Andrang der Bedürftigen ist groß

Helfen ist unser täglich Brot - 25 Jahre Münchner Tafel

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Charlotte Fischer verteilt jeden Freitag an der Großmarkthalle Brot an Bedürftige

Vor 25 Jahren gründet Hannelore Kiethe zusammen mit anderen Ehrenamtlichen die Münchner Tafel. Bei Wind und Wetter verteilen mittlerweile 650 Ehrenamtliche gespendete Lebensmittel, die sonst im Mülleimer landen würden. Die Zahl der versorgten Bedürftigen hat sich seit 1994 vervierzigfacht.

„Grüß’ Sie, Frau Meier, schön, dass Sie hier sind“, sagt Axel Schweiger, der Leiter der Ausgabestelle der Münchner Tafel an der Großmarkthalle. Wie viele der ehrenamtlichen Helfer kennt er die meisten seiner Schützlinge persönlich. Routiniert kontrolliert er ihre Ausweise und hakt die Namen auf seiner Liste ab. „Wir kennen natürlich die Einzelschicksale der Bedürftigen. Für uns ist aber gar nicht entscheidend, warum jemand in einer Notsituation ist. Wir helfen jedem, der uns braucht“, sagt Schweiger.

Vor 25 Jahren hatte Vorstandsvorsitzende Hannelore Kiethe eine einfache, aber effektive Idee. Zusammen mit zehn Ehrenamtlichen gründet sie die Münchner Tafel. Sie sagt über ihre Motivation: „Wir wollten nicht weiter hinnehmen, dass in München tonnenweise einwandfreie Lebensmittel weggeworfen werden, während manche Menschen nicht genug zu essen haben. Dieses bestehende Überangebot und die Nachfrage der Bedürftigen bringen wir schon ein Vierteljahrhundert zusammen.“

Anfangs haben sich viele nicht eingestehen wollen, dass im reichen München nicht jeder genug zum Überleben hatte. Stück für Stück habe man sich das Vertrauen der Bevölkerung, der Bedürftigen und der Sponsoren erarbeiten müssen. Aber heutzutage sei die Tafel etabliert und gelte weltweit als Vorzeigeprojekt, sagt Kiethe.

„Wir können uns auf unser Netzwerk von Sponsoren, Spendern und Ehrenamtlichen verlassen. Ohne sie könnten wir überhaupt nicht arbeiten. Ihnen gilt mein größter Dank“, so Kiethe.

Der Andrang an der Ausgabestelle der Münchner Tafel an der Großmarkthalle ist groß. Rund 300 Bedürftige erhalten hier ihre Lebensmittelration.

Mittlerweile erhält die Tafel jede Woche 120 000 Kilogramm einwandfreie Lebensmittel von 133 Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien, die sie an 107 Einrichtungen und 27 Ausgabestellen ausliefert. Hier bekommt jeder Bedürftige kostenlose Verpflegung für sich selbst und seine Familie, der einen schriftlichen Nachweis erbringen kann, dass ihm weniger als 409 Euro im Monat zur Verfügung stehen.

Immer mehr Bedürftige stehen Schlange 

Immer mehr Bedürftige stehen bei der Tafel Schlange. Die Zahl der Versorgten ist seit 1994 um das Vierzigfache gestiegen: Etwa 20 000 Bedürftige sind nun wöchentlich zu Gast bei der Tafel. „Als Folge der Einführung der Hartz-IV-Gesetze, ist die Zahl der Armen sprunghaft um 40 Prozent gestiegen. Auch die Einführung des Euros hat sich bei uns deutlich bemerkbar gemacht“, sagt Kiethe. Neben älteren Gästen habe aber vor allem die Zahl der psychisch Kranken zugenommen. Schweiger erklärt: „Viele unserer Gäste haben ein hohes Bildungsniveau, manche hatten Spitzenpositionen inne. Wenn sie aber dann an Burnout erkranken, fallen sie durch alle sozialen Netze.“

Eines aber eint alle Tafelgäste: Die Freude über frisches Brot, Gemüse und Wurst – und über die sozialen Kontakte. Für Tafelgast Armin Hartl bedeutet die Tafel daher alles: „Als ich mich das erste Mal bei der Tafel anstellen musste, habe ich geweint, weil ich so tief gesunken bin. Aber jetzt freue ich mich über den Kontakt zu den Helfern und Gästen. Ohne sie wäre ich ganz allein“, sagt der 55-Jährige und drückt seine Bekannte Christine Bauer noch ein wenig fester.

