Hier trainieren Münchens Tarzans

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Ein Kursteilnehmer an einer Buche. Schwieriger noch als das eigentliche Klettern ist die Handhabung der Sicherungsseile.

München - Im Englischen Garten findet der Einsteigerkurs der Münchner Baumkletterschule statt. Dort hangeln sich Männer in 20 bis 30 Meter Höhe durch die Bäume - wie Tarzan im Urwald.

Mitten im Englischen Garten, ganz in der Nähe des Biergartens Aumeister, hängen mehrere Männer in den Bäumen. „Wie Tarzan“, sagt ein vorbeifahrender Radler und schmunzelt. Ja, es wirkt fast so, als befänden sich die Männer in ihrem natürlichen Lebensraum – 20-30 Meter über dem Boden und mit mehreren Seilen gesichert. Die insgesamt 40 Männer, die in vier Gruppen an jeweils zwei Buchen rauf- und runterkraxeln, machen das nicht zum Spaß, zumindest nicht nur: Sie besuchen den Einsteigerkurs der Münchner Baumkletterschule.

Seil-Kletter-Technik steht auf dem Programm, eine vorgeschriebene Ausbildung für alle, die im Baum arbeiten. „Es geht da immer um Verkehrssicherung“, sagt Tilo Scholze, der Büroleiter der Baumkletterschule München. Ausgebildete Baumpfleger schneiden Bäume zurecht und befreien sie von losen Ästen und Totholz, das sonst auf Wege fallen und ­Passanten verletzen könnte. Akrobatisch müssen die Baumpfleger sein und sich alle zwei Jahre beim Arzt auf ihre Fitness testen lassen. Und sie müssen „irgendwie anders ticken“, meint der Ausbilder Willie Freese, der die gelernten Forstwirte, Landschaftsgärtner oder auch mal interessierte Biologen oder Ornithologen seit zwölf Jahren auf die Bäume lotst.

„Das sind keine normalen Garten- und Landschaftsgärtner. Das Klettern fordert den ganzen Menschen, eine hohe geistige Konzentration und körperlich wird jede Muskelfaser beansprucht.“ „Beim Klettern ist alles anders, man kommt hoch hinaus und hat immer Abwechslung“, sagt Timo Kummer aus Stuttgart. Der 19-Jährige ist gelernter Forstwirt, hat sich in seinem Beruf aber schnell gelangweilt. Beim wackeligen Klettern auf den feinen Ästen der Außenkrone findet er jetzt die Herausforderung, die er braucht. „Das Klettern an sich ist eigentlich leicht“ sagt er. „Es ist viel schwieriger, sich richtig einzuhängen, die verschiedenen Knoten zu beherrschen und die ganze Theorie.“ Denn am Ende des fünftägigen Kurses steht der Abschlusstest: Zwölf Fragen zur Theorie, und dann der praktische Teil: So tun, als würde man einen Ast absägen, die acht gängigen Knoten beherrschen und dann die Rettung eines Kollegen aus dem Baum.

Normalerweise kein Problem für die Kletterer, von denen im Schnitt nur jeder Zehnte den Kurs wiederholen muss. Und wen es trifft, der hat meistens einen gefährlichen Fehler gemacht: Das Kreuzen der Baumsäge vor dem Seil, an dem er hing. „Da reicht eine kleine Berührung, und das Ding ist durch“, weiß Tilo Scholze. Das ist bei seiner heutigen Gruppe zwar noch keinem passiert, aber einer in der Nachbargruppe war nah dran. „Dem ist aus 20 Metern Höhe die Säge aus dem Schutzbeutel gefallen und ganz knapp neben dem Ausbilder auf den Boden gefallen.“

Dem ist der Schreck noch deutlich anzusehen. Finster pflaumt er jeden an, der sich ohne Helm den Bäumen nähert, und angesprochen will er am liebsten auch nicht werden. Ein Erlebnis ist das Baumklettern allemal, aber eben auch ein gefährliches. Alle potenziell gefähr­lichen Äste, betont Thilo Scholze am Ende noch einmal, können die Baumpfleger in einem Areal wie dem Englischen Garten natürlich nicht entfernen. „Bei Wind und Wald muss man immer auch selber ein bisschen gucken, das kann sonst schnell gefährlich werden.“

Ann-Catherin Karg

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