Herlinde Koelbl: Foto-Ausstellung "Mein Blick" im Stadtmuseum

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Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl vor ihrer Angela-Merkel-Serie

München - Einen eindrucksvollen Überblick über das bisheriges Schaffen von Herlinde Koelbl gibt ab Freitag eine Werkschau im Stadtmuseum.

Herlinde Koelbl kam spät zur Fotografie, erst im Alter von 37 Jahren, als vierfache Mutter. Als die Leidenschaft für dieses Medium sie aber einmal gepackt hatte, konnte sie nicht mehr damit aufhören. Einen eindrucksvollen Überblick über ihr bisheriges Schaffen gibt ab Freitag eine Werkschau im Stadtmuseum. „Ich wollte Menschen, das Leben fotografieren. Menschen zu fotografieren ist ein Abenteuer.“ Und der Betrachter der Bilder ist dabei. „Mein Blick“ lautet der Titel der Ausstellung, die nicht Retrospektive genannt wird, weil das zu sehr nach „endgültiger Bilanzierung klingen würde“, wie der Leiter des Fotografiemuseums Ulrich Pohlmann erklärte. Davon kann bei der 71-jährigen energiegeladenen Dame überhaupt keine Rede sein. Viele Themen hat sie schon durch ihre mittlerweile international berühmten Blicke erkannt und umgesetzt – „aber gute und starke Themen klopfen auch jetzt noch immer wieder bei mir an“. 

Geniale Ideen, die aber auch Durchhaltevermögen und akribisches Vorgehen erfordern. Die gebürtige Lindauerin, die sich die Technik und die Kunst der Fotografie selbst beigebracht hat, zeigte diese Qualitäten am deutlichsten wohl durch die „Langzeitstudie Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“: Angela Merkel von ihrer Zeit als Kohls „Mädchen“ bis zur Kanzlerin. Gerhard Schröder von seinem Karrierebeginn in Niedersachsen („Das Land Niedersachsen muss mich jetzt malen lassen, in Öl. Daran war ja gar nicht zu denken, als ich anfing“) bis zum Kanzler a. D.. Joschka Fischer durch dick und dünn, alle auf vielen Fotos, wandbreit.

Ihr erster großer Erfolg war 1980 die Serie und der Bildband Das deutsche Wohnzimmer, in dem Menschen mit erstaunlicher Offenheit sich selbst und ihre Wohnung präsentieren. „Ob das Zimmer groß oder klein war, ich habe es immer mit der gleichen Einstellung aufgenommen, immer mit dem gleichen Objektiv.“ Man müsse den Unterschied fühlbar machen. Weil Koelbl hier auch die „Lebensphilosophie und Lebenshaltung“ der Porträtierten darstellen wollte, fügte sie deren Aussagen hinzu. Bauer Johann Baptist S. (78) etwa sitzt hölzern in seiner karg eingerichteten Stube und sagt: „Ich habe sechs Kinder großgezogen, aber im Alter bin ich doch allein. Keiner will mehr die Arbeit hier machen.“

In anderer Weise berührend ist der Zyklus Jüdische Porträts (1989), Nahaufnahmen emigrierter Juden. „Sie haben alle ein tragisches Schicksal, man kann es in ihren Gesichtern ablesen“. Sie wollte auch wissen, wie sie dadurch geprägt und beeinflusst wurden, was ihnen Heimat bedeutet, ob sie nach Auschwitz noch an Gott glauben können. Starke Frauen lautet ein weiteres Projekt, und auch hier sucht Koelbl nie nach dem absoluten Schönheitsideal. Es gibt sogar Bilder, die normalerweise vielleicht als unästhetisch angesehen oder als obszön bezeichnet würden: Dicke Frauen, faltige nackte Körper.

In der Werkschau des Stadtmuseums präsentiert Herlinde Koelbl erstmalig „komplett neue Arbeiten“, einen Ausblick auf künftig erst richtig erkennbare Themen. Es ist also noch einiges zu erwarten, denn die Künstlerin hält nichts davon, „in Pension zu gehen und nur an den Kegelabend zu denken“.

Herlinde Koelbl – Mein Blick: eine Werkschau 1976 bis 2010, bis 10. April 2011. Geöffnet Di bis So: 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €, Familienkarte 9€.

Barbara Wimmer

Merkels Mimik

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