Herr Ude, warum kann ich keinen reinen Atomstrom beziehen?

München - tz-Leser Hans Schwarz fragt: "Warum kann ich bei den Stadtwerken keinen „reinen“ Atomstrom beziehen? Oberbürgermeister Christian Ude beantwortet die Frage des Bürgers.

Frage:

Warum kann ich bei den Stadtwerken keinen „reinen“ Atomstrom beziehen? Wie vorauszusehen ist, wird bei Abschaltung verschiedener Atomkraftwerke in Deutschland der Zusatzbedarf an Strom im europäischen Ausland – etwa in Frankreich mit 80 Prozent Atomstrom oder tschechischem Atomstrom – gedeckt werden. Ich möchte diesen Etikettenschwindel nicht unterstützen, zumal ich als Rentner auf jeden Cent schauen muss, wo doch der Atomstrom immer noch der billigste ist.

Hans Schwarz, Bogenhausen

OB Udes Antwort:

Respekt! Ihre Frage hat mich tatsächlich verblüfft! Denn so ein Anliegen ist noch nie an mich herangetragen worden. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung wünscht ja seit langem den Ausstieg aus der Atomenergie und auch die Bundesregierung, die im letzten Herbst die Laufzeiten für Atomkraftwerke noch verlängert hat, ist jetzt auf diesen Kurs eingeschwenkt. Eine physikalische Trennung von Atomstrom, Kohlestrom oder Strom aus erneuerbaren Energien ist bekanntlich gar nicht möglich. Viele Kunden wollen aber den Ausbau des Ökostroms und sind deshalb daran interessiert, dass ihr Stromlieferant so viel Strom aus erneuerbaren Energiequellen ins Netz einspeist, wie er unter dem Etikett Ökostrom verkauft. Das ist kein Etikettenschwindel, sondern völlig korrekt.

Der von Ihnen gepriesene Atomstrom ist aber weder so sauber noch so billig, wie seine Befürworter behaupten – denken Sie nur an die Risiken und die Hinterlassenschaft des Atommülls. Zuletzt zeigten die Ereignisse in Japan eindringlich, mit welchen Gefahren die Atomkraft verbunden ist. Das ist eine Technologie, die hohe Risiken in sich birgt und ganze Landstriche für immer unbewohnbar machen kann. Daher hat der Münchner Stadtrat bereits in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Ausstieg der SWM aus der Kernkraft beschlossen.

München setzt mit seinem kommunalen Unternehmen SWM konsequent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn nur mit diesen können wir dem drohenden Klimawandel begegnen und Katastrophen wie in Fukushima oder Tschernobyl verhindern. Und München nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Bis 2025 sollen die Stadtwerke München (SWM) so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, dass sie damit den Verbrauch ganz Münchens decken können. München wird damit weltweit die erste Millionenstadt sein, die dieses Ziel erreicht!

Zur Realisierung haben die SWM die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien gestartet. Und das mit sehr großem Erfolg: mit den bereits angestoßenen oder realisierten Projekten verfügen die SWM nach deren Fertigstellung über eine Erzeugungskapazität von rund 2,4 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom – und damit rund einem Drittel des Münchner Stromverbrauchs – in eigenen Anlagen. Damit werden die SWM dann ihre Ökostrom-Produktion versiebenfacht haben! Insgesamt werden die SWM in den Ausbau der erneuerbaren Energien rund 9 Milliarden Euro investieren.

Es ist also nur folgerichtig, dass die SWM ihren Privatkunden nur umweltschonenden Strom aus ihren Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen und Ökostrom anbieten. Deswegen sind die Strompreise in München aber nicht teurer als anderswo. Im Gegenteil: erst kürzlich hat das Verbraucherportal check24.de festgestellt, dass die Kosten für Strom und Erdgas in Relation zum Haushaltseinkommen unter den 100 größten Städten Deutschlands in München am niedrigsten sind. Bei den absoluten Zahlen nimmt München mit den zweitgünstigsten Preisen ebenfalls eine Spitzenposition ein.

Rubriklistenbild: © dpa

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