Student (26) überlebt dramatische OP

Herzattacke! Münchner bricht beim Joggen zusammen

+
Matthias (26) vor der berühmten Golden Gate Bridge. In San Francisco begann seinHerzdrama.

München - Er hielt sich für kerngesund, doch beim Lauftraining in San Francisco bricht der Münchner Student Matthias (26) plötzlich einfach zusammen. Es beginnt eine dramatische Rettungsgeschichte.

Matthias (26; Name von der Redaktion geändert) hielt sich für kerngesund, fühlte sich fit wie ein Turnschuh. Bis der sympathische Student aus München beim Joggen in San Francisco bewusstlos zusammenbrach: Kein Puls mehr, Kammerflimmern – immer wieder setzte sein Herzschlag aus. Urplötzlich war der schlanke, gut trainierte Hobbysportler dem Tod näher als dem Leben. So begann vor der Silhouette der berühmten Golden Gate Bridge eine dramatische Rettungsaktion, die in einem Spezialflugzeug bis nach München führte: „Warum ich heute noch lebe“ – in der tz erzählt Matthias seine Geschichte.

Ihm fehlen ungefähr zwei Wochen. Als ob die dramatischste Zeit seines Lebens einfach aus dem Gedächtnis gelöscht worden wäre. Diese Amnesie – so der medizinische Fachbegriff – umfasst sogar die letzten drei Tage vor dem Kollaps. „Und erst zehn Tage danach bin ich wieder bewusst wach gewesen“, sagt Matthias. Auch ein Jahr später weiß er nur aus Erzählungen anderer, was damals genau mit ihm geschehen ist.

Rettungskette funktioniert

„Ich muss plötzlich langsamer geworden sein. Dann habe ich mich offenbar hingesetzt und bin umgekippt.“ Zum Glück ist Matthias an diesem verhängnisvollen November-Tag nicht alleine beim Joggen. Zwei Studienfreundinnen rennen zu ihm, darunter eine angehende Ärztin. Auch eine Krankenschwester, die zufällig gerade einen Spaziergang macht, eilt sofort herbei. Dann der Schock: Die Ersthelferinnen fühlen keinen Puls mehr.

Geistesgegenwärtig beginnen sie mit einer Herzdruckmassage, halten den Patienten damit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte am Leben. „Es hat 20 Minuten gedauert, bis die Ärzte mein Herz stabilisieren konnten“, berichtet Matthias.

Im Krankenhaus in San Francisco wird die Körpertemperatur des Patienten auf 32 Grad heruntergekühlt. „Das macht man, um Schädigungen des Gehirns vorzubeugen“, erklärt Professor Christian Schreiber vom Deutschen Herzzentrum München. „Bei Matthias hat die gesamte Rettungskette offenbar sehr gut funktioniert. Sonst hätte er diese schwere Herzattacke nicht überlebt.“

Untersuchungsmarathon im Krankenhaus

Mehrfach kommt Matthias im Krankenbett kurz zu sich. Überall Schläuche, Kabel, medizinische Gerätschaften. Zunächst kann er nicht sprechen, denn der Beatmungsschlauch steckt noch in seinem Hals. „Ich wusste ja nicht, wo ich bin und was mit mir passiert ist, habe immer wieder dieselben Fragen auf einen Zettel geschrieben.“

Während sich sein Zustand bessert, starten die amerikanischen Ärzte einen Untersuchungsmarathon. Trotzdem bleibt die Diagnose zunächst schwierig. Nur langsam kommen die Mediziner der Ursache des Kollapses auf die Spur: „Sie haben gemerkt, dass mit meinen Herzkranzgefäßen etwas nicht stimmt.“

Später sollte sich im Deutschen Herzzentrum herauskristallisieren, dass es sich um eine seltene Anomalie der Herzkranzarterie handelt. Sie ist nicht korrekt mit der Hauptschlagader verwachsen. Vereinfacht erklärt: Die Kupplung zwischen Arterie und Aorta ist defekt. „Unter starker Belastung kann die Blutversorgung abgeschnitten werden – und zwar ohne jede Vorwarnung“, erläutert Professor Schreiber. „Dann können Symptome auftreten wie bei einem Infarkt.“ Solche lebensgefährlichen Anomalien am Herzen sind wie tickende Zeitbomben, sie lassen sich nur mit einer Operation entschärfen. Aber nur wenige Kliniken weltweit besitzen die nötige Erfahrung. Dazu zählt das Deutsche Herzzentrum in Matthias’ Heimatstadt München.

