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18-Jährige berichtet exklusiv aus Drogenszene in München - „Habe mich teilweise für 20 Euro prostituiert“

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Von: Tanja Kipke

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In der Schillerstraße im Bahnhofsviertel München kaufte die 18-Jährige die illegalen Drogen.
In der Schillerstraße im Bahnhofsviertel München kaufte die 18-Jährige die illegalen Drogen. © Heinz Gebhardt/IMAGO

Eine Drogenabhängige gibt tiefe Einblicke in die Münchner Drogenszene und die Gefahren der „Kräuter“-Sucht. Sie fordert die Regierung zum Handeln auf.

München - „Vor dem Heroin-Spritzen hatte ich immer Panik. Wenn du dir Luft spritzt, bist du tot“: Die heute 18-jährige Lisa K.* lebte drei Monate in der Münchner Drogenszene rund um den Hauptbahnhof. Ob Heroin, Crystal Meth oder „Kräutermischungen“, Lisa probierte alles aus. „Ich hab fast jede Stunde konsumiert. Kräuter und Lyrica (Schmerzmedikamente Anm. d. Red.), wenn ich Heroin gekriegt hab‘, hab‘ ich das gemacht“, sagt sie im Gespräch mit Merkur.de

Münchner Drogenszene am Hauptbahnhof: Lisa K. war mittendrin

Lisa trägt die Haare mittlerweile in einem dunklen schwarz. Auf den Fotos vom letzten Frühjahr sind sie noch blau. Ein Nasenpiercing ziert ihr schmales Gesicht, ihre Arme sind voller weißer Striche. „Vom Ritzen und Heroin spritzen“, erklärt sie. Wir sitzen in einem bayerischen Restaurant draußen in der Sonne. Im Sonnenlicht leuchten ihre Narben weiß. Lisa fängt direkt an, zu erzählen. „Ich bin hergekommen und dort vorne wurde ich sofort angesprochen, ob ich Kräuter will“. Sie zeigt in Richtung Ecke Arnulfstraße/Seidlstraße. Die Versuchung war groß, sie konnte zum Glück widerstehen. Zumindest heute.

Vor unserem Termin hat Lisa K. einem Rentner am Sendlinger Tor seine Schmerzmittel abgekauft

Vollständig „clean“ sei sie noch immer nicht. „Ich bin ganz ehrlich, ich konsumiere noch“, gesteht sie und holt aus ihrer Tasche einen Blister mit Tabletten heraus. „Ich hab vorhin zwei Lyrica genommen“. Die verschreibungspflichtigen Schmerzmedikamente habe sie von einem Rentner am Sendlinger Tor gekauft. „Früher hab ich fünf davon genommen, das ist dann wie Heroin.“ Trotz der Drogen wirkt sie gefasst. Entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. „Mich macht das so wütend, dass das Drogenproblem in München so verdrängt wird.“ 

Drogenproblem in Bayern: Alle eineinhalb Tage stirbt ein Mensch

Alle eineinhalb Tage stirbt in Bayern ein Mensch an illegalen Drogen. 255 Menschen waren es 2021, wie aus der Kriminalstatistik der Polizei hervorgeht. Sieben mehr als im Jahr zuvor. Laut Josef Strohbach von der Drogensuchthilfe Condrobs in München ist der Hauptgrund das Einnehmen von unterschiedlichen Drogen gleichzeitig. „Diese Personen sind selten nur von einer Substanz abhängig und sterben auch nicht an dieser einzigen Substanz, sondern meisten am Mischkonsum“, sagt er Merkur.de „Das kann dann tödlich ausgehen.“

Lisa vermutet, dass einige ihrer Leute von früher bereits gestorben sind. Ihre Hände zittern leicht, als sie davon erzählt. „Ich weiß nicht, wie viele hier noch leben, die Leute von früher sind alle weg.“ Verschwunden oder verstorben? Lisa weiß es nicht. Sie ist jedoch überzeugt, dass die Leichen in den Parkhäusern sowieso erstmal niemand finden würde.

Während Klinikaufenthalt in München greift Lisa zu Drogen

Im Alter von 13 Jahren fängt Lisa an sich selbst zu verletzten, da eine enge Vertrauensperson sie sexuell belästigt. Wegen Suizidgedanken schickt man sie in eine Klinik. Nach einem versuchten Suizid kommt sie schließlich in eine Münchner Klinik, die Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendspsychatrie. Dort fängt sie nach der Entlassung in eine Schutzstelle mit 15 Jahren an zu konsumieren. Die Drogen, eine „Lösung“, die sie dringend gesucht hatte. „Es war so schön, dass ich mich wegdröhnen konnte.“ Sie lächelt traurig.

Auch in der Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München war Lisa öfters.
Auch in der Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München war Lisa öfters. © IMAGO

Lisa kommt in unterschiedlichen Kliniken unter, lebt in verschiedenen Schutzeinrichtungen. Immer wieder schleicht sie sich weg und verbringt mehrere Wochen am Stück auf der Straße. Zu Beginn konsumiert Lisa Alkohol und Cannabis. Der Rausch gibt ihr das Gefühl von Sicherheit. Eines Tages erreicht sie ihren Dealer nicht. Um an Cannabis zu kommen, geht sie in die Schillerstraße. Sie hatte vom Ruf der „Drogenstraße“ gehört. „Die haben mich ausgelacht und gesagt, hier gibts nur Kräuter, also kaufte ich das.“ Davon nimmt sie viel zu viel. „Ich konnte nicht mehr aufstehen, mich nicht mehr bewegen.“

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„Kräutermischungen“ eine der gefährlichsten Drogen?

