pobacken heruntersauste. Am Ende der Rutsche, so berichtet Daniela Bittner, sei die Vierjährige wie auf einer heißen Herdplatte festgeklebt und habe vor Schmerzen gebrüllt. Das gesamte Po des Mädchens wurde sofort knallrot, was die Eltern auf einem Handy-Foto festgehalten haben.

Die Ärzte in der Haunerschen Kinderklinik diagnostizierten Verbrennungen zweiten Grades am Gesäß sowie ersten Grades an den Händen. Nach Auskunft der Mutter sind drei Prozent der Körperfläche verbrannt. Annalena stehe derzeit 24 Stunden unter Schmerzmitteln und könne nicht sitzen. Am Donnerstag wurde das Mädchen operiert, eine Hauttransplantation war nötig. Immerhin: Es gehe Annalena von Tag zu Tag besser, sagt Daniela Bittner. Verlaufe der Heilungsprozess gut, blieben im Bestfall keine sichtbaren Wunden, sondern schlimmstenfalls Pigmentflecken zurück.

Ob sie und ihr Mann rechtliche Schritte gegen die Stadt einleiten, ist noch unklar. Man wolle sich zunächst juristisch beraten lassen. Daniela Bittner befürchtet, dass solche Unfälle immer wieder möglich seien und zumindest Warnschilder angebracht werden sollten. Auch müsse die Frage geklärt werden, ob der TÜV die Rutsche geprüft habe. Daniela Bittner selbst arbeitet als Kinderpflegerin und muss sich nun aufgrund der Verletzung ihrer Tochter von der Arbeit freistellen lassen.

Dagmar Rümenapf, Sprecherin des städtischen Baureferats, zeigte sich betroffen von dem Unfall. Alle städtischen Kinderspielplätze würden jedoch von einem anerkannten technischen Institut bereits bei der Erstabnahme überprüft. Wöchentlich erfolge eine Sicherheits-, jährlich eine Generalinspektion. Man werde die Rutschen im Westpark nun nochmals von einem Gutachter unter die Lupe nehmen lassen und dann entscheiden, ob etwas verändert werden müsse.

Edelstahlrutschen sind laut Rümenapf europaweit üblich und bewährt. Dieses Material werde auf allen städtischen Kinderspielplätzen verwendet. Ähnliche Unfälle seien bisher stadtweit nicht bekannt, auch nicht an der Anlage im Westpark, die seit 30 Jahren bestehe. Die Sprecherin des Baureferats sieht besonders die Eltern in der Pflicht: „Bei umsichtigem Handeln der Aufsichtspersonen können derartige Vorfälle ausgeschlossen werden.“

Jedoch gab es in der Vergangenheit vergleichbare Fälle, bei denen Gerichte Kommunen zu Schmerzensgeld verurteilten. So wurde die Stadt Ludwigshafen 1996 zur Zahlung von 3000 Mark verurteilt, weil sich ein Kind auf einer Metallrutsche den Hintern verbrannt hatte. Das Landgericht Ravensburg wiederum wies 1998 eine Klage ab, weil die Rutsche geprüft gewesen sei und dem „Gerätesicherheitsgesetz“ entspreche.

Klaus Vick

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