Britischer Investor in Finanznot / 120 Jobs in den drei Münchner Filialen gefährdet

Hertie vor der Insolvenz?

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Die Hertie-Filiale in Fürstenried

Der Warenhauskette Hertie droht die Insolvenz. Die rund 4100 Mitarbeiter, darunter die 120 Beschäftigten der drei Münchner Filialen in Giesing, Laim und Fürstenried, fürchten um ihre Jobs.

Am Freitag wurden sie von der Geschäftsleitung über die Schieflage des Finanzinvestors Dawnay Day informiert, der 2005 rund 85 Prozent an Hertie übernommen hatte. Die britische Heuschrecke kämpft nach Angaben der Gewerkschaft Verdi ums Überleben.

Schuld am Niedergang des Investors, der zuletzt ein weitverzweigtes Immobilien- und Beteiligungsportfolio in Deutschland und Großbritannien aufbaute, tragen der Verfall der Immobilienpreise und verschärfte Kreditbedingungen. Die beiden größten Dawnay-Day-Eigentümer, Peter Klimt und Guy Naggar, meldeten kürzlich bereits für zwei ihrer Holdinggesellschaften Insolvenz an.

Nach der Übernahme der 74 Karstadt-Filialen vor drei Jahren blieben zugesagte Investitionen für die Modernisierung von Hertie jedoch weitgehend aus. Statt zu investieren, zogen die Briten als Eigentümer der Immobilien erhebliche Mittel aus dem Unternehmen. Das geschah zum Teil mittels deutlich über den Marktpreisen liegender Mietzahlungen, weshalb Hertie in den letzten beiden Jahren jährlich rund 30 Millionen Euro Miese machte. Hinzu kommen Zahlungen an die Gesellschafter für sogenannte Beratungsleistungen.

Ein geplantes gemeinsames Sanierungskonzept für Hertie von PWC und Deutscher Bank wurde vergangene Woche gestoppt. Angeblich wird Hertie auf dem Markt bereits zum Kauf angeboten.

In den drei Münchner an Dawnay Day veräußerten Hertie-Filialen in Giesing, Laim und Fürstenried sank die Zahl der Mitarbeiter seit der Übernahme von 200 auf 120. Die ursprünglich von Dawnay-Day-Chef Guy Naggar zugesagte Personalaufstockung und Qualitätsverbesserung des Sortiments blieb aus. Ein Mitarbeiter zur tz: „Stattdessen wurde Personal abgebaut und das Sortiment schlechter und verkleinert.“

Die Hertie-Geschäftsleitung und Investor Dawnay Day wollten sich gestern zu der drohenden Insolvenz nicht äußern.

Uwe Fajga

„Mit dem Schlimmsten rechnen“

tz-Interview mit Johann Rösch, Hertie-Aufsichtsrat und Verdi-Betreuer

Nach einer Krisenkonferenz am Montag mit der Hertie-Geschäftsleitung erklärte der Handelsfachbetreuer der Gewerkschaft Verdi und Hertie-Aufsichtsratsmitglied Johann Rösch gegenüber der tz die aktuelle Situation bei Hertie.

Wie ernst ist die Lage bei Hertie?

Rösch:Sehr, sehr ernst. Die genaue Finanzlage von Investor Dawnay Day ist in der Führungs-etage von Hertie nicht bekannt. Niemand hier weiß derzeit, wie es weitergeht – alle warten auf aussagekräftige Informationen vom Investor aus London.

Droht Hertie und seinen 73 deutschen Filialen jetzt die Insolvenz?

Rationell gibt es derzeit kaum Gründe, dass es eine Wende zum Besseren gibt.Schon morgen kann die Situation einsetzen, dass die finanzielle Lange nicht mehr beherrschbar ist.

Wurden die Hertie-Mitarbeiter von der Geschäftsleitung über den Ernst der Lage informiert?

Am Freitag gab die Geschäftsleitung einen Mitarbeiterbrief raus, wo auf die ungewisse Zukunft hingewiesen wurde.

Wie konnte Hertie so in Schieflage geraten. Man spricht von 170 Millionen Euro Schulden?

Es wurden nach dem Verkauf der Filialen von Karstadt an den britischen Investor Dawnay Day zwar Managementfehler gemacht. Doch könnte Hertie allein die Situation vielleicht mit neuen Konzepten bald wieder beherrschen. Doch das große Problem ist die finanzielle Schieflage des Hauptinvestors Dawnay Day, der jetzt offenbar völlig überraschend wegen der Finanz- und Immobilienkrise ins Schleudern geraten ist. Wenn Dawnay Day jetzt nicht zu retten ist, dann wäre das nicht nur das Aus von allen Hertie-Filialen sondern es gäbe auch einen neuen internationalen Tsunami.

Was geschähe dann mit den Hertie-Mitarbeitern und Filialen?

Die 4100 Beschäftigten in den 73 Filialen in Deutschland müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Man müsste dann versuchen, einen neuen Investor zu finden. Schließlich stehen viele Filialen, die oft am Ort noch das einzige Warenhaus sind, noch relativ gut

da. uf.

tz-Stichwort: Hertie / Dawnay Day

Hertie geht auf den jüdischen Unternehmer Oskar Tietz zurück, der 1982 in Gera sein erstes Geschäft eröffnete. Während der Naziherrschaft musste Tietz seine Kaufhäuser abgeben und den Namen ändern. Abgeleitet aus dem Namen seines Onkels Hermann Tietz entstand damals „Hertie“. 1993 wurde das Unternehmen an Karstadt-Quelle veräußert. 2005 reichte Karstadt-Eigner Arcandor 73 kleinere Kaufhäuser für 500 Mill. Euro an ein Konsortium des britischen Finanzinvestors Dawnay Day weiter, das diese Filialen seither unter dem reaktivierten Markennamen Hertie betreibt. Die Dawnay-Day-Holding mit Sitz in London ist mit 4 Milliarden Euro Eigenkapital weltweit in vielen Sparten als Finanzinvestor tätig.

Quelle: tz

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