„Kräutermischungen“ sind für Lisa daher die härteste Droge. „Ich hab auch Heroin gespritzt, das ist auch krass, aber bei Kräuter gewöhnt sich der Körper nicht dran, es wirkt jedes Mal heftiger.“ Ein Sprecher des Münchner Gesundheitsreferat sagt Merkur.de auf Anfrage, dass es sich dabei „um Gemische von Pflanzenteilen handelt, die mit künstlich hergestellten Wirkstoffen – meist synthetischen Cannabinoide – versetzt wurden und deren genaue Inhaltsstoffe nicht bekannt sind“. Strohbach von Condrobs kann das bestätigen. Genau daher sei die Droge auch so gefährlich, weil man nie genau weiß, was man eigentlich zu sich nimmt.

Lisa K: „Ich hab mich dann im Parkhaus prostituiert“

Durch ihre Abhängigkeit bekommt Lisa starke Entzugserscheinungen. „Ich konnte teilweise nicht mehr laufen, hatte Bauchkrämpfe und war auch einmal im Krankenhaus.“ Irgendwann braucht sie immer mehr. „Du sagst zu allem Ja, du kannst dich nicht mehr wehren.“ In der Zeit sei sie oft sexuell missbraucht worden. Einmal ging sie mit einem Dealer mit, der ihr Kräuter versprach. „In einem Container auf einem Feld hat er mich dann vergewaltigt.“ Noch ein traumatisches Erlebnis, wodurch sie immer weiter in die Drogenszene stürzt.

Nach und nach geht ihr das Geld aus. „Ich hab mich dann im Parkhaus prostituiert, teilweise für 20 Euro.“ Und das nur, um an Kräuter zu gelangen – damals war sie 17. Lisa ekelt sich vor sich selbst.

„Ich hab mich dann im Parkhaus prostituiert, teilweise für 20 Euro.“

Lisa K.

Drogenabhängige verstecken sich in Münchner Parkhäusern

Im letzten Jahr lernte Lisa einen Mann kennen. Er vergewaltigt sie, aber da er Kräuter hat, bleibt sie bei ihm. Zu teilweise zehnt lebten sie in einer Einzimmerwohnung. „Wir hatten kein Geld und fast kein Essen“. Die Wohnung war verschmutzt und voller Käfer und Maden. „Man ignoriert das, wenn man auf Kräuter ist, da ist einem alles egal. Man wird selbst zum Käfer.“ Angewidert erzählt sie von dieser Zeit. „Wenn wir nichts mehr hatten, haben wir den Teppich mit einer Pinzette nach Kräutern abgesucht.“

Viele konsumieren in München in Parkhäusern oder Tiefgaragen, neben Kotze und Urin. Durch die Verdrängung des Drogenproblems würden sich die Konsumenten in Parkhäusern verstecken. Dealer und Freier vergewaltigen dort Minderjährige, so wie Lisa vor einem Jahr. Sie fordert die Regierung deshalb zum Handeln auf.

Drogenkonsumräume eine Lösung? Bayern weigert sich

Lisa wünscht sich, dass die Polizei das Problem offen anerkennt, „dass man darüber redet“. Es dürfe nicht totgeschwiegen werden. Zudem würden Drogenkonsumräume, auch Fixerstuben genannt, helfen. Dort können Suchtkranke ihre Drogen mitbringen und sie vor Ort konsumieren. Außerdem bekommen sie sauberes Besteck und medizinische Aufsicht. Als sich Lisa einmal mit einer anderen Frau eine Spritze teilte, holte sie sich Hepatitis C. Das hätte durch solche Räume verhindert werden können.

„Erfahrungen aus anderen Städten und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Drogenkonsumräume geeignet sind, Drogentodesfälle zu verhindern“, sagt der Sprecher des Gesundheitsreferats. Die Stadt München würde solche Räume gerne schaffen, wie Strohbach und auch das Gesundheitsreferat bestätigen. Die Entscheidung liegt jedoch auf Landesebene, die bayerische Staatsregierung weigert sich. 

Video: Prostitution und Waffenhandel: Bayerns Kampf gegen organisierte Kriminalität

Lisa versucht einen Neuanfang - „Ich hab ein Ziel“

Einmal erwischten Polizeibeamte Lisa mit Heroin. Ihre Strafe: Ein halbes Jahr Familienberatung, ein halbes Jahr Suchtberatung. „Es ist gut, dass ich jemanden zum Reden hab“. Ihren Exfreund hat sie mittlerweile angezeigt, er sitzt jetzt wegen Vergewaltigung in U-Haft.

Lisa zog wieder zu ihrer Mutter und ging in eine Entzugsklinik. Jetzt will sie per Fernschule ihren Schulabschluss nachholen und in einer anderen Stadt einen Neustart wagen. Dort, wo sie niemand kennt. „Das ist für mich ein Halt, weil ich ein Ziel hab“, sagt sie Merkur.de. Sie will eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin machen und irgendwann als „Streetworker“ arbeiten, um Minderjährige aus der Drogenszene zu holen. „In der Szene sind so viele junge Menschen, mit so viel Potenzial“. Sobald sie die Kraft dazu hat und vollständig clean ist, will Lisa helfen. (tkip) *Name von der Redaktion geändert.

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