Teure Rückreise nach Deutschland

Alle Beteiligten wissen: Bei dem Spezialistenteam um Chefchirurg Professor Rüdiger Lange wäre er in den besten Händen. So macht sich Matthias’ Vater daran, seinen schwerkranken Sohn nach Hause zu bringen. Gemeinsam mit der Familie in Deutschland und den amerikanischen Ärzten organisiert er von San Francisco aus den Rücktransport.

Ein Kraftakt mit vielen bürokratischen Scherereien. Denn jetzt geht es – so bitter es klingt – nicht mehr nur um Matthias’ Leben, sondern auch um sehr viel Geld. Am Ende übernimmt seine private Krankenversicherung die Kosten. Eine halbe Million Euro werden fällig – allein für die Behandlung in den USA und den Sonderflug nach Deutschland. Dagegen wirken die rund 25 000 Euro für die spätere OP in München wie ein Kleckerbetrag.

Drei Wochen nach seinem Kollaps verlässt Matthias Kalifornien mit einem Krankenflugzeug. „Ich habe eine Spezialweste mit eingebautem Defibrillator getragen.“ Im Falle von erneutem Kammerflimmern sollte das Hightech-Gerät Matthias’ Herz mit Elektroschocks wieder in den richtigen Takt bringen. „Außerdem hat mich noch ein Arzt begleitet.“

"Ich bin gelassener"

Die heikle Reise verläuft komplikationslos. Schon 48 Stunden nach seiner Ankunft in München kommt Matthias unters Messer. Sechs Stunden lang dauert die Operation am offenen Herzen, dann überbringen die Ärzte der Familie die erlösende Nachricht: „Wir konnten die lebensgefährliche Anomalie vollständig beseitigen“, berichtet Professor Lange. Nachwirkungen muss der junge Patient auch mittel- und langfristig nicht befürchten, mit seinem reparierten Herzen kann er steinalt werden.

Ein gutes Jahr ist inzwischen vergangen – und Matthias’ Genesung schon weit fortgeschritten: „Ich fühle mich gut, kann ganz normal arbeiten“, sagt der 26-Jährige. Gerade feilt er an seiner Doktorarbeit in Maschinenbau. Er kann zudem bereits wieder Sport machen: „Radeln und Kraftraining.“

Auch wenn Matthias noch ein paar Prozent zu seinem früheren körperlichen Leistungsvermögen fehlen – mental ist er gestärkt aus seiner Leidenszeit in den Alltag zurückgekehrt: „Früher war ich ein ziemlich ungeduldiger Mensch“, erzählt Matthias. „Heute bin ich in vielen Situationen gelassener. Weil ich durch meinen Unfall gelernt habe, dass im Leben halt doch nicht alles nach Plan verläuft.“

tz-Info: Deutsches Herzzentrum

Das Deutsche Herzzentrum.

Das Deutsche Herzzentrum München (DHM) in der Lazarettstraße gehört zu den führenden Spezialkrankenhäusern in Deutschland. Es beherbergt drei Kliniken (Kardiologie, Kinderkardiologie und Herzchirurgie). Darin behandeln Experten mit internationalem Renommee jährlich etwa 10 000 Patienten stationär und 17 500 ambulant. Die erfahrenen Herzchirurgen um Klinikdirektor Professor Rüdiger Lange (auf unserem Foto vorne mit der kleinen Patientin Katharina) und sein Stellvertreter Professor Christian Schreiber (hinten) operieren pro Jahr rund 2700 Menschen.

Andreas Beez

Auch interessant

Meistgelesen

Kommentare