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Bei der Tafel ist man sich sicher, dass die Gäste mit jeder Semmel, jedem Bund Karotten und jedem Stückchen Fleisch auch ein bisschen Lebensqualität erhalten. „Die Dankbarkeit und das Strahlen in den Augen der Gäste berührt uns jedes Mal wieder. Man merkt sofort, dass die Hilfe bei denen ankommt, die sie am dringendsten brauchen“, sagen Brigitte und Regina, während die Schlang am von ihnen wöchentlich betreuten Obststand immer länger wird. „Äpfel mag fast jeder“, wissen die beiden.

JUDITH BAUER

Paul Breitner: „Die Armut nimmt immer mehr zu“

Blaue Schürze, brauner Hut: So steht Paul Breitner (67) jeden Montag vor der Johanniskirche in Haidhausen an einer Tafel-Ausgabestelle. 165 Menschen mit Berechtigungsschein warten in der Schlange, bei Wind und Wetter. Seit über zwölf Jahren engagiert sich der Fußball-Held mit seiner Frau Hilde (68) ehrenamtlich für Bedürftige. Und weiß: „Die Armut nimmt immer mehr zu.“

Was genau machen Sie bei der Tafel?

Paul Breitner: Wir sind 15 Helfer, ich stehe im Kühllaster, gebe Milch, Käse, Wurst und Fleisch aus – je nachdem, was wir haben. Niemand kann sich das Essen aussuchen. Aber ich weiß mittlerweile, wer was essen darf. Wenn ich genau das habe, was jemand mag, etwa ein Paar Wiener, freue ich mich riesig, dass ich jemandem eine Freude machen kann.

Paul Breitner und Ehefrau Hildegard engagieren sich bei der Münchner Tafel
Wie schwierig ist die Situation für Ihre Gäste?

Breitner: Es geht mir oft sehr nahe. Einmal stand eine ältere Frau vor mir, ich reichte ihr einen Salat. Sie sagte: „Danke, aber geben Sie den bitte jemand anderem.“ Wieso?, fragte ich, weil ich wusste, wie sehr sie Salat mag. Sie zeigte mir ihren Geldbeutel und erklärte: Ich habe keinen Essig und kein Öl mehr daheim und nur noch 1,20 Euro. Heute ist aber erst der 20., das muss für den Monat reichen.“ Ich hätte ihr am liebsten sofort zehn Euro gegeben, aber das dürfen wir nicht.

Was können Sie tun?

Breitner: Für viele ist es immer noch eine große Überwindung, zur Tafel zu kommen, sie schämen sich. Wir versuchen immer, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, bei manchen das Selbstwertgefühl zu stärken.

Was muss sich ändern?

Breitner: Es muss eine Wende geben, was Mindestlohn und faire Bezahlung betrifft. Und endlich einen runden Tisch mit Politik, Gewerkschaften, Arbeitgebern und Sozialverbänden. Damit die heute 35-50-Jährigen nicht in die gleiche Armutsfalle geraten wie die jetzigen Rentner. Ich habe schon öfters Politiker eingeladen, bei uns vorbeizuschauen. In all den Jahren waren nur zwei da...

„Engagierte Tafeln“ können sich derzeit beim bayernweiten Wettbewerb „Gemeinsam Lebensmittel retten“ bewerben. Für die Initiative des Landwirtschaftsministeriums hagelt es von allen Seiten Kritik.

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