MVV-Tickets, Versicherungen, Bankkredite

Hier werden Rentner diskriminiert

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Hans B. (85) mit seiner Jahreskarte: „Ich brauche sie, um noch mobil zu sein“.

München - Besonders für viele Senioren wird München immer mehr zum unbezahlbaren Pflaster. Dazu kommt: Viele der älteren Bürger in unserer Stadt fühlen sich schlichtweg diskriminiert – einfach nur, weil sie alt sind.

„Es gibt leider viele Beispiele, wo Senioren in unserer Gesellschaft benachteiligt werden“, betont Vdk-Chefin Ulrike Mascher immer wieder. „Hier muss ein Umdenken passieren.“ Die tz zeigt einige Fälle auf, wo ältere Bürger zweifelsohne diskriminiert werden. Und dies immer aus rein wirtschaftlichen Gründen!

Hans B.: Ärger mit dem MVV-Ticket!

Für seine 85 Jahre ist Hans B. echt noch topfit: Jeden Tag hilft der Münchner in der Innenstadt seiner Tochter in deren Rechtsanwaltskanzlei – und in der Freizeit spielt der Rentner auch noch Tennis. Ja – Hans B. ist viel unterwegs. Aus diesem Grund besorgt er sich auch jedes Jahr eine nicht übertragbare Abo-Jahreskarte des MVV. Nur: Genau wegen der gibt es jetzt Ärger. „Ich konnte nämlich mein Ticket wochenlang nicht nutzen, weil ich eine schwere Hüftoperation hatte.“ Daher wollte der Senior die Kosten für einen Monat zurück haben. Aber da spielen MVV und MVG gar nicht mit…

Keine Leistung – und trotzdem zahlen müssen? Hans B. versteht das nicht: „Knapp 600 Euro lege ich für die Seniorenkarte IsarCard60 im Gesamtnetz hin – und dann kommt man mir bei einem Krankheitsfall nicht entgegen?“ Wochenlang lief der Rentner von einer MVV-Info-Stelle zur anderen, telefonierte unzählige Male – jedesmal bekam er das Gleiche zu hören: „Nein, eine Rückerstattung gibt es für Sie nicht.“ Und das obwohl der Rentner seine OP und den Krankenhausaufenthalt mit Attesten beweisen konnte. „Das ist egal. Bei einem Seniorenticket gibt es keine Rückerstattung“, so die Antwort. Der Rentner ist sauer: „Das ist doch Altersdiskriminierung!“

Mit diesem Vorwurf liegt Hans B. gar nicht so falsch, wenn man sich die MVG-Vertragsbedingungen für die IsarCard mal genau anschaut: Beim normalen IsarCardAbo (das viele Berufstätige haben – also jüngere Münchner) findet sich ein Punkt 17 in den Vereinbarungen. Dort ist zu lesen, dass es eine Preiserstattung gibt, wenn der Fahrgast mit Attesten belegen kann, dass er länger als 15 Tage krank war. Merkwürdig: Bei der Isarcard60 sowie bei der IsarCard9Uhr (die hauptsächlich ältere Menschen nutzen) fehlt dieser Punkt in den Vertragsbedingungen einfach. Er ist rausgestrichen. „Das ist doch frech. Mir geht es hier ja nicht ums Geld, sondern ums ganze Prinzip“, so Hans B.

Auch Ingeborg Staudenmeyer, Chefin des Münchner Seniorenbeirats, kann da nur verwundert den Kopf schütteln. „Diese Vertragsbedingungen sind nicht nachvollziehbar. Oder man denkt hier nur wirtschaftlich: Ältere Menschen sind natürlich auch mal über einen längeren Zeitraum krank – vielleicht will man hier Rückerstattungen gleich im Voraus ausbremsen.“ Was die zuständige MVG zu den unterschiedlichen Vertragsbestimmungen sagt? „Sowohl bei der IsarCard9Uhr als auch bei der IsarCard60 sind entsprechende Rückerstattungen bisher nicht in der Kalkulation des Fahrpreises berücksichtigt. Wir werden dazu in den MVV-Gremien eine Diskussion anstoßen“, so Pressesprecher Matthias Korte. Heißt: Das Thema kommt immerhin auf den Prüfstand.

Übrigens: Nach den tz-Recherchen wurde Hans B. nun doch angeboten, dass ihm ein Teil seiner Jahreskarte rückerstattet wird. Aber aus reiner „Kulanz“, wie die Verantwortlichen betonen. Also nicht weil man müsste…

Teure Versicherung

Über das Thema Altersdiskriminierung kann auch Wolfgang B. (70) ein Lied singen: Ende Juli berichtete die tz über den Rentner aus Stein an der Traun, der urplötzlich mehr für seine Autoversicherung zahlen musste – weil er 70 Jahre alt geworden war.

Wolfgang B. (70) sollte plötzlich 591 Euro für seine Vollkasko zahlen – statt 525 Euro.

Die Erhöhung bemerkte er per Zufall, als er seine Beitragsrechnung überprüfte. „Da musste ich auf einmal statt der 525 Euro jährlich für meine Vollkasko satte 591 Euro zahlen“, erzählt der Familienvater. Als Wolfgang B. bei seiner Versicherung nachfragt, wird ihm erklärt, dass bei allen Kunden, die 70 Jahre oder älter sind, die Beitrage erhöht werden. Das sei schon immer so. Zudem würden dies alle Versicherungen machen – was generell stimmt. „Damit gebe ich mich aber nicht zufrieden“, erklärt Wolfgang B.: „Wir Alten sind doch nicht automatisch eine Gefahr für den Straßenverkehr.“ Richtig – denn rein statistisch betrachtet, verursachen die jungen Autofahrer weitaus mehr Unfälle auf Deutschlands Straßen.

Wolfgang B. ließ sich die Diskriminierung nicht gefallen: Er hat seine Autoversicherung auf seine drei Jahre jüngere Ehefrau überschrieben. Und schon war der Preis wieder unten!

Kredit nur bei hoher Rente

Der Kampf gegen die Altersdiskriminierung – Ingeborg Staudenmeyer steht jeden Tag an vorderster Front. „Vielerorts herrscht einfach die Devise: Mit den Alten kann man es ja machen“, erklärt die Chefin des Münchner Seniorenbeirates. „Genau hier müssen wir zeigen, dass es so nicht geht!“

Chefin des Seniorenbeirats: Ingeborg Staudenmeyer.

Besonders bei Banken sei oft zu beobachten, dass sie mit älteren Mitbürgern anders umgehen: „Da bekommen sie nur einen Kredit, wenn ihre Rente richtig hoch ist“, so Staudenmeyer. Und ab einem bestimmten Alter sei sowieso Schluss. Generell hätten es die Älteren in einer Großstadt wie München schwer. „Nehmen wir als Beispiel die Grundsicherung: Wer soll denn mit 800 Euro in München auskommen? Auf dem Land geht das grad, aber bei uns? Daher muss die Grundsicherung steigen! Aber das scheint niemanden in der Politik zu interessieren.“

Haben die Senioren keine Lobby? Tatsache ist jedenfalls auch: In München ist der Seniorenbeirat nicht Teil des Direktoriums im Rathaus. Heißt: Er ist nicht eigenständig (wie beispielsweise der Ausländerbeirat), sondern ist dem Sozialreferat unterstellt, muss somit jede Kleinigkeit absegnen lassen.

Die tz gibt Senioren eine Stimme

Knapp 260.000 Senioren (also Menschen über 65 Jahren) leben in unserer schönen Stadt. Was sind ihre Wünsche? Was ihre Ängste? Die tz hat sich schon immer intensiv um die Belange unserer ältesten Mitbürger gekümmert – jetzt geben wir ihnen auch eine Stimme. Zusammen mit dem Seniorenbeirat München werden wir in der tz die Probleme direkt angehen: Sie ärgern sich über etwas? Sie fühlen sich ungerecht behandelt, haben Probleme mit Behörden? Dann schreiben Sie uns: Wir versuchen Ihnen beizustehen.

Schreiben Sie uns per Post an tz München, Stichwort: Senioren, Paul-Heyse-Straße 2-4, 80336 München oder per E-Mail an senioren@tz.de

Armin Geier

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