Hier hilft sich Jung und Alt

Wohnen für Hilfe wird 25 - ein ganz besonderes Lebensgefühl

Walter Tießler (92) und Aldina Imamovic (34) stehen vor einer Voliere.
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Mitbewohner unter sich: Aldina und Walter vor der Voliere.

Mehrere Generationen unter einem Dach – was früher üblich war, wird gerade wieder neu entdeckt. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ bringt Jung und Alt zum beiderseitigen Nutzen zusammen.

Walter Tießler (92) und Aldina Imamovic (34) stehen vor einer Voliere. Imamovic hält sanft einen Wellensittich in der Hand. Tießler lächelt. Die Vögel sind sein ganzer Stolz. Die beiden könnten Opa und Enkelin sein – sind aber Mitbewohner. Diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft hat sich über das Projekt „Wohnen für Hilfe“ ergeben. Und sie funktioniert.

Wenn die beiden miteinander reden, spürt man eine familiäre Vertrautheit. Der gelernte Koch erzählt: „Als meine Frau 2011 starb, ist erst meine Enkelin für ihr Studium hier eingezogen.“ 2018 zog sie wieder aus, Tießlers Sohn hörte sich um – und stieß auf das Projekt „Wohnen für Hilfe“. Seitdem leben in den zwei Zimmern im ersten Stock des Hauses Mitbewohnerinnen.

Unterstützung für ältere Menschen, günstige Mieten für junge Menschen – Gesellschaft für beide. Das ist das Konzept des Wohnprojekts „Wohnen für Hilfe“. Viele Menschen im Alter wohnen allein, sehnen sich nach Gesellschaft, brauchen Unterstützung im Alltag. Auf der anderen Seite stehen junge Leute, die in der Ausbildung sind und sich die teuren Mieten in München nicht leisten können. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ verbindet diese beiden Seiten – und wird im Herbst 25 Jahre alt.

Wohnen für Hilfe: Beide sind überglücklich

Imamovic ist Tießlers dritte Mitbewohnerin. „So richtig Hilfe annehmen will er aber nicht“, erzählt sie und lacht. „Die wollen mir immer helfen, aber solange ich noch kann, mache ich alles selber!“ sagt Tießler, sprühend vor Lebensfreude. Ein bisschen Unterstützung ist dann aber doch nötig: Ab und zu eine Autofahrt zum Arzt, einkaufen gehen – oder die 26 Kanarienvögel und Wellensittiche des 92-Jährigen füttern.

Imamovic macht eine Ausbildung zur Verkäuferin. Zuvor hat sie in Ismaning gewohnt, weil sie sich mit ihrem Ausbildungsgehalt in München kein Zimmer leisten konnte. Dann hat sie über eine Freundin von Wohnen für Hilfe erfahren – und einen Monat später Tießler kennen gelernt. Seit August 2020 wohnt sie bei ihm und ist glücklich. „Am Anfang war ich etwas unsicher: Was kann ich tun, was soll ich tun, wo kann ich essen und so weiter“, erzählt sie. „Aber Walter hat gleich gesagt: ,Hier ist man nicht schüchtern, du darfst alles fragen, fühl dich wie zu Hause!‘“

Am Wochenende wird Schach gespielt

Seitdem läuft die WG rund. Jedes Wochenende spielen die beiden Schach, und wenn Tießler etwas mit seiner Familie unternimmt, kommt Imamovic mit. „Ich war von Anfang an ein Teil der Familie Tießler“, sagt sie. Die 34-Jährige fühlt sich nicht als Untermieterin, eher wie Tießlers Enkelin. „Er kümmert sich immer um uns“, sagt sie und schaut ihn liebevoll an. Miete zahlt Imamovic nicht, sie geht einkaufen. Und unterstützt Tießler – wenn er denn will. Und er unterstützt sie. „Sie ist eigentlich Rechtsanwältin“, sagt er. Imamovic hat in Bosnien Jura studiert, das Studium wird in Deutschland nicht anerkannt. Tießler motiviert sie, nach ihrer Ausbildung die Zusatzprüfungen zu machen und den nötigen Deutschkurs. Die beiden lernen voneinander – schwer zu sagen, wer wen mehr unterstützt.

Sozialpädagogin Marion Schwarz von „Wohnen fürt Hilfe“ erklärt das Konzept: Die Wohnraumsuchenden leisten pro Quadratmeter Zimmer, das ihnen zur Verfügung steht, eine Stunde Unterstützung im Monat. „Wie die aussieht, wird vorher ausgemacht“, sagt Schwarz. Zum Beispiel in Form von einkaufen, putzen oder auch Spazieren gehen oder Unterstützung am Computer. Zahlen müssen die jungen Erwachsenen nur noch die Nebenkosten. Die Wohnraumsuchenden seien meist junge Leute, Studierende oder Auszubildende. „Und oft auch junge Menschen, die schon einen sozialen Hintergrund haben, vielleicht auch gerade ein freiwilliges soziales Jahr machen.“ Und wenn es ideal läuft, ist es so harmonisch wie bei Walter und Aldina.

So funktioniert das Wohnen für Hilfe

Wer ein Zimmer zu vergeben hat, kann sich zunächst telefonisch bei „Wohnen für Hilfe“ melden (089/13 92 84 19 20). Nach ausführlicher Beratung und Gespräch wird ein Fragebogen ausgefüllt. Dasselbe gilt für die Zimmersuchenden. Dann beginnt der Vermittlungsprozess: Wenn ein mögliches Wohnpaar gefunden wurde, findet ein Kennenlernen statt. Wenn es passt, wird eine Vereinbarung zur Wohnraumüberlassung abgeschlossen. Die ersten vier Wochen gelten als Probewohnen, die Wohnpartnerschaft kann in diesem Zeitraum jederzeit beendet werden. Auch während des Zusammenwohnens wird die Wohnpartnerschaft begleitet und „Wohnen für Hilfe“ bietet jederzeit Unterstützung bei Fragen